Jacob Schrot: Warum Merz seinen Büroleiter austauscht

Schon das Feldbett in seinem Büro hat gezeigt, dass es an Einsatz nicht gemangelt hat. Jacob Schrot hat für Bundeskanzler Friedrich Merz als Büroleiter so viel gearbeitet, dass manchmal nur Zeit blieb für ein paar Stunden Schlaf im Kanzleramt. Von den Anfängen der neuen Regierung über die Zusammenarbeit mit Partei und Fraktion, hinein in die außenpolitischen Krisen, die innenpolitischen Streitereien bis zum Aufbau eines neuen Nationalen Sicherheitsrates – ein Dossier nach dem anderen wanderte über den Schreibtisch von Schrot.

Für Merz war er seit seiner Zeit als Oppositionsführer im Bundestag einer der engsten und wichtigsten Mitarbeiter. Einer, an dessen Loyalität es keine Zweifel gab. Vier Jahre lang. Und trotzdem hat Merz am Montag zu einem kleinen Paukenschlag ausgeholt und seinen Büroleiter ausgetauscht. Etwas, das es so im Kanzleramt schon lange nicht mehr gegeben hat. Er danke Schrot für seinen „unermüdlichen Einsatz und die vertrauensvolle Zusammenarbeit“, ließ sich der Kanzler in der Trennungsnachricht zitieren, „ausdrücklich für seine Loyalität“. Am Montag hat Merz Schrot seine Entscheidung mitgeteilt. Dann war die vertrauensvolle Zusammenarbeit vorbei.

Was aber hat den Kanzler dazu gebracht, einen so engen Wegbegleiter zu feuern? Zumal aus dem Umfeld beider beteuert wird, dass das persönliche Verhältnis nicht belastet ist? Antworten finden sich mit Blick auf die schwache Stellung der Regierung, auf die Unruhe in den vergangenen Monaten wie zuletzt beim Streit um die Rentenreform. Sie finden sich aber auch im Verständnis von der Rolle eines Büroleiters – und in der Biographie des neuen.

Was macht ein Büroleiter?

Die Büroleitung eines Bundeskanzlers ist kein Ausbildungsberuf. Dennoch ist der Aufgabenbereich ziemlich eindeutig zu umreißen. Es gilt, das Büro des Kanzlers so zu führen, dass dessen Terminkalender sinnvoll gestaltet wird und die Tage nicht mehr als 24 Stunden bekommen. Das setzt zwei Fähigkeiten voraus. Die Büroleitung – bei den Vorgängern von Merz waren es meistens Frauen – muss gewichten können. Und sie muss in einem Verhältnis zum Kanzler stehen, das es möglich macht, eine solche Gewichtung durchzusetzen. Idealerweise handelt es sich um ein gewachsenes Vertrauensverhältnis, das meistens zwischen Personen entsteht, die eine lange Wegstrecke miteinander gegangen sind.

Büroleiter oder -leiterinnen können enge Berater auch in inhaltlichen Fragen sein, müssen es aber nicht. Für Kanzler Gerhard Schröder war sein Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier in inhaltlichen Belangen ein engerer Berater als die ebenfalls sehr einflussreiche Büroleiterin Sigrid Krampitz. Niemand hat in der Funktion der Büroleitung einen solchen Einfluss entwickelt wie die Büroleiterin von Angela Merkel, Beate Baumann. Zwar siezen die beiden Frauen sich bis heute, aber es verbindet sie ein bisweilen symbiotisch wirkendes Vertrauensverhältnis. Baumann, nur ein Jahrzehnt jünger als Merkel, konnte der Kanzlerin auch mal eine Ansage machen.

Das ist schwieriger, wenn der Büroleiter erst 35 Jahre alt ist, wie Schrot, der Kanzler aber 70. Merz und Schrot haben in den Jahren nach Merz’ Rückkehr in die Politik eng zusammengearbeitet. Schrot war Büroleiter und Stabschef des Fraktionsvorsitzenden. In dieser Zeit haben sie ein so gutes Verhältnis zueinander aufgebaut, dass Merz Schrot im Kanzleramt nicht nur den Nationalen Sicherheitsrat aufbauen, sondern ihn vor allem sein Büro führen ließ. Vier Jahre lang haben sie sich fast jeden Tag gesprochen.

Schrot war der Gasgeber

In den Oppositionsjahren ging es um schnelles, lautes Auftreten als Opposition. Schrot, der immer bereitstand und hochdrehte, war für Merz der Gasgeber. Der Leiter eines Kanzlerbüros muss allerdings das Gegenteil tun. Er muss bremsen. Denn Kanzler haben es immer mit einem Überangebot an Terminen zu tun. Um Merz von einer Idee, einem Entschluss abzubringen, muss man ein solides Standvermögen haben. In der Fraktion, so ist zu hören, habe Schrot Merz bisweilen widersprochen. Im Kanzleramt sei das nicht geschehen.

