„Normalen Sex gibt es nicht“: 13 Dinge, die eine Sexkolumnistin in 20 Jahren gelernt hat
Den Menschen fällt es so schwer, über Sex zu sprechen. Wenn sich also jemand die Zeit nimmt, sich hinzusetzen, eine Frage aufzuschreiben und sie an eine Zeitung zu schicken, damit ich sie beantworte, betrachte ich das immer als großes Privileg.
In den 20 Jahren, in denen ich meine Kolumne für den Guardian schrieb, wurde mir oft bewusst, wie viele Menschen es noch immer gibt, die im Stillen leiden, weil sie sexuell mit etwas zu kämpfen haben, das sie wirklich belastet. Oft liegt die Lösung in mehr Aufklärung; sie müssen einfach etwas lernen oder dabei unterstützt werden, offener mit einem Problem umzugehen.
Viele Menschen wachsen ohne das Wissen auf, dass Sex gesund und wichtig für die Lebensqualität ist, und sie fühlen sich jedes Mal schuldig, wenn sie Sex oder sexuelle Gedanken haben. Sie konnten ihre Sexualität nie genießen und entdecken, wer sie wirklich sind.
Manchmal ist es nicht die Sexualität selbst, die jemandem Probleme bereitet, sondern es sind gesellschaftliche Vorstellungen – zum Beispiel die Priorisierung der Monogamie –, die ihnen das Leben schwer machen. Eines der Themen, auf das ich gerne näher eingegangen wäre, ist die Sexualität von Menschen mit schweren Behinderungen oder Krankheiten. Viele Menschen glauben, dass sie nicht mehr sexuell aktiv sein können, und oft wird diese Vorstellung von ihrem Umfeld noch verstärkt – das halte ich für tragisch.
Im Laufe der Kolumne stellte ich fest, dass die Leser*innen offenbar ein besseres Verständnis für sexuelle Themen entwickelt hatten. Die Akzeptanz der Geschlechtsidentität von Menschen hat sich erfreulicherweise verbessert. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich verändert, unter anderem durch Dating-Apps und mehr Gelegenheitssex, aber die grundlegenden Themen sind sich ziemlich ähnlich geblieben.
Hier sind einige Dinge, die ich meinen 20 Jahren als Sexkolumnistin durch die Fragen meiner Leser*innen gelernt habe.
1. Die häufigste Frage hat sich nicht geändert
Mangelndes Verlangen ist nach wie vor ein Problem, mit dem viele Menschen zu kämpfen haben. Ein Partner möchte weiterhin Sex haben, der andere hat jedoch kein Interesse mehr daran. Diese Situation ist sehr belastend. Andere sexuelle Probleme kommen und gehen, aber dieses ist seit jeher ein Dauerbrenner.
2. Menschen trennen Sex von Beziehungen
Nähe scheint ein Problem zu sein. Ich habe viele Fragen erhalten, die so formuliert waren, dass mir klar wurde, dass viele Menschen Sexualität von Beziehungen trennen. Sie haben kein Problem damit, Gelegenheitssex zu suchen und zu haben, aber wenn sie versuchen, zu etwas Langfristigerem überzugehen, schreiben sie mir in der Regel, weil sie nicht recht wissen, wie sie das anstellen sollen.
Aber Sexualität bleibt nicht ein Leben lang konstant. Sie verändert sich und entwickelt sich weiter, und Menschen durchlaufen alle möglichen Phasen. Nur weil man mit 20 Jahren Probleme mit Nähe hat und Gelegenheitssex bevorzugt, bei dem man nichts über sich selbst preisgibt und nichts über seinen Partner erfährt, heißt das nicht, dass man mit 30 nicht bereit für etwas anderes ist.
3. Es ist wichtig, die eigene Sexualität zu verstehen
Oft vergleichen sich Menschen mit anderen, konsultieren das Internet oder sehen idealisierte Vorstellungen von Sexualität und Beziehungen in Filmen und so weiter. Viele Menschen sind zu Beginn ihres Sexuallebens verwirrt und finden es schwierig, ihren Kurs zu finden. Es entsteht das Gefühl: „Ich sollte das fühlen“ oder „Ich sollte das tun, aber es macht mich nicht wirklich an“.
