Hohe Lebensmittelpreise: Wer macht sich hier „die Taschen voll“?

Bauernpräsident Joachim Rukwied blickt mit großer Sorge auf die Erzeugerpreise der Landwirtschaft. „Mit jeder Tonne Weizen, die der Landwirt derzeit verkauft, verliert er und fährt Verluste ein“, beklagte er zu Jahresbeginn.
Zugleich schlagen die Verbraucherschützer Alarm: Immer mehr Menschen müssten sich wegen der gestiegenen Lebensmittelpreise einschränken. Gleichwohl reiche das Geld zum Teil nicht aus. Mehr als ein Viertel der Erwachsenen, die sich im vergangenen Jahr Beträge von Familienmitgliedern oder Banken liehen, machten Schulden, um alltägliche Kosten, wie für den Kauf von Lebensmitteln, zu decken. „Das ist dramatisch“, fasste Ramona Pop, die Chefin des Verbraucherzentrale Bundesverbandes, die Stimmungslage diese Woche zusammen.
Verbraucherschützerin Pop: Wer macht sich die Taschen voll?
Aber wie kann es sein, dass die Bürger immer mehr Geld für Lebensmittel ausgeben und der Bauernverband zugleich über die schlechte Marktlage für viele landwirtschaftliche Erzeugnisse klagt? Wer also macht sich auf Kosten von Verbrauchern und Landwirten „die Taschen voll“, wie Verbraucherschützerin Pop monierte?
Bauernpräsident Rukwied verweist auf die dominante Rolle des stark konzentrierten Lebensmitteleinzelhandels, der den landwirtschaftlichen Betrieben wenig Spielraum für ausgewogene Verhandlungen lasse. Die Landwirtschaft verzeichne deswegen seit Jahren Wertschöpfungsverluste. Zustimmung bekommt der Bauernverband nun von einer Seite, die der Agrarlobby insgesamt kritisch gegenübersteht: Die den Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung, der Umweltschutzverband BUND und der Dachverband Kritische Aktionärinnen und Aktionäre veröffentlichten am Mittwoch ein Kompendium zur steigenden Marktkonzentration im Agrar- und Ernährungssektor und den problematischen Folgen dieser Entwicklung.
Marktmacht zulasten der Landwirte und Verbraucher
In dem „Konzernatlas 2026 – Daten und Fakten über die Agrar- und Lebensmittelindustrie“ wird beklagt, dass „Marktmacht“ zulasten der Landwirte und der Verbraucher wirke. Das Profitinteresse der verarbeitenden Industrie und der Handelsketten und die „Oligopolstruktur“ des Lebensmitteleinzelhandels führten dazu, dass Einkaufspreise niedrig gehalten und zugleich die Preise für die Verbraucher erhöht würden. Damit verschöben sich die Gewinnmargen weg von der Landwirtschaft hin zur verarbeitenden Industrie und vor allem zum Handel.
Die höheren Preise für Lebensmittel würden auch nicht durch die Lohnentwicklung kompensiert. Seit 2020 habe sich die Kaufkraft in Deutschland für Lebensmittel um mehr als 15 Prozentpunkte verringert. Die Lebensmittelpreise sind seitdem um rund 36 Prozent gestiegen
Edeka, Rewe, Aldi und Lidl dominieren den Markt
Die Autoren kritisieren, dass die vier großen Supermarktketten – Edeka mit Netto, Rewe mit Penny, Aldi sowie Lidl /Kaufland – ihren Marktanteil von 55 Prozent im Jahr 1995 auf mittlerweile rund 88 Prozent ausgebaut hätten. Sie verfügten damit über „enorme Druckmittel“ gegenüber ihren Lieferanten. Der Preisdruck werde an die Landwirtschaft weitergegeben und mindere die Einkommen der Bauern.
Die Autoren verweisen, ebenso wie der Bauernverband und die Verbraucherschützer, auf das Sondergutachten zu Wettbewerb in der Lebensmittellieferkette, welches die Monopolkommission des Bundes im November 2025 veröffentlicht hatte. Das Gremium empfiehlt unter anderem, „die voranschreitende Konzentration im Einzelhandel zu stoppen und Machtmissbrauch wirksam entgegenzutreten“. Die Auswirkungen von Zusammenschlüssen auf die Verhandlungsmacht in der Lieferkette müssten stärker in den Blick genommen werden.
Wertschöpfung durch Vermarktung und Werbung
In dem Konzernatlas wird auf eine Studie zur Preisbildung auf dem französischen Lebensmittelmarkt verwiesen, der ebenfalls durch starke Konzentration geprägt ist. Demnach spielt die Arbeit der Erzeuger und die Qualität der landwirtschaftlichen Rohstoffe nur für acht Prozent des französischen Lebensmittelmarktes eine maßgebliche Rolle, vor allem dort, wo Direktvermarktung stattfindet und Produkte mit Qualitäts- und Herkunftsbezeichnung, etwa Champagner, verkauft würden, heißt es mit Hinweis auf die französische Nichtregierungsorganisation Basic.
Auf dem Massenmarkt hingegen funktioniere die Preisbildung vor allem durch hohe Volumen- und Skaleneffekte, die Wertschöpfung entstehe durch Vermarktung und Werbung. Da landwirtschaftliche Erzeugnisse für diesen Markt häufig austauschbar seien, müssten die Landwirte Preise akzeptieren, mit denen sie immer seltener ihre Kosten decken könnten.
Thünen-Institut: Viele offene Fragen
Das Thünen-Institut warnt indes vor voreiligen Schlüssen. Das eigene Monitoring von Preisen, Kosten und Margen in landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten zeige, „dass Konzentration auf den Faktor Marktmacht ein allzu einfaches Bild zeichnet“, schreibt die bundeseigene Forschungseinrichtung auf ihrer Internetseite.
In den Jahren 2015 und 2020 seien zwar sowohl die Vorleistungskosten des Handels als auch die landwirtschaftlichen Erzeugungspreise gesunken. Allerdings bleibe die Wirkungsrichtung „völlig offen“, hält das Institut fest und fragt: Realisieren der Einzelhandel oder die Ernährungswirtschaft passiv höhere Margen, weil die Erzeugungspreise und damit die Vorleistungskosten sinken? Oder drücken sie aktiv die Erzeugungspreise ihrer Zulieferer, um so höhere Margen zu realisieren?
Verbraucherschützer warten auf Gespräch mit Ministerin Reiche
Angesichts der Ungewissheiten über den Preisanstieg bekräftigte Verbraucherschutzchefin Pop nun ihre Forderung, die Politik müsse aktiv werden. Die Bundesregierung müsse eine Preisbeobachtungsstelle einrichten, um unfaire Preistreiber aufzudecken. Die Verbraucherschützer stehen allerdings vor dem Problem, dass es keine klare Ressortzuständigkeit für den Anstieg der Lebensmittelpreise gibt. Auf ein Treffen mit Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) wartet Pop bislang vergeblich.