Fawzia Sido: Die Befreiung

Fragt man Fawzia Sido nach ihrer Kindheit, zeigt sie ein Video von den Puppen, mit denen sie am liebsten gespielt hat. Die Kleider sind verdreckt und löchrig, die Gesichter verstaubt, einer fehlt der linke Arm. Die Puppen gehören zu den wenigen Gegenständen, die ihre Familie retten konnte, aus der Ruine ihres Hauses. Das zweistöckige Lehmhaus im Dorf Ger Zarik in der Region Sindschar im Irak war mal der ganze Stolz der Familie. Ihr Vater hatte als Tagelöhner lange darauf gespart.

„Ich war zehn Jahre alt, und meine Kindheit war mit einem Schlag vorbei“, sagt Fawzia Sido heute. Sie wuchs in einem Umfeld auf, in dem sie für das verabscheut wurde, was sie ist: Jesidin. Die Ursprünge der ethnisch-religiösen Minderheit, die vor allem im Nordirak lebt, reichen mehr als 4.000 Jahre zurück. Als der „Islamische Staat“ (IS) mächtiger wurde, töteten die islamistischen Kämpfer Tausende jesidische Männer, versklavten Frauen und Kinder. Für die Terrormiliz sind Jesiden Ungläubige, Teufelsanbeter, die ausgelöscht werden müssen. Die Frauen wurden systematisch vergewaltigt, misshandelt und gefoltert. Manche von ihnen wurden in Käfige gesteckt und lebendig verbrannt. Als der IS im August 2014 immer näher an ihr Dorf kam, versuchte die Familie Sido, ins Gebirge zu fliehen. Sie teilte sich auf mehrere Autos auf.