Versuchen Sie, wirklich ehrlich gegenüber Ihren eigenen Bedürfnissen zu sein und diese zu akzeptieren, anstatt Erwartungen daran zu haben, was Sie mögen sollten. Sobald Sie das herausgefunden haben, besteht der nächste Schritt darin, dies Ihrem Partner klarzumachen – und auch in der Lage zu sein, Informationen über die Bedürfnisse Ihres Partners aufzunehmen. Wer ist der Andere wirklich, sexuell gesehen?
4. „Normal“ gibt es nicht
Ich verwende das Wort „normal“ nicht, wenn ich über Sexualität spreche, weil es suggeriert, dass es einen bestimmten Standard gibt. Manchmal verwende ich das Wort „normativ“, oft wenn jemand ein wenig Bestätigung braucht. Wenn mich jemand fragt: „Ist es normal, das zu tun?“, antworte ich: „Nun, es ist gängig.“ Aber ich würde nichts als normal bezeichnen, weil es so viele verschiedene Varianten gibt.
5. Der weibliche Orgasmus ist für manche Menschen immer noch ein Rätsel
Ich bekomme immer noch Fragen, die mir zeigen, dass Menschen weiterhin glauben, die einzig „richtige“ Art des weiblichen Orgasmus sei ein rein vaginaler Orgasmus, an dem die Klitoris nicht beteiligt ist. Dass Menschen immer noch so denken oder dies als Ideal betrachten, ist erstaunlich, aber es ist nun einmal so. Sie wurden einfach nicht genug aufgeklärt, um es besser zu wissen.
6. Ich kann nur bis zu einem gewissen Punkt gehen
In meiner klinischen Arbeit kann ich mir Zeit nehmen, um mir einen umfassenden Überblick zu verschaffen und zu verstehen, was zu den Problemen einer Person oder eines Paares geführt hat. Ich konzentriere mich nicht nur auf die Sexualität, denn alles hängt miteinander zusammen.
Bei der Kolumne hatte ich immer nur Bruchstücke von dem, womit sich der Verfasser beschäftigte, und womöglich war ein Partner beteiligt, über den ich keine Informationen hatte, sodass es eine einseitige Sicht war. Ich habe versucht, dieser Person aus ihrer Perspektive ehrlich zu antworten, obwohl ich wusste, dass es immer einen größeren Zusammenhang gibt. Manchmal gab es eindeutig einen medizinischen Aspekt.
Sehr oft hatte ich das Gefühl, dass die Person, die mir schrieb, wirklich von einer zusätzlichen Hormonbehandlung profitieren könnte. Aber selbst wenn ich die Antwort wusste, konnte ich keinen Rat geben – mir blieb nur zu sagen: Gehen Sie zu Ihrem Hausarzt.
7. Sex muss nicht aufhören, wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat
Es war wunderbar, dass ich in den letzten Jahren mehr Fragen von Menschen in ihren 70ern, 80ern und sogar 90ern erhalten habe, die froh über die Tatsache sind, dass Sex immer noch ein Thema für sie ist. Früher kam das kaum vor. Ich wusste zwar, wie so viele, dass Menschen bis zu ihrem Tod sexuell aktiv sein können, aber die Gesellschaft ist altersdiskriminierend.
8. Das Internet hat Sex verändert
Als ich vor 20 Jahren mit meiner Kolumne anfing, schrieb noch niemand wirklich über die digitale Welt. Heute mache ich mir Sorgen darüber, dass junge Menschen Zugang zu sexuellen Bildern haben. Das bedeutet, dass sie nicht unbedingt eine realistische Vorstellung von Sexualität haben, was sich auf ihre späteren Beziehungen und ihr Verständnis ihrer eigenen Sexualität auswirken kann.
