„Kompensatorischer Ausgleich“: Trump könnte Venezuela-Politik aufwärts die Ukraine transferieren

Donald Trump könnte das Prinzip des „kompensatorischen Ausgleichs“, das er für die venezolanische Ölwirtschaft geltend macht, auch auf die Ukraine anwenden und einen ökonomischen Ausgleich als Friedensdividende für bisherige Hilfen fordern.


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Collage: der Freitag, Material: KI Bilder


Ein Rat, um permanenter Schnappatmung zu entgehen: Man sollte nicht länger darüber klagen, was Donald Trump Venezuela und Nicolás Maduro angetan hat. Stattdessen sollte man sich darüber im Klaren werden, welche Lektion er der Welt gerade erteilt. Was, wenn seine Regierung das venezolanische Muster nicht vollends, aber partiell für verlockend hält, um die Ukraine-Frage zu lösen?

Damit ist weniger die Selbstermächtigung zur Aggression gemeint, die zur Blaupause für Russland oder sonst wen taugt. Es geht um einen Anspruch – das Verlangen des US-Präsidenten nach einer Kompensation für Ausfälle, die US-Konzernen durch die seit Jahrzehnten verstaatlichten venezolanischen Ölressourcen entstanden sind. Trump könnte in ähnlicher Weise die Ukraine für all das haftbar machen, was ihr aus den USA seit 2014 zukam und bisher als Verlust abgeschrieben werden muss.

Das globale Datenportal Statista beziffert die bis zum 25. August 2025 ergangenen direkten US-Finanztransfers auf 49,9 Milliarden Euro und die geleistete Waffenhilfe auf 65,6 Milliarden Euro – zusammen gut 119 Milliarden Euro. Die EU-Kommission bewilligte Kiew bis zu diesem Zeitpunkt 99 Milliarden Euro an Beihilfe, nicht einbezogen die aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Polen zuerkannten Mittel. Alles in allem gut 500 Milliarden Euro. Trotz dieser externen Transaktionen, von denen Russland nur träumen kann, wurde der Krieg bis heute nicht gewonnen.

Ökonomische Interessen der USA sind auch eine Sicherheitsgarantie

Was geschieht also, wenn die USA wie bei Venezuela die Maxime des „kompensatorischen Ausgleichs“ geltend machen? Dafür kämen zwei Varianten in Betracht: die Übereignung von Ressourcen, wofür das am 30. April 2025 unterzeichnete Rohstoffabkommen USA/Ukraine die Handhabe bietet. Eine weitere Option bestünde in einem Wiederaufbau der Ukraine, bei dem US-Unternehmen zum Zug kommen und daran verdienen. Um das zu bewirken, muss freilich erst der Krieg beendet werden. Dabei könnte es für die Trump-Regierung zweitrangig sein, wie Territorien zwischen der Ukraine und Russland verteilt oder Sicherheiten garantiert werden.

Es wäre nach dem venezolanischen Junktim – wir führen keinen zweiten Militärschlag, wenn ihr uns beim Öl keine Sperenzien macht und ein geostrategisches Hoheitsrecht einräumt – die Formel verständigen: Die Ukraine wird künftig umso sicherer sein, je mehr sie sich einer von uns implementierten Nachkriegsordnung ergibt. Womöglich bieten die ökonomischen Interessen der USA eine größere Sicherheit als die erwogenen, von Moskau ohnehin nicht geduldeten westlichen Truppenkontingente.

In der 28-Punkte-Agenda der US-Regierung von November las man unter Punkt 14, dass 100 Milliarden Dollar aus beschlagnahmtem russischen Staatsvermögen in den Wiederaufbau fließen und als Investitionen verfügbar sein sollten. Die USA behielten sich vor, „50 Prozent der anfallenden Gewinne“ zu beanspruchen.

Unabhängig davon, ob und wie ein solcher Weg zum Frieden Gestalt annimmt, liefe er auf eine konzertierte Aktion mit Russland bei der Vermarktung eines Friedensschlusses hinaus. Die Aufteilung der Ukraine in eine amerikanische und russische Interessensphäre könnte hilfreich sein. Und wer wollte ernsthaft in Abrede stellen, dass die Frontlage die Regierung in Kiew eher früher als später dazu zwingt, darauf einzugehen? Das bräuchte den Deckmantel nationaler Souveränität. Tatsächlich würde es in einer Weise zur Farce, wie sich das für Venezuela abzeichnet. Und bitte nicht vergessen, dass in Trumps 28-Punkte-Tableau die EU ausdrücklich als Partner eines Wiederaufbaus genannt wird – mit einem Investitionsvolumen von 100 Milliarden Dollar.

Eine ukrainische Friedensdividende für die EU ist nicht ehrenrührig

Wer wollte es dem Europa der Ukraine-Willigen verdenken, dem Prinzip des „kompensatorischen Ausgleichs“ einiges abzugewinnen? Für angeschlagene EU-Ökonomien wäre eine ukrainische Friedensdividende keine Schande, sondern eine Chance. Soviel haben sie bisher vorgeschossen. Wenn sich davon im Krieg nichts zurückgewinnen lässt – was nicht in Aussicht steht –, dann eventuell danach. Das setzt Wohlverhalten gegenüber der US-Regierung voraus, woran es nicht fehlt. Daher verbieten sich ungehörige Debatten. Zum Beispiel, ob ein Gebrauch des venezolanischen Musters für Grönland den NATO-Verteidigungsfall auslöst – ob die NATO, was darunter auch immer künftig zu verstehen ist – das angegriffene Dänemark kollektiv zu schützen hat. Und ob sie das überhaupt kann.