Heineken: Weltbrauerei plötzlich ohne Chef

In einer Periode der Umwälzungen im Biermarkt und im Unternehmen kündigt Heineken -Chef Dolf van den Brink seinen vorzeitigen Abschied an. Er werde die Führung Ende Mai nach dann sechs Jahren an der Spitze abgeben, teilte der zweitgrößte Brauereikonzern der Welt am Montag mit. Die Branche ringt vielerorts mit sinkendem Bierabsatz, und Heineken musste im vergangenen Oktober die Geschäftserwartungen zurücknehmen.
Der Wechsel kommt plötzlich und offenkundig ohne vorherigen Plan. Nach eigenem Bekunden beginnt der Konzern jetzt erst den Suchprozess für einen Nachfolger. Auch nach seinem Abgang werde van den Brink Heineken von Juni an noch acht Monate lang beratend zur Verfügung stehen, teilte das Unternehmen in Amsterdam mit.
Somit endet seine Karriere von mehr als 28 Jahren bei dem Getränkeanbieter, der in erster Linie für seine namensgebende Marke bekannt ist, aber auch etwa für Amstel – beides in den Niederlanden weit verbreitete Biere in den Supermarktregalen, in Kneipen und Restaurants. Heineken hatte unlängst auf einem Kapitalmarkttag angekündigt, sich auf 17 Kernmärkte zu konzentrieren und die Investitionen in einige Marken zu senken.
Führung übernommen in der Corona-Pandemie
Der heute 52 Jahre alte Manager war im Juni 2020 als Konzernleiter auf Jean-François van Boxmeer gefolgt, der heute den Aufsichtsrat des frisch von Unilever abgespaltenen Eiscremekonzerns Magnum leitet. Er begann also in einer für die Brauereibranche schwierigen Zeit, wenige Monate nach Beginn der Corona-Pandemie, in welcher der Umsatz in der Gastronomie weitgehend wegbrach. Dazu kommt, dass sich das Verbraucherverhalten ändert und mancherorts die Einstellung zu Alkohol. Höhere Kosten für Rohstoffe, Energie, Personal, Verpackung und Logistik belasten die Margen. Eines der Hauptthemen der Branche ist, inwieweit sie das mit höheren Verkaufspreisen abfedern kann; darum wird mit Einzelhändlern verstärkt gerungen. Im Extremfall listen Supermärkte Produkte zeitweilig aus – in einem aufsehenerregenden Fall führte das im vergangenen Jahr dazu, dass sich Heineken und die Ladenkette Jumbo vor Gericht trafen.
Van den Brink versuchte, das Geschäft langfristig über Expansion in Schwellenmärkten zu sichern. Außerdem sah seine Strategie vor, Verbraucher mehr zu höherpreisigen Bieren zu bewegen und den Verkauf alkoholfreier Biere zu fördern. Der Aufsichtsrat lobte am Montag die „zwingende Strategie für die Zukunft Heinekens“. Indirekt ließen sich Zweifel an van den Brinks Fähigkeiten herauslesen, die Strategie auch energisch in die Tat umzusetzen. „Die nächste Phase wird darauf gerichtet sein, diese Strategie durch disziplinierte Umsetzung unserer strategischen Wachstumsambitionen zum Leben zu bringen“, ließ sich Peter Wennink zitieren, Aufsichtsratschef und bis 2024 Vorstandsvorsitzender des niederländischen Chipmaschinenherstellers ASML. Der Nachfolgeprozess solle „starke Führung für die Zukunft sichern“.
Das Unternehmen stellte den Abgang als eigene Entscheidung des Managers dar. Der nannte als Grund die inzwischen oft gebrauchte Floskel, dies sei „der richtige Moment, die Führung zu übergeben“. Der Abgang fällt in die Halbzeit seiner zweiten Amtsperiode, denn der Vertrag war 2024 um vier Jahre verlängert worden.
Heineken will am 11. Februar über das Geschäftsjahr informieren. Anleger könnten jetzt nervös sein, ob das Zahlenwerk die momentanen offiziellen Erwartungen verfehlt. Die Aktie notierte an der Amsterdamer Börse sechs Prozent unter dem Niveau zum Wochenschluss. Im Leitindex AEX geführt, der neuerdings 30 statt 25 Werte umfasst, war sie am Montag mit Abstand der größte prozentuale Verlierer in einem knapp behaupteten Gesamtmarkt.
Dass Heineken mehr mit einer operativen als strategischen Schwierigkeit ringe, legten auch erste Einordnungen von Analysten nahe. „Wir erwarten keine große Änderung in der Strategie“, prognostizierten die Fachleute von Jefferies mit Blick auf den Nachfolger. „Die harten Meter an strategischer Arbeit sind bewältigt, jetzt ist der richtige Zeitpunkt für einen Übergang an der Spitze, um die Strategie weiter auszuführen.“ RBC Capital urteilte über van den Brink: „Er kam begleitet von hohen Erwartungen, aber Heineken hat nicht entsprechend geliefert.“