F.A.Z.-Rückblick 2025: Die zehn besten Opernproduktionen des Jahres 2025

Verliebe dich endlich!
Die Monumentaloper wird an der Oper Graz so hinreißend musiziert, als staunte das ganze Haus über die Schönheit des Werks. Tatjana Gürbaca findet in der Regie präzise, ruhige Bilder.
„Gürbaca inszeniert das große Werk mit leichter Hand, sucht keine schockierenden Bilder für die Tragödien, sondern findet präzise, mitteilsame Handlungen. Beim Auftritt der trauernden Andromache, Witwe Hectors, spricht Cassandre aufmunternd mit dem kleinen Astyanax, dessen schlimmes Schicksal sie allein ahnt. Ihr Leben endet — anders als im Mythos — in den einstürzenden Mauern Trojas. Sie wandelt die lähmende Angst der trojanischen Frauen vor den Griechen in ein Triumphgefühl, durch Selbstmord der Versklavung zu entgehen“, schreibt Anja-Rosa Thöming.

Den Westlinken ein Ärgernis
„Die wunderbaren Jahre“ von Torsten Rasch in Regensburg
Torsten Raschs Oper „Die wunderbaren Jahre“ feiert in Regensburg Premiere. Reiner Kunzes DDR-kritischer Text trifft vor dem Haus auf Demonstranten in den Blauhemden der FDJ.
„Den ersten Teil, ‚Friedenskinder‘, aus Kunzes Buch, der von ‚Sechsjähriger‘ bis ‚Zwölfjähriger‘ die spielerisch-schulische Erziehung zum Töten in der DDR einfängt, übernimmt Rasch fast vollständig in seine Oper. Er kulminiert in der Miniatur ‚Schießbefehl‘, worin ein junger Mann, einen Tag vor Antritt seines Grundwehrdienstes, beim Versuch, in die BRD zu fliehen, erschossen wird. Der Mutter sagt man, ihrem Sohn gehe es gut. Am nächsten Tag bekommt sie die Nachricht, er habe sich im Gefängnis erhängt, mit der Unterhose. Sehen dürfe sie ihn nicht, aushändigen könne man ihr nur die Urne. Die durch mütterliche Apathie beantwortete staatliche Kälte ist einer der stärksten Momente in Sabine Sterkens Inszenierung: Der Bass Jonas Atwood reicht, in Uniform, durch die Luke einer Stahltür der Schauspielerin Franziska Sörensen die Urne“, schreibt Jan Brachmann.

Ein Ostergeschenk zum Abschied
Giacomo Puccinis „Madama Butterfly“ bei den Osterfestspielen Baden-Baden
Berliner Philharmoniker mit Puccini: Letztmals spielt dieses Orchester bei den Osterfestspielen Baden-Baden, und die Aufführung gerät zum Triumph: Puccinis Oper „Madama Butterfly“ mit den Berliner Philharmonikern.
„Stimmlich bilden Buratto und Tetelman ein Traumpaar, mehr Übereinstimmung im Timbre und der hohen Kunst des Legatos ist derzeit wohl nicht zu finden (weitere gemeinsame Rollen sind schon geplant). Szenisch werden sie von Livermores Personenregie auf Händen getragen, musikalisch von Kirill Petrenko und den Berliner Philharmonikern. Die sind im nobelsten Gewirk neben allem aufblühenden exotischen Kolorit, den pentatonischen Wendungen und den instrumentalen Lichtern der vielen Soli vor allem für Puccinis Eruptionen zuständig, für die untergründige Gewalt in seiner Partitur“, schreibt Lotte Thaler.

Russland kennt sich längst selbst
Modest Mussorgskis „Chowanschtschina“ bei den Osterfestspielen in Salzburg
Modest Mussorgski in Mozarts Geburtsstadt: Esa-Pekka Salonen und Simon McBurney bringen bei den Osterfestspielen in Salzburg Mussorgskis Oper „Chowanschtschina“ heraus. Das Stück ist eine Zumutung an Klarsichtigkeit. Aber eine Sensation ist Nadezhda Karyazina als Marfa.
„Man muss es gehört haben, wie Karyazina mit tief in die mittlere Baritonlage hinabreichenden Tönen, die unheimlich über das große Orchester hinwegtragen, dem Fürsten Golizyn (Matthew White singt ihn mit seidig blankem Ehrgeiz) die Zukunft voraussagt, seine Verbannung nämlich; wie sie mit üppig aufblühender Lyrik im Volkston ihre ‚sündige Liebe‘ zu Andrej besingt, belauscht von der frommen Susanna (Allison Cook), um sie dann im nächsten Moment kehlig scharf von der Bühne zu fauchen; wie sie im Schlussbild, den Liebestod mit Andrej im religiösen Wahn der kollektiven Selbstverbrennung der Altgläubigen vorwegnehmend, sich in kindlich arglose Helle, gut zwei Oktaven über den Schlünden der Wahrsagerei, aufschwingt, als sei die Verschmelzung sexueller Erfüllung mit größter Gottesnähe der Durchbruch in eine zweite Unschuld. Das alles ist so grausig wie bezaubernd“, schreibt Jan Brachmann.

