Vom Alien zur Avantgarde: Die fünf größten Alben von David Bowie

Im Verlauf von knapp 50 Jahren hat der Ausnahmemusiker David Robert Jones, firmierend unter dem Künstlernamen David Bowie, ein überaus einflussreiches Œuvre/Werk an Alben geschaffen, von denen viele bis heute bestechen, da sie eine erstaunliche Fähigkeit demonstrieren, sich als Künstler beständig neu zu erfinden. Bowie starb am 10. Januar 2016, nur zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag. Grund also, sich auch zu diesem Jahresanfang an ihn zu erinnern.

Für unseren Autor, Uwe Schütte, war David Bowie zeitlebens ein mal ferner-, dann wieder näherstehender Wegbegleiter. Dass Bowie umso wichtiger wird, je länger man ihn kennt, dürfte eine Erfahrung sein, die er mit anderen Hörern und Hörerinnen teilt. Aus rund zwei Dutzend Platten hat Schütte fünf Alben ausgesucht, die jenen, die Bowie noch nicht wirklich kennen, als Einstieg dienen können. Und allen anderen als Anstoß, sich eine der Alben aufzulegen im Gedenken an einen der größten Rockstars der Geschichte.

Glamouröser Messias – The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars (1972)

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Ein Erweckungserlebnis. Fast schon eine religiöse Erfahrung. Und ein kleines Wunder: Am 5. Juli 1972 tritt David Bowie – üppig geschminkt, lackierte Fingernägel, hellrotgefärbte Haare, silberne Astronautenstiefel und in einem farbenfroh schimmernden Regenbogen-Overall – als Inkarnation des androgynen Aliens Ziggy Stardust in der TV-Sendung Top of the Pops auf. Dass die meisten der rund 15 Millionen Zuseher damals noch Schwarz-Weiß-Flimmerkisten besaßen und insofern das glamouröse Farbspektakel nicht vollumfänglich goutieren konnten, tat seiner immensen Wirkung keinen Abbruch. Der Song hieß Starman, vom drei Wochen zuvor veröffentlichten Album The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars.

In Form des extraterrestrischen Fremdlings war unverhofft ein exaltiert auftretender Heiland unter uns Erdenbürger getreten. Ziggy war gekommen, um zu erretten und zu befreien, nämlich aus den Gefängnissen von Familie, Schule, Staat und sonstigen sozialen Disziplinierungsanstalten. Dementsprechend empört waren Eltern, Lehrer und so weiter über das provokant homoerotische Auftreten der Kunstfigur Ziggy. Bowies Beispiel stellte nämlich schlagkräftig unter Beweis, dass man werden kann, wer oder was man sein möchte. Egal wie einsam, wie unverstanden, wie unzugehörig man sich fühlt.

„Just turn on with me, and you’re not alone / Gimme your hands, cause you’re wonderful“, singt Ziggy Stardust auf Rock’n’Roll Suicide, dem letzten Stück des Konzeptalbums, das vom tragischen Scheitern des Rockmessias erzählt. Lauter großartige Hits sind darauf versammelt: der kosmische Glam-Exzess von Moonage Daydream, der euphorische Rausch auf Suffragette City oder das entfesselt-nihilistische Manifest Hang On To Yourself – dank des Ziggy Stardust-Albums vermochte Pop-Musik zum Ausgang junger Menschen aus ihrer unverschuldeten Unmündigkeit werden und zur Waffe im Kampf um Emanzipation von den uns allen vorgeschriebenen Lebenswegen.

Berliner Duologie – Low & „Heroes“ (1977)

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Fluchtpunkt Berlin. Um dem Drogensumpf und Popstartum von Los Angeles zu entkommen, zog David Bowie an einen Ort, wo ihn (fast) niemand erkannte: die Mauerstadt Berlin. Alles ist längst zum Stoff von Legenden und touristischem Städtemarketing geworden: Wie Bowie mit Iggy Pop in einer WG an der Schöneberger Hauptstraße zusammenlebte, seine Besuche in Brücke-Museum, wo er sich von den Gemälden der Expressionisten inspirieren ließ, und nicht zuletzt sein Abhängen im Dschungel, wo er auf Christiane F. und andere traf, die ihn anhimmelten.

Vor allem aber bedeutet „Bowie in Berlin“ dies: die Neugeburt des David Bowie aus dem Geiste des Krautrock. Es war der deutsche Sonderweg der Pop-Musik der siebziger Jahre, die Bowie nach Berlin gebracht hatte: Er bewunderte die minimalistische Elektronik und den maschinellen Puls von Kraftwerk, was insbesondere in den instrumentalen Stücken von Low hörbar ist, desweiteren beeinflusste der gleichförmig-vorwärtsdrängende Motorik-Beat von Neu! die hypnotische Rhythmik in „Heroes“, während die atmosphärischen Ambient-Klangflächen von Cluster und Harmonia gleichfalls unüberhörbare Spuren in den beiden Berliner Alben von 1977 hinterlassen haben.