Und so raste Merz durch seine ersten acht Kanzlermonate, absolvierte ein enormes Pensum im In- und Ausland, verabschiedete mit seiner Koalition einen Berg von Gesetzen und ließ Interviews und Regierungserklärungen über das Volk regnen. In der Außen-, vor allem also der Ukrainepolitik, hielt er dabei klaren Kurs. Aber in der Wirtschafts- und Sozialpolitik war kein klarer Kurs, schon gar kein Reformkurs zu erkennen. Der Büroleiter ist nur ein Rad im großen Kanzleramtsgetriebe. Aber doch eines, das im Idealfall hilft, einen klaren Kurs zu halten. Oder eben nicht.

Schrot selbst hat, soweit man weiß, seine Rolle darin gesehen, den Kanzler strategisch zu beraten. Ihn früh zu warnen, wenn sich ein Thema aufbaut. Zu sortieren, was den Kanzler erreicht. Umso mehr Einfluss er aber auf den Kanzler zu haben schien, umso mehr skeptische Blicke gab es auch von außen. Und umso mehr lief in der Regierung schief, im Zusammenspiel mit Partei und Fraktion, umso mehr Kritik kursierte. Schrot filtere zu viel oder falsch, wurde mal behauptet, er habe zu viel auf dem Schreibtisch, fokussiere sich zu sehr auf die Außenpolitik oder koordiniere zu wenig. Für die Koordinierung könnten sich im Kanzleramt aber auch andere zuständig fühlen.

Ein Mangel an Kommunikation?

Jetzt, da Schrots Aufstieg so jäh geendet ist, äußern diejenigen, die viel mit ihm zu tun hatten, sich nicht öffentlich. Viele lobende Worte sind zu hören über den Arbeitseinsatz und die intellektuellen Fähigkeiten von Schrot. Doch es fällt auch der Begriff „Engführung“. Damit ist ein Mangel an Kommunikation gemeint. Ein Beispiel ist der Neujahrsempfang des Bundespräsidenten in Berlin, der am kommenden Freitag in bedrohlicher zeitlicher Nähe zur Jahresauftakt-Klausur der CDU in Mainz stattfindet.

Ohne dass im Rückblick genau zu sagen wäre, ob das Kanzler- oder das Präsidialamt bei der Planung den entscheidenden Fehler gemacht haben, drohte es dazu zu kommen, dass Merz nicht bei Steinmeier erscheint, obwohl die Kanzler immer zu diesem Termin erscheinen. Die schließlich erreichte Auflösung des Konflikts anzubahnen, wäre eine klassische Aufgabe für den Büroleiter gewesen. Doch Schrot und die Gegenseite im Präsidialamt verkanteten sich. Am Ende rief Merz persönlich bei Steinmeier an, um die Angelegenheit und die Wogen zu glätten.

Nun übernimmt Birkenmaier

Auch zwischen Konrad-Adenauer-Haus und dem Kanzleramt lief es nicht spannungsfrei. Eine Parteizentrale muss ihre Rolle neu finden, wenn der Vorsitzende nicht mehr die Opposition anführt, sondern im Kanzleramt sitzt. Anfeuern oder antreiben? Jetzt soll mit Philipp Birkenmaier, 50 Jahre alt, der Bundesgeschäftsführer der Partei übernehmen, ein enger Vertrauter von Generalsekretär Carsten Linnemann. Birkenmaier kennt aber vor allem auch das Geschäft außerhalb des Konrad-Adenauer-Hauses gut, seine Kontaktliste im Mobiltelefon ist prall gefüllt.

Lange hatte er als Geschäftsführer des Parlamentskreises Mittelstand in der Bundestagsfraktion gearbeitet. Eine mächtige Gruppe, die gerade im Streit der jungen Abgeordneten mit der Regierung über die Rentenreform Ende 2025 deutlich gemacht hatte, dass man jetzt noch einmal mitziehen werde – aber beim nächsten Mal nicht wieder einfach so.

Am Ende reichte es knapp für die eigene Mehrheit im Bundestag. Trotzdem war diese Episode nur ein weiterer Beweis, dass der Änderungsbedarf im System des Kanzlers groß ist. Ob der Austausch des Büroleiters daran etwas ändert, ist noch offen. Es kostet Merz jedenfalls weit weniger politisches Kapital als andere Umbauten, ob im Kabinett, der Fraktion oder Partei.

Am Montag verschickte der Kanzler einen Brief an die Abgeordneten seiner Fraktion. Er machte deutlich, dass er sich in diesem Jahr auf das Wirtschaftswachstum und die Wettbewerbsfähigkeit konzentrieren wolle. Ein neues Jahr, eine neue Rolle: der Wirtschaftskanzler. Ein Wort über seinen bisherigen Büroleiter hat Merz in dem Schreiben nicht mehr verloren. Schrot hatte sich in der Trennungsnachricht mit den Worten zitieren lassen, dass er sich einer neuen beruflichen Herausforderung stellen werde. Er ist Beamter. Zudem: „Dem Bundeskanzler werde ich dabei persönlich eng verbunden bleiben.“

Source: faz.net