Deutsche Bahn: Der große Stillstand zur Winterzeit

Wenn sich die letzte Schneeflocke in Matsch, die letzte Eisscholle in eine Pfütze verwandelt hat, lässt sich der großräumige Stillstand auf dem Schienennetz besser analysieren. Die Analyse dürfte sich von Region zu Region unterscheiden, aber auch in Hamburg oder Berlin hatten Bahnkunden am Wochenende einen ähnlichen Eindruck wie den, der sich am Samstagmittag am Kölner Hauptbahnhof bot.
Vom angekündigten Winterchaos durch das Tief Elli ist hier wenig zu sehen: kein Schneefall, keine weißen Dächer, nur kalter Wind und Nieselregen, der über die Bahnsteige fegt. Und trotzdem drängen sich die Menschen am Gleis fünf eng nebeneinander. Denn Norddeutschland war für rund 24 Stunden vom Bahnverkehr abgeschnitten, und pünktlich um 11.11 Uhr sollte ein erster Zug wieder nach Hamburg fahren. Als der ICE 202 endlich einfährt, schiebt sich die Menge hinein wie Wasser in einen zu kleinen Trichter.
Drinnen wird es nicht besser. Jeder Zentimeter im Gang ist besetzt, das Bordbistro leer getrunken. Gespräche drehen sich zwischen genervtem Lachen und Resignation. Die Nachrichten aus Bremen klangen katastrophal. So schrieb die regionale Bahngesellschaft Metronom, es habe noch keine Erkundungsfahrten zwischen Bremen und Hamburg gegeben, daher könne man noch keine Züge auf die Strecke schicken. Doch als der Zug die Strecke entlangrauscht, ist von dieser Katastrophe nichts zu sehen: Es hat zwischen fünf und zehn Zentimeter Neuschnee gegeben – und dafür wurde der ganze Zugverkehr eingestellt?
5000 Mitarbeiter mit Schippen gegen Schneeverwehungen
Die Deutsche Bahn würde die Einschätzung genervter Kunden entschieden zurückweisen, sie nennt die Auswirkungen von Elli die heftigsten der letzten zehn Jahre. Schnee und Eis auf rund 3.000 Kilometern des Schienennetzes in Norddeutschland forderten die Mitarbeitenden und Schneeräumfahrzeuge des Staatskonzerns „auf das Äußerste“, heißt es in einer Pressemitteilung am Dienstagnachmittag.
Rund 5000 Mitarbeitern seien auf den Strecken unterwegs waren, sie kämpften zum Teil mehrmals am Tag mit Schippen gegen die Schneeverwehungen, welche die weiße Pracht so über und unter den Schienen verteilte, dass auch Weichenheizungen nichts ausrichten konnten. Von den rund 70.000 Weichen in Deutschland sind rund 50.000 Weichen beheizt. In Norddeutschland waren es 7800 der 9230 Weichen – manche besser, manchmal schlechter. Zum Teil waren bis zu 100 Weichen zeitgleich gestört.
Die unterschiedlichen Heiztechniken, die sich über das Land verteilen, werde man im Nachhinein noch intensiv bewerten müssen, erläuterte der Chef der DB-Netzgesellschaft InfraGO, Philipp Nagl, in einer kurzfristig einberaumten Pressekonferenz am Sonntag. Die Räumtechnik habe aber funktioniert und reiche aus. 15 Aufenthaltszüge habe die Bahn an den größeren Bahnhöfen bereitgestellt. Sie dienten als Übernachtungsmöglichkeit, falls Reisende keine Hotels nutzen wollten. Am Geld dürfte es in diesen Fällen nicht gescheitert sein. Die Fahrgastrechte sehen großzügige Erstattungsregeln vor, allerdings müssen die Kunden erst einmal in Vorleistung gehen, wenn die Bahn ihnen keine Gutscheine in die Hand drückt.
