Sturm aufwärts dasjenige Kapitol: Offizielles Gedenken unerwünscht
Am 5. Jahrestag des Sturms auf das Kapitol in Washington findet keine offizielle Gedenkveranstaltung statt. Auch eine Plakette, die Polizeibeamte ehren soll, fehlt bislang. Demokratische Abgeordnete wollen sich jedoch am Kapitol versammeln.
Genau heute vor fünf Jahren kam es zum Sturm auf das US-Kapitol in Washington – offizielle Gedenkveranstaltungen sind aber nicht geplant. US-Präsident Donald Trump hat stattdessen Treffen mit republikanischen Abgeordneten des Repräsentantenhauses im von ihm umbenannten Kennedy Center angesetzt.
Auch eine offizielle Gedenktafel gibt es weiterhin nicht. Der Kongress hatte im März 2022 dafür gestimmt, mit einer solchen Tafel die Polizistinnen und Polizisten zu ehren, die an diesem Tag die Demokratie verteidigten. Das Land sei ihnen zu tiefstem Dank verpflichtet, hieß es in dem Beschluss. Für die Anbringung wurde eine Frist von einem Jahr gesetzt.
Stattdessen bemüht sich das Justizministerium unter der Regierung von Trump, eine Klage von Polizisten abweisen zu lassen, die einfordern, dass die Tafel wie vorgesehen installiert wird. Wo sich die Plakette mit den Namen der Beamten befindet, ist nicht öffentlich bekannt.
Vertreter der Demokraten wollen allerdings mit Zeugen der Gewalt vom 6. Januar 2021 sprechen und sich anschließend auf den Stufen des Kapitols versammeln, um an die Ereignisse zu erinnern.
Marsch auf das Kapitol soll nachgezeichnet werden
Vor fünf Jahren rief der damals scheidende Präsident Trump vor dem Weißen Haus seine Anhänger auf, zum Kapitol zu ziehen, um gegen die Bestätigung des Wahlsiegs seines demokratischen Widersachers Joe Biden durch den Kongress zu protestieren. Kurz darauf lieferten sich Trump-Anhänger am Kapitol Auseinandersetzungen mit der Polizei und stürmten das Gebäude, während Abgeordnete Schutz suchten. Republikaner und Demokraten können sich seitdem nicht auf eine gemeinsame Darstellung der Ereignisse einigen. Eine offizielle Gedenktafel zu Ehren der Polizisten, die das Kapitol verteidigten, wurde nie angebracht.
Der ehemalige Anführer der militanten „Proud Boys“, Enrique Tarrio, rief zu einem Marsch auf, der die Route der Randalierer vom Weißen Haus zum Kapitol nachzeichnen soll. Damit will er der Trump-Anhängerin Ashli Babbitt und anderen Opfern der Gewalt des 6. Januars und der darauffolgenden Unruhen gedenken. „Ich bitte alle, die teilnehmen können, dies zu tun“, schrieb Tarrio auf der Plattform X. Er kündigte einen patriotischen und friedlichen Marsch an. Tarrio wurde schuldig gesprochen, die Unruhen am Kapitol mit organisiert zu haben, und zu 22 Jahren Haft verurteilt. Trump begnadigte ihn.
Improvisierte Gedenktafeln im Kapitol
Aus Sorge, dass die jüngere Geschichte des Landes in Vergessenheit gerät, haben etwa 100 Kongressabgeordnete, überwiegend Demokraten, es selbst in die Hand genommen, an den Tag zu erinnern. Seit Monaten hängen sie Nachbildungen der Gedenktafel für den 6. Januar 2021 vor ihren Büros auf. Und so ist der Kongress gespickt mit improvisierten Gedenkorten.
Laut Douglas Brinkley, Geschichtsprofessor an der Rice University, hat die Demokratie an diesem Tag „unter der Guillotine“ gelegen. Doch noch immer sei offen, wie zukünftige Generationen die Frage beantworten werden, wie wichtig dieses Ereignis für die US-Geschichte sei. „Wird der 6. Januar als der entscheidende Moment in die Geschichte eingehen, als die Demokratie in Gefahr war?“ Oder werde er als „etwas seltsames Einzelereignis“ in Erinnerung bleiben? Es herrsche nicht so viel Einigkeit darüber, wie man am fünften Jahrestag vielleicht erwartet hätte, so Brinkley.
Aus Sicht vieler Demokraten hinterlässt das Versäumnis, die Bedeutung des 6. Januars anzuerkennen, nicht nur eine Lücke in der kollektiven Erinnerung, sondern verhindert auch, dass das gespaltene Land wieder zusammenwachsen kann.
Source: tagesschau.de