Der Osten will not be televised: Merz vergisst in jener Neujahrsansprache die halbe Republik
Leicht bedröppelt und von oben herab zählt Friedrich Merz in seiner Silvesteransprache auf, was die Bundesregierung alles geschafft hat und was sie noch schaffen wird. Eines allerdings ist ihm keine Erwähnung wert
Bedröppelt schauen kann Friedrich Merz gut
Foto: Rüdiger Wölk/IMAGO
Man kann an der Neujahrsansprache von Friedrich Merz allerhand bemerkenswert finden. Zum Beispiel, wie bedröppelt er dabei wirkte. Dass er offenbar unfähig dazu ist, auch nur in Ansätzen besinnlich zu steinmeiern, sondern seine Regierungs-To-Do-Liste herunterrattert wie eine Einkaufsliste vor Silvester. Oder wie ihm sein Kameramann oder seine Kamerafrau dazu verhalf, von oben herab zu sprechen: Da hätten zehn Zentimeter am Stativ wohl genügt, um diesen Eindruck zu beheben.
Was sich allerdings nicht so leicht ändern lässt: Dass Ostdeutschland für Friedrich Merz nicht existiert. Der Bundeskanzler schafft es, eine ganze zehnminütige Rede herunterzuleiern, ohne dass ihm Ostdeutschland überhaupt einfällt. Und das zu Beginn eines Jahres, in dem in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zwei Landtagswahlen anstehen, die das Gesicht dieser Republik verändern könnten. Fällt ihm nicht ein. Fällt ihm nicht auf, dass Ostdeutschland fehlt.
Er hat das schon einmal, in jüngster Zeit, geschafft: Als bei der 35-Jahr-Feier zur deutschen Wiedervereinigung niemand auffiel, dass auch ostdeutsche Menschen davon betroffen waren. Und man vielleicht einen oder eine aus diesem Teil der Republik als Redner einladen könnte? Dafür gab es berechtigte Kritik.
Friedrich Merz ist und bleibt der Super-Wessi
Umso erstaunlicher, dass Friedrich Merz gestern Abend den Osten Deutschlands erneut mit keinem Wort erwähnte, weder die Teilung noch die Einheit. Und dass er dann einen Satz ausspricht, der die Geschichte eines ganzen Landes und den Erfahrungshorizont von 12 Millionen Menschen einfach so ausradiert. Merz sagte: „Deutschland hat in fast acht Jahrzehnten so vieles erreicht. Wir sind ein Land, in dem wir frei und mit gleichen Rechten solidarisch zusammenleben.“
Nun ist in dem Satz nichts falsch. Solange man davon ausgeht, dass es die DDR nie gegeben hat. Und dass Deutschland eigentlich nur aus Westdeutschland besteht, dass die BRD nun mal Deutschland ist. Dass das in Merz‘ Oberstübchen – dem Ober-Wessi – so ist: Wen überrascht das? Aber wie kann es sein, dass da auch sonst niemandem auffällt?
Offenbar hat auch in der Entourage des Friedrich Merz weiterhin niemand Ostdeutschland on their mind. Und keine Lust, das zu ändern.
Statt eines Herbstes droht jetzt ein Jahrzehnt der Reformen?
Was sonst noch an Merz‘ Rede auffiel: Er spricht zu Deutschland wie zur CDU-Mittelstands- und Wirtschaftsunion. Das einzige „Wir“, das er mit einiger Bedeutung aufzuladen vermag, ist das „Wir als Exportnation“. Offenbar hat er das sehr wohl auf dem Schirm: Wie es gelingen könnt, der deutschen Exportwirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. Nur fällt ihm auch dazu wenig ein, außer das, was man bei der CDU-Mittelstands- und Wirtschaftsunion eben so sagt: Der Standort muss wieder attraktiv werden.
Übersetzen könnte man das mit: Die Steuern sollen sinken, die Lohnnebenkosten ebenso, und vielleicht kann man auch sonst noch einige Auswüchse des Sozialstaates abknipsen. Statt nur eines Herbstes der Reformen droht jetzt sogar ein ganzes Jahrzehnt des Reformierens.
Aber es gibt noch ein zweites „Wir“. Wladimir Putin habe es auf unsere Freiheit und unsere Lebensweise abgesehen, die gelte es zu verteidigen. Auf den großen amerikanischen Bruder können wir nicht länger zahlen, also bleibt es an uns, dem kalten Wind der Geschichte die Stirn zu bieten.
Ein frohes neues Jahr wünscht Merz seiner Wirtschaftsunion der Westdeutschen dann noch.