In solchen Situationen kommt die Sprache auch gern auf die Nachbarländer, die oft zwar mit ähnlichen Wetterphänomenen, aber mit weniger Einschränkungen zu kämpfen haben. Für Nagl ist das kein Grund für Schelte. Er verweist auf das Verkehrschaos, das zuvor mehrere Tage lang auch in den Niederlanden geherrscht hatte. Die Französische Bahn hatte ebenfalls mit Problemen zu kämpfen.
Nagl: Vergleich mit Österreich hinkt
Mit schneereichen Regionen wie Österreich sei die Lage nicht vergleichbar, betonte Nagl, als gebürtiger Österreicher und ehemaliger Manager der Österreichischen Bundesbahnen bestens mit den Gegebenheiten in der Alpenrepublik vertraut. Die 3000 Kilometer Schienennetz, die am Wochenende betroffen waren, müssten im Verhältnis zur Gesamtlänge des österreichischen Schienennetzes gesehen werden. Das beträgt insgesamt überhaupt nur 5000 Kilometer. „Wenn es dort ein Winterproblem gibt, dann auf 100 Kilometern, die man frei fräst und anschließend wieder befahren kann“, berichtet Nagl.
Während sich der Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) am Wochenende grundsätzlich zufrieden zeigte mit der Bewältigung des Schneechaos, hagelte es von der Bahn-Konkurrenz im Schienengüterverkehr Kritik. Der Verband „Die Güterbahnen“ sprach von „Teilkapitulation“ und von einer Vorbereitung auf künftige „Aussetzer“ im Schienenbetrieb. Die Konkurrenz ist offenbar nicht gewillt, diese länger hinzunehmen. Die Auswirkungen von Elli dürften sich im Güterverkehr noch über mehrere Wochen und auf internationale Lieferketten erstrecken, kritisieren sie.
Neben dem DB-Netz müssten auch andere betroffene Infrastrukturen auf ihre Resilienz überprüft werden. „Der DB-Konzern versucht, den Eindruck zu erwecken, die Einstellung des Zugverkehrs sei alternativlos, was angesichts der Betriebskonzepte zum Beispiel in der Schweiz oder Österreich mit deutlich höheren wetterbedingten Anforderungen nicht nachvollziehbar ist,“ kritisierte Verbandsgeschäftsführer Peter Westenberger. Andernorts werde gezeigt, dass die Eisenbahn auch bei Schlechtwetter ihre Daseinsfunktion erfüllen könne. „Wir können es uns nicht leisten, Betriebseinstellungen zum akzeptierten Standard werden zu lassen.“
Die Güterbahnen relativierten zudem die von der Bahn genannten Ausmaße der Sturmfolgen: Demnach seien nur 9 Prozent des Schienennetzes stark betroffen gewesen. „Im Güter- und Personenverkehr reichten die Auswirkungen aber von Skandinavien bis nach Südeuropa“, stellte Westenberger klar.
700 Fernzüge fielen komplett aus
So liegt die Bewertung des eingeschränkten Schneechaos im Auge des Betrachters, des Wohnorts und des angestrebten Reiseziels. Die Bahn war schon am Sonntagmittag mit dem aktuellen Betriebsstatus zufrieden. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits wieder 80 Prozent des Reiseverkehrs in ganz Deutschland wieder in Betrieb. Im Norden immerhin zwei Drittel. Insgesamt fielen rund 700 Fernzüge komplett aus, 400 Züge erreichten ihr Ziel nicht.
Zu diesem Zeitpunkt wirkte Hamburg wie eine Stadt, die einmal tief durchgeatmet hatte – aber noch längst nicht wieder frei war. Reisende die auf den ICE 105 gen Süden warteten, wurden im Minutentakt vertröstet: „Verspätete Bereitstellung aufgrund des Winterwetters“, hieß es. Als der Zug schließlich mit rund 45 Minuten Verzögerung einfuhr, wurden viele Wartende im wahrsten Sinne des Wortes kalt erwischt. In mehreren Wagen war die Klimaanlage ausgefallen. Die betroffenen Wagen blieben gesperrt, sodass sich alle Reisenden in die verbliebenen Wagen drängten. Von einem reibungslosen Verkehr war der Norden an diesem Morgen noch immer ein gutes Stück entfernt.