Bußmusik einer mörderischen Moderne
„Peer Gynt“ von Jüri Reinvere in Bremerhaven
Ein „Peer Gynt“ für unser Jahrhundert: Jüri Reinvere hat aus Henrik Ibsens „Peer Gynt“ die Oper einer verlorenen Seele gemacht und scheut dabei keine Härten. Die deutsche Erstaufführung in Bremerhaven findet in Johannes Pölzgutter einen ebenso empathischen wie geistreichen Regisseur.
„In der Oper des estnischen Komponisten Jüri Reinvere ist aus dem schelmischen Hochstapler eine verlorene Seele geworden: Er irrt umher als Opfer von Armut im 19. Jahrhundert, als wirtschaftlicher Parvenü im 20. Jahrhundert, und als Gewalttäter gelangt er in die mörderischen modern times. Die Oper, 2014 zum 200. Jubiläum der norwegischen Verfassung im Opernhaus Oslo uraufgeführt, ist jetzt zum ersten Mal auf einer deutschen Bühne zu sehen: in Bremerhaven, von Johannes Pölzgutter gedanken- und geistreich inszeniert, von Tassilo Tesche phantasievoll ausgestattet und von Marc Niemann sorgsam dirigiert – eine bemerkenswerte Tat, vollbracht vom Ensemble eines begeisterten Theaters“, schreibt Jürgen Kesting.

Das Wunder von Ulm
„Le petit pauvre d’Assise“ von Charles Tournemire in Ulm
Beglückend und verstörend: Nach 86 Jahren gelangt in Ulm die Oper „Le petit pauvre d’Assise“ von Charles Tournemire über den Heiligen Franziskus zur Uraufführung. Es ist ein Werk ästhetischer Radikalität aus christlicher Fremdheitserfahrung heraus.
„Ist der ‚Saint François‘ von Messiaen ein Koloss, der durch Dauer und Kraftanstrengung der Solisten wie des ganzen Apparates überwältigen will, so tritt uns Tournemires ‚kleiner Armer aus Assisi‘ mit Musik rigoroser Verinnerlichung, nicht Überwältigung entgegen: franziskanisch in der Ästhetik durch und durch, karg, konzentriert, zart, aber von glühender Radikalität. Dass ein Werk von solcher Eindringlichkeit mehr als vier Generationen verschütt bleiben konnte, ist schwer zu erklären, vielleicht durch den baldigen Tod des Autors, den Rezeptionsabbruch des Zweiten Weltkriegs und den Lärm der Nachkriegsavantgarden, die jeden Blick zurück ästhetisch kriminalisierten“, schreibt Jan Brachmann.

Durch den Horizont der Finsternis singen
„Asle og Alida“ von Jon Fosse und Bent Sørensen in Kopenhagen
Uraufführung in Kopenhagen: Jon Fosse und Bent Sørensen haben zusammen die Oper „Asle og Alida“ geschrieben. In Kopenhagen ist sie als Werk gefährdeten Trostes und zerschrammter Schönheit zu erleben.
„Der dänische Komponist Bent Sørensen, der wie wenige sonst mit dem Wachrufen unbewusster Erinnerungen auf raffinierteste Weise musikalisch zu arbeiten versteht, schenkt auch dem jungen Asle delikat verschleierte Barkarolenrhythmen, wenn er von dem Boot singt, mit dem er sich und seine junge Liebe, Alida, aus der kaltherzigen Umgebung ihres norwegischen Fischerdorfes in die Freiheit brachte“, schreibt Jan Brachmann.

Tristan braucht es da nicht mehr
„Lash“ von Rebecca Saunders in Berlin
Uraufführung in Berlin: Ein Abend, der an Grenzen geht: Rebecca Saunders’ erste Oper „Lash“ wird in Berlin aufgeführt. Das ist ein schwieriger Wurf, aber Dirigent Enno Poppe beweist dabei großartiges klangdramaturgisches Gespür.
„Man sitzt in diesem Strom aus Gesungenem, