Kino: „Ein einfacher Unfall“: Wie bestraft man zusammenführen Folterer?

Eine Straße in den Bergen oberhalb von Teheran. Eine Familie fährt im Auto durch die Nacht, Vater, Tochter und die schwangere Mutter, sie singen und lachen. Dann ein dumpfer Schlag: Ein streunender Hund ist vor den Wagen gelaufen. Der Vater zieht das sterbende Tier an den Straßenrand, doch die Stimmung bleibt getrübt. Kurz darauf fällt der Motor aus. Der Besitzer des Hauses, vor dem das Auto steht, bietet an, den Schaden vorläufig zu beheben, er bittet den Fahrer, ihm Material aus seiner Werkstatt zu holen.

In deren Obergeschoss hört ein anderer Mann die humpelnden Schritte des Fahrers, und sein Gesicht versteinert. Als die Familie weiterfährt, um in einem Landhotel zu über­nachten, nimmt er die Verfolgung auf. Am nächsten Tag folgt er dem Fahrer bis in die Hauptstadt, lauert ihm auf, schlägt ihn mit einer Schaufel bewusstlos, packt ihn in eine Kiste und fährt mit ihm in die Wüste, um ihn lebendig zu begraben.

Er brüllt, nun werde der andere für seine Taten bezahlen

Der Vorteil eines Kinos, das an keine Genre-Regeln gebunden ist und keine finanziellen Erfolgserwartungen bedienen muss, liegt darin, dass in ihm alles möglich ist. Eben noch waren wir mit einem Familienvater, seiner Frau und seiner kleinen Tochter auf der Landstraße unterwegs, und im nächsten Augenblick sehen wir denselben Mann gefesselt in einer Sandgrube liegen und um sein Leben flehen, während sein zukünftiger Mörder ihn anbrüllt, er sei Eghbal, der Folterer, der im Gefängnis sein Leben zerstört habe wie das zahlloser anderer Menschen, das Geräusch seiner Beinprothese habe ihn verraten, und nun werde er für seine Taten bezahlen.

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Wir sehen, wie der Mann in der Grube und der Mann mit der Schaufel zu verhandeln beginnen, bis in dem Schaufelnden Zweifel aufsteigen, ob er wirklich den Richtigen erwischt hat, und wie der eine den anderen wieder in die Kiste in seinem Van packt und in die Stadt fährt, um andere ehemalige Gefängnisinsassen zu finden, die den Folterer identifizieren können. Und wir begreifen, dass dies kein Film über eine private Racheaktion ist, sondern eine Geschichte über ein Land, eine Gesellschaft, in der die einen die anderen im staatlichen Auftrag quälen dürfen, und über die Frage, was geschehen soll, wenn sich die Machtverhältnisse irgendwann umkehren und die Geschundenen an ihren Peinigern Vergeltung üben können. Geht dann die Saat des Bösen in seinen Opfern auf? Oder lässt sich die Kette der Gewalt unterbrechen?

Ab Sommer 2022 saß Panahi sieben Monate im Gefängnis

Jafar Panahi, der Regisseur von „Ein einfacher Unfall“, hat selbst hinter Gittern gesessen, im berüchtigten Foltergefängnis von Evin, in dem das iranische Regime seine politischen Gegner einsperrt, und dort die Geschichten von Mithäftlingen gesammelt, die noch länger und härter als er un­ter den Repressalien des staatlichen Apparats zu leiden hatten. 2010 wurde Panahi für drei Monate inhaftiert und danach zu sechs Jahren Gefängnis und zwanzig Jahren Berufsverbot verurteilt; während die Drohung des Haftantritts ständig über ihm schwebte, drehte er fünf Filme im Untergrund, darunter „Taxi Teheran“, der auf der Berlinale 2015 den Goldenen Bären gewann. Im Sommer 2022 musste Panahi dann tatsächlich ins Gefängnis. Im folgenden Februar kam er nach siebenmonatiger Haft wieder frei. Ein Jahr später begann er, wieder ohne offizielle Genehmigung, mit den Dreharbeiten zu „Ein einfacher Unfall“. Im Mai 2025 gewann der Film die Goldene Palme in Cannes.

