Berliner Theatertreffen-Auswahl 2026: Ein Hang zur Spießbürgerlichkeit

Historienschinken und politisch Kurzsichtiges: Unsere Kritikerin überzeugt die Auswahl der zehn „bemerkenswertesten Inszenierungen“ für das Theatertreffen nicht. Zwei allerdings kann sie uneingeschränkt empfehlen


Was „Il Gattopardo“ uns heute sagen will, darüber rätselte schon die Kritik

Foto: Krafft Angerer


Bevor die Jury des Theatertreffens an diesem Dienstag die Auswahl der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen verkündete, gedachte der Intendant Matthias Pees zunächst des kürzlich verstorbenen langjährigen künstlerischen Leiters der Berliner Festspiele, Ulrich Eckhardt. Dieser habe nicht nur bis zum Jahr 2000 fast 30 Jahre lang entscheidende Impulse für das Haus gesetzt, sondern es sogar geschafft, dass 1989 Inszenierungen aus der DDR beim Theatertreffen zugegen waren. (Ich habe nachgeschaut: Gleich vier Inszenierungen der damaligen Legenden Heiner Müller, Thomas Langhoff, Horst Hawemann und Christoph Schroth waren vertreten.) „Die DDR war also 1989 hier dabei“, wiederholt Pees anerkennend und unkt dann in Form eines schrägen Lapsus: „Mal sehen, wie das heute klappt!“

Das Theaterland DDR ist aus allgemein bekannten Gründen natürlich nicht vertreten. Aber während der Pressekonferenz dachte ich über diese merkwürdige Vergangenheitsbehaftung nach, in der der Osten des Landes noch immer als eine wie auch immer geartete „DDR-Zone“ wahrgenommen wird. Dieser Mangel an Gegenwartsbezug kam dann – Zufall oder nicht – auch in der tatsächlichen Auswahl zum Ausdruck, in der es vor Bürgerlichkeit mal wieder nur so strotzt.

Vorneweg die Inszenierung Il Gattopardo von Pınar Karabulut, die in Zürich den Film Der Leopard von Luchino Visconti nachinszeniert hat – mit begehbarem Schloss, üppigen Kostümen, aufwendigen Kulissen und Bankett. Was uns – über das enorme Ausstattungsbudget hinaus – der Untergang des italienischen Adels eigentlich erzählen soll, darüber grübelte bereits die Kritik. Der Jury war der Historienschinken aber trotzdem eine Einladung wert. In Jette Steckels politisch kurzsichtigem Mephisto an den Münchner Kammerspielen nach dem Roman von Klaus Mann wird (zum x-ten Male auf deutschen Bühnen) langatmig um Verständnis für einen einsamen Künstlermann geworben, der seine Karriere nicht aufgeben möchte, bloß weil die Nationalsozialisten an der Macht sind.

Ein notorisch eingeladener Theatertreffen-Regisseur ist gleich zweimal dabei

In Serotonin nach Michel Houellebecq entblößt ein fünfstündiger Monolog die Seele eines gestörten Mannes (Überraschung!), und sein notorisch eingeladener Theatertreffen-Regisseur Sebastian Hartmann ist dieses Jahr sogar noch mit einer zweiten Nominierung dabei: Der Hauptmann von Köpenick als deutsches Kasperletheater, immerhin aus der „Provinz“ Cottbus. In Three Times Left is Right enden die politischen Polarisierungen eines Ehepaars in einem Gemetzel. Die Glasmenagerie vom Theater Basel zeigt familiäre Einsamkeit im Kapitalismus, und Fräulein Else von Leonie Böhm aus Wien würde #Metoo zum Thema haben, hieß es in der Konferenz.

Ich weiß ja nicht, aber mir kommen diese seit Jahren regierenden Bühnenthemen, die auf die „Scheinhaftigkeit der bürgerlichen Fassade“ aufmerksam machen wollen, mittlerweile zu den Ohren heraus (obwohl ich mich ernsthaft bedanken möchte, dass dieses Jahr keine „aktuell überschriebene“ Nora-Inszenierung zu sehen ist). Da ist dem Journalisten und ehemaligen Freitag-Redakteur Matthias Dell nur eine intelligente Hand zu wünschen, wenn er die neue Diskursreihe des Theatertreffens kuratiert, die sich an den Themen der Auswahl orientieren soll.

Zumindest zwei Abende haben ihren definitiv berechtigten Platz: der als siebenstündige Kochshow getarnte Kriegsdiskurs Wallenstein von Jan-Christoph Gockel und Florentina Holzingers A Year without Summer, ein luzides performatives Nachdenken über die Machtübernahme der Maschinen über den (weiblichen) Körper.

Ansonsten bleibt das Theatertreffen auch in diesem Jahr seinem etablierten Motto treu: im Dunkel des Raumes eine Insel der Seligen für Realitätsflüchtende zu sein.