Während zeitgleich in England der Punk dank Sex Pistols et al. sein verrottendes Gebiss fletschte, erschloss der Exil-Brite Bowie in Form seiner europäischen Kunstmusik unentdeckte Klanggefilde. Vorsicht gilt allerdings stets davor, Bowie zu einem Originalgenie zu verklären: Sein besonderes Talent bestand darin, sich durchaus vampiristisch der Leistungen anderer zu bedienen, um daraus etwas Unerhörtes zu machen. Ohne die Beiträge von Produzent Brian Eno, Tonmeister Tony Visconti oder Gitarrengott Robert Fripp etwa wäre der musikalische Quantensprung von Berlin kaum möglich gewesen.

Die besondere Atmosphäre in der einstigen Hauptstadt der Weimarer Republik und dem im Schatten der Mauer befindlichen Hansa Studio tat ein Übriges. Verdichtet wird die künstlerische Magie dieser Phase im vielleicht größten Popsong aller Zeiten, Heroes. Ein unvergessliches Musikstück.

Gespenstisches Hörwerk – Scary Monsters (and Super Creeps) (1980)

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Ein schreckliches Monster! Bowie kreischt und krächzt. Überdreht schreit er: „Shut up! Shut up!!“ Dann wieder Stammeln und Säuseln. Manchmal murmelt und brabbelt er was Verworrenes. Dann wieder Sprechgesang, der durch Pitch-Effekte unheimlich verzerrt wird. Dazu Hintergrundchöre und eine unverständliche Anweisungen bellende japanische Frauenstimme. Auf dem tollen Cover ist Bowie als Pierrot zu sehen, samt roter Lippen und Haare, dahinter ein Schattenbild der Clownsgestalt mit Zigarette in der Hand. Wie cool. Scary Monsters ist kein Pop, sondern eine ausgeflippte, manische, ganz und gar verrückte Musikmaschine.

Kaum ein ruhiger Moment, vorsichtig mediativ wird die Platte erst am Ende. Überall sägende, kreischende Gitarrensounds. Überhaupt diese singuläre Gitarre, die klingt, als wolle sie etwas erzählen in einer Sprache ohne Worte. Ein enorm dichtes Hörerlebnis, besteht die Musik doch aus Schicht über Schicht sich überlagernden Instrumenten und Vocals. Dazu kaum verständliche Texte, von denen man allenfalls isolierte Schnipsel versteht. Zeilen wie „To be insulted by these fascists / It‘s so degrading“ oder „Put a bullet in my brain / And it makes all the papers“. Keine Ahnung, wie solche Fetzen in ein übergeordnetes Ganzes passen könnten.

Scary Monsters ist ein kompaktes Hörwerk, in dem mit Fashion und Ashes to Ashes die beiden Hits am Ende der A-Seite direkt aufeinanderfolgen. So, als ob man sie bewusst notdürftig platzieren, entsorgen wollte. Die anderen Stücke sind ein kaum enden wollender Vorrat an tollen Riffs, ungewöhnlichen Klängen, fremdartigen Texturen. Im Hintergrund dazu geisterhaft rumorende Geräusche. Scary Monsters (and Super Creeps), erschienen im September 1980, womöglich das beste Album von David Bowie?

Assistierte Selbstbefreiung – 1. Outside. The Diary of Nathan Adler or The Art-Ritual Murder of Baby Grace Blue: A Non-Linear Gothic Drama Hyper-Cycle (1995)

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David Bowies 20. Studioalbum war der lange überfällige Befreiungsschlag, zu dem er aus eigener Kraft nicht fähig war. Brian Eno musste ihn retten aus der kreativen Sackgasse, in die sich Bowie nach dem immensen Erfolg von Let‘s Dance (1983) manövriert hatte. Sein meteoritenhaften Aufstieg in die Liga der internationalen Superstars hatte aus dem innovativen Pop-Künstler eine langweilige Celebrity-Gestalt gemacht. Ohne Nile Rodgers als Produzentengenie an Bord folgte über zehn Jahre lang auf jedes uninspirierte Album ein noch schlechteres. Alles hoffnungslos.

Doch dann kam Eno zurück und erwies sich, wie schon zur Berliner Phase, als Geburtshelfer der künstlerischen Neuerfindung des David Bowie. Dabei führte Eno ein strenges Regime: Mit vorgefertigten Songskizzen ins Studio zu gehen war verboten, der Produzent verlangte den Musikern tagelanges Improvisieren ab und schritt sofort ein, wenn der Fluss der Musik in konventionelle Bahnen geriet. Aus mehr als 30 Stunden Bandmitschnitt wurde ein dreistündiges Konzeptalbum namens Leon destilliert, eine Art dystopisches Hörspiel, das von einer nahen Zukunft erzählte, in der bestialische Ritualmorde an Frauen als Kunstwerke stilisiert werden.