Ohne Kopftuch: Die Fotografin Shiva (Mariam Afshari)
Ohne Kopftuch: Die Fotografin Shiva (Mariam Afshari)Les Films Pelléas

Es ist Panahis erster Film seit fünfzehn Jahren, in dem er nicht selbst die Hauptrolle spielt oder durch seine Anwesenheit, wie in „Pardé“ und „No Bears“, die Glaubwürdigkeit der Handlung verbürgt. Und es ist das erste Werk seit 2006, für das ihn Irans Regierung nach Europa reisen ließ, wo er nicht nur die Palme empfing, sondern auch Interviews gab, worauf das Regime im Dezember prompt mit einer neuen einjährigen Haftstrafe reagierte. Gegen das Urteil haben Panahis Anwälte Revision eingelegt. Während sein Film in den Kinos läuft, geht sein Kampf als Staatsbürger weiter.

Aber nicht in dieser Gleichzeitigkeit von zivilem und ästhetischem Engagement liegt die einmalige Qualität von „Ein einfacher Unfall“, sondern in der Freiheit, die sich Panahi nimmt, über die Verhältnisse, die er beschreibt, hinauszudenken. Er zeichnet nicht nur das Bild der Gegenwart, wie es sein Kollege Mohammad Rasoulof in seiner Familientragödie „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ getan hat, sondern blickt zugleich durch sie hindurch auf das moralische Drama einer möglichen Zukunft. Vahid, der Mann mit der Schaufel, ist sich unsicher, ob er wirklich „Holzbein“ gefangen hat, der ihn in Evin zum Krüppel schlug. Ein Bekannter verschafft ihm den Kontakt zu der Fo­tografin Shiva, die gerade ein Brautpaar ablichtet, aber auch sie kann den Folterer nicht eindeutig identifizieren – so wenig wie Goli, die Braut, die ebenfalls zu Eghbals Opfern gehört. Der Arbeiter Hamid, der als Letzter zu der Gruppe stößt, hat dagegen keine Zweifel, er will den Gefangenen töten, um nicht selbst von ihm getötet zu werden. So fahren sie wieder in die Wüste, um zu ei­ner Entscheidung zu gelangen.

Rache oder Gerechtigkeit? Szene aus „Ein einfacher Unfall“
Rache oder Gerechtigkeit? Szene aus „Ein einfacher Unfall“Les Films Pelléas

Der Vorteil eines Kinos ohne Unterhaltungszwang liegt in seiner Unberechenbarkeit. Die Konstellation des Films ist tragisch, aber die Regie schlägt aus ihr komische Funken. Als dem Van der Sprit aus­geht, müssen ihn die fünf Wahrheitssucher durch die Straßen Teherans schieben. Ein andermal zückt Golis Bräutigam Ali seine Bankkarte, um zwei Parkwächter zu bestechen, die den Wagen kontrollieren wollen. Und auch der Intellekt der Figuren ist bei Panahi nicht ausgeschaltet wie im Genrekino: Als die Fotografin Shiva unter einem toten Baum kauert, erinnert sie sich an ein Theaterstück, das sie einst mit Hamid gesehen hat, Becketts „Warten auf Godot“.

Aber hier hat das Warten ein Ende. Das Telefon des Mannes mit der Beinprothese klingelt, und seine Tochter ist dran: Ihre hochschwangere Mutter ist zusammengebrochen und muss in die Klinik. So helfen die Folteropfer, das Kind ihres Folterers zur Welt zu bringen. Der Film erzählt das ohne jede Sentimentalität, mit einer Sachlichkeit, die zu Tränen rührt. Die Süßigkeiten, die Vahid auf der Leinwand verteilt, sind mit Bitterkeit getränkt, aber keiner kann die Finger von ihnen lassen. Auch der Schluss, der die Identität des Gefangenen enthüllt, folgt dem Prinzip der Zweideutigkeit: Er ist es, und er ist es nicht, derselbe Mann und doch nicht derselbe. „Ein einfacher Unfall“ endet nicht mit ei­ner einfachen Lösung; nicht mit einem Knall, sondern mit einem Schluchzen.

Zuletzt leuchten, wie am Anfang, am Horizont die fernen Lichter der Großstadt. Dort unten geht das iranische Volk in diesen Wochen wieder auf die Straßen. Er sei kein politischer, sondern ein sozialer Regisseur, sagt Panahi in fast jedem Interview. Für das, was geschehen soll, wenn die Folterer eines Tages vor dem Gericht der Gefolterten stehen, hat sein Film kein Rezept. Aber eine Vision.

Source: faz.net