Durch Apps ist Sex für viele Menschen leichter zugänglich geworden. Für manche ist das großartig, andere haben damit jedoch Probleme. Jüngere Menschen lernen möglicherweise nicht frühzeitig etwas über Intimität, weil sie sich auf gelegentliche sexuelle Begegnungen einlassen.
9. BDSM ist raus aus dem Keller
Mir ist in den letzten zehn Jahren aufgefallen, dass ich viel mehr Fragen von Leuten aus der BDSM-Community bekam, und das war wirklich gut. Ich glaube, die Leute fühlen sich einfach wohler damit, mit diesen Communitys offener umzugehen. Vor 20 Jahren lief das alles noch sehr versteckt.
10. Wir akzeptieren sexuelle Vorlieben heute eher …
Vor allem jüngere Menschen sind offener für die Idee, dass man andere nicht für ihre Vorlieben „beschämen“ sollte. Ich habe mich immer gefreut, Menschen bei solchen Fragen zu helfen. Aber ich denke, dass es ebenso eine große Anzahl von Menschen gibt, die mir niemals mit ihrem Problem schreiben würden.
Es gibt immer noch viel Angst und Scham in Bezug auf Sex, der nicht als normativ gilt. Als Gesellschaft bewegen wir uns längst nicht in Richtung „alles ist erlaubt“. Was bedeutet das überhaupt? Es gibt immer noch Parameter und Dinge, die berücksichtigt werden müssen – Grenzen, Legalität, Fragen der Einwilligung, die es zuhauf gibt – und all das erfordert Aufklärung und Verständnis.
11. … und polyamouröse Beziehungen
In letzter Zeit habe ich vermehrt Fragen von Menschen erhalten, die Antworten auf Probleme suchen, die in Beziehungen mit mehr als einer Person auftreten – nicht nur sexuelle Probleme, sondern häufiger noch Schwierigkeiten bei der Aushandlung dieser Beziehungen.
Ob es sich nun um langfristige oder lockere Beziehungen handelt, es gibt viele Fallstricke, wenn solche Beziehungen nicht gut ausgehandelt und verstanden werden und wenn die Menschen nicht ordentlich kommunizieren. Es wäre gut, wenn dies breiter diskutiert würde.
12. Es gibt eine Vielzahl von Faktoren, die die Sexualität beeinflussen
Wir wissen immer noch wenig über Neurodiversität, insbesondere wie sexuelle Probleme damit zusammenhängen. Wenn man sich nicht konzentrieren kann oder sehr abgelenkt ist, kann dies die Fähigkeit, Sex zu genießen, erheblich beeinträchtigen. Das ist nur ein Beispiel, aber es gibt unzählige Gründe, warum Menschen beispielsweise ein geringes Verlangen haben, und die Beziehung ist nur ein Faktor.
Ursache kann eine Depression sein, die Auswirkungen eines Trauerfalls oder die Nebenwirkung von Medikamenten. Vielleicht hat jemand Erektionsprobleme und versteht nicht, dass er an einer beginnenden Diabeteserkrankung leidet. Es gibt viele Möglichkeiten, wie der gesamte Zustand einer Person ihr sexuelles Selbst beeinflusst.
13. Menschen sind egoistisch, wenn es um Sex geht – und das kann gut sein
Ich finde, dass Menschen bis zu einem gewissen Grad egoistisch sein sollten, denn wenn sie nicht verstehen, wie ihr eigener Körper funktioniert, können sie das auch nicht ihrem Partner vermitteln und ihm helfen, sie zu befriedigen. Menschen müssen lernen, Lust zu geben und zu empfangen, und manchmal sind sie nicht egoistisch genug: Sie finden es schwierig, Lust zu empfangen, was oft auf ein tief verwurzeltes Schuldgefühl zurückzuführen ist.
Sowohl der Gebende als auch der Empfangende empfinden Lust – und da muss eine Übertragung stattfinden. Wenn Menschen also nicht in der Lage sind, wirklich Lust zu empfangen, werden sie kein befriedigendes Sexualleben haben.
Protokoll: Emine Saner