Bevölkert ist diese bizarre Kunstwelt von rund zehn Figuren, die allesamt durch die „Stimmmasken“ Bowies zu Leben erweckt wurden. Wie kaum erstaunt, wollte keine Plattenfirma eine Bowie-Platte ohne Songs haben. Zudem geriet Leon unautorisiert ins Internet. Bowie war zornig. Er warf alles über den Haufen und begann noch mal von vorne. Die verqueren Klangsphären und Improvisationslandschaften lieferten den musikalischen Steinbruch, aus dem Eno und Bowie eine zweite Version bastelten, die sich stärker an Songstrukturen orientierte, freilich ohne den avantgardistischen Anspruch ganz aufzugeben. Outside war geboren.

Das schwierigste, abweisendste Album von Bowie. Der gewagte Eklektizismus bedeutet unverändert eine echte Herausforderung, sich einzuhören in den Stilmix von Jazz und Rock, Elektronik, Industrial und Ambient. Dennoch ergibt Outside eine eigentümliche Mischung aus eingängigen Popsongs wie I Have Not Been to Oxford Town oder elektro-industriellen Stampfern wie Hallo Spaceboy die sich bestens einfügen in improvisierte Spoken-Word-Passagen. Bowie hatte es wieder mal allen gezeigt.

Avantgardistisches Spätwerk – Blackstar (2016)

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In welche Kategorie von Künstler David Bowie gehörte – nämlich die allerhöchste – machte er mit seinem Abschiedsalbum „Blackstar“ deutlich. Es erschien am 8. Januar 2016, seinem 69. Geburtstag, und damit zugleich zwei Tage vor dem vorzeitigen Krebstod. Blackstar war ein musikalisches Vermächtnis, eine selbstreflexive Todesmeditation und emphatische Selbstinszenierung als sterbender Mann. Ein letztes Mal hatte sich Bowie neu erfunden, um sich von uns zu verabschieden mit großer Geste. Ein beeindruckendes Wechselspiel aus Identität und Inszenierung, Oberfläche und Tiefe, Philosophie und Poesie, eine bestechende Synthese aus freiem Jazz, hypnotischem Art-Rock und elektronischer Avantgarde.

Für sein letztes Opus hatte Bowie die kreativen Zügel fast ganz aus der Hand gegeben, damit ein New Yorker Avant-Jazz- Ensemble um den Saxophonisten Donny McCaslin deren eigene musikalische Handschrift zwischen Minimalismus und Improvisation einbringen konnte. McCaslins freie Saxophonlinien wie auch Mark Guilianas polyrhythmisches Schlagzeug prägten den von Brüchen und Risiko geprägten Sound, der sich den Klangtexturen avantgardistischer Electronica wie auch zeitgenössischen Einflüssen von Kendrick Lamar oder Flying Lotus geöffnet. Blackstar ist ein musikalischer Solitär, ein Meisterwerk als uneinholbare Abschiedsgabe. Bowie thematisiert sein Sterben darin nicht nur durch die um Vergänglichkeit und schmerzhafte Schönheit kreisenden Texte, er gestaltet seinen Tod vielmehr aktiv als Kunstwerk.

Überdeutlich wird das zumal im Video zu Lazarus als ein veritables Epos der Verabschiedung: Der mit verbundenen Augen im Sterbebett liegende Krebskranke erhebt sich, um am Schreibpult letzte Worte niederzuschreiben. Dann steigt er merkwürdig zitternd in einem Wandschrank und schließt die Tür hinter sich. „That’s what it sounds like when you are dead: doors opening“, spekulierte Bowie einmal. Der Privatmann David Jones entschwindet in Reich der Toten: „Look up here, I’m in heaven“, lautet die erste Songzeile von Lazarus. Verkunstet zur Persona David Bowie aber wird er für immer weiterleben.

Uwe Schütte ist Autor, Essayist und Literaturkritiker. Er schrieb viel beachtete Bücher über Kraftwerk, Laibach und Genesis P-Orridge. Sein aktuelles Buch Sternenmenschen – Bowie in Gugging, erschienen bei Starfruit Publications, portraitiert, ergänzt mit Fotografien von Christine de Grancy, den Besuch von David Bowie und Brian Eno in der Niederösterreichischen Landesnervenklinik Gugging 1994. Dort leben dauerhospitalisierte Menschen, bei denen der Psychiater Leo Navratil eine besondere künstlerische Begabung erkannte und förderte.