Umschlagplatz Amsterdam: ASML-Aktie schon wieder übrig 1000 Euro

Immer mehr politische Unruheherde und eine Weltordnung, die sich aufzulösen scheint: Die Börse Amsterdam zeigt sich davon wenig beeindruckt. Schon zu Beginn des neuen Jahrs hat der Leitindex AEX der fünftgrößten Volkswirtschaft der EU einen Schlussrekord erzielt, beflügelt durch eine Hausse der Chipmaschinenhersteller – vor allem des Branchenführers ASML aber auch der kleineren Anbieter Besi und ASM International. Sie profitieren unter anderem von den hohen Erwartungen ans Geschäft mit Künstlicher Intelligenz (KI), welche viele und hochwertige Chips erfordert. Alle drei Werte verteuerten sich an den ersten beiden Handelstagen des Jahres kräftig, die beiden kleineren legten auch am Dienstag noch einmal zu, während ASML sich knapp behauptete.
ASML ist das bedeutendste Schwergewicht im AEX, entsprechend stark wirken sich die Zuwächse aus. Der Amsterdamer Index, der neuerdings 30 Werte statt 25 Werte umfasst, erreichte am Montag mit gut 985 Punkten seinen bisher höchsten Schlussstand. Tags drauf bewegte er sich im Handelsverlauf nur leicht darunter. Und während der AEX die Tausendermarke an Punkten noch ins Visier nimmt, hat ASML die Marke in Euro gemessen schon durchbrochen: Mehr als 1050 Euro kostete der Anteilsschein und damit so viel wie noch nie. Damit hat er den vorherigen Rekord aus dem Sommer 2024 überholt, als er schon einmal für kurze Zeit in die Region über 1000 Euro blinzelte.
EUV – eine Technik, wie sie nur aus Veldhoven kommt
ASML kann nach eigenem Bekunden als einziges Unternehmen der Welt Maschinen der besonders modernen EUV-Technik produzieren, also auf Basis extrem ultravioletten Lichts. Seit dem Hoch vor eineinhalb Jahren war die Aktie aber zwischenzeitlich um ein Drittel gesunken. Denn die Risiken lauern an mehreren Stellen: Da ist das seit mehr als sechs Jahren dauernde Ringen um den Export der modernsten Maschinen nach China, denn die Regierung in Den Haag verweigert auf Druck Amerikas die Genehmigung. Dann schien ein chinesischer Hersteller mit einem neuen und einfacheren KI-Modell den Bedarf an neuen Chips zu relativieren. Schließlich trübte US-Präsident Donald Trump mit Zöllen die Geschäftsaussichten ein.
In jüngster Zeit intensivieren sich auch noch die Sorgen vor einem Überfall der Volksrepublik China auf Taiwan, das wichtig für die globale Halbleiterindustrie ist, namentlich mit dem ASML-Schlüsselkunden TSMC. Und in all der Zeit schwebt immer die eine große Unsicherheit über dem Markt: Wie dauerhaft ist das Technikmonopol von ASML für EUV-Maschinen? Wie weit sind die Chinesen?
Die Anzeichen mehren sich, dass sie bedeutende Fortschritte machen. So meldete die Nachrichtenagentur Reuters Mitte Dezember, frühere chinesische ASML-Ingenieure hätten in einem Geheimprojekt im vergangenen Jahr einen EUV-Prototypen fertiggestellt. Die Anlage erzeuge das für die Lithographie-Technik nötige extrem ultraviolette Licht, habe aber noch keine funktionsfähigen Chips produziert. Die chinesische Regierung peile an, diesen Meilenstein im Jahr 2028 zu erreichen – auch wenn Projektbeteiligte 2030 für realistischer hielten.
Wie weit sind die Chinesen?
Das könnte Einschätzungen des ASML-Vorstandsvorsitzenden Christophe Fouquet relativieren, der angegeben hat, China werde „viele, viele Jahre“ brauchen, um aufzuschließen. Sein Vorgänger Peter Wennink dürfte sich hingegen bestätigt sehen: Der 2024 in Ruhestand gegangene Manager hatte immer gewarnt: Mit dem Exportverbot feuerten die Niederlande China nur an, eigene Hochleistungsmaschinen zu entwickeln.
All diese Risiken nehmen Investoren in Kauf, wenn sie jetzt zum Rekordpreis ASML-Aktien kaufen. Das amerikanische Analysehaus Bernstein förderte die Zuversicht gerade, indem es die Anteilsscheine hochstufte und das Kursziel von 800 auf 1300 Euro anhob. Der Maschinenbauer profitiere vom Superzyklus bei Dram-Speichern, die größten Hersteller bauten ihre Produktionskapazitäten deutlich aus, hieß es zur Begründung.
400 Milliarden Euro Wert – aber es gibt noch andere Börsenhöhepunkte
400 Milliarden Euro Börsenwert bringt ASML jetzt auf die Waage. Der Börsenbetreiber musste das Gewicht dieses Einzelwerts schon künstlich auf 15 Prozent kappen, damit er im AEX nicht allzu stark dominiert. Im September bekam der Index außerdem fünf neue Plätze, um die Vielfalt der Unternehmenswelt besser abzubilden. Ganz frisch dabei ist der von Unilever abgespaltene Eiscremekonzern Magnum, dessen Aktie mit 12,90 Euro knapp über dem Niveau zu Handelsbeginn im Dezember notiert. Schon wieder in Frage steht die Börsenexistenz der 2021 aufs Parkett getretenen Inpost: Der Anbieter von Paketschließfächern hat über eine unverbindliche Übernahmeofferte informiert – ohne mitzuteilen, von wem diese kommt. Der Kurs lag am Dienstag mehr als ein Fünftel über Vortagesschluss. Stark zog auch die seit Jahren gebeutelte Tomtom-Aktie im Wert an: Der Hersteller von Navigationssystemen hat nach eigenen Angaben den Volkswagen-Konzern für einen wichtigen Auftrag gewonnen.
Source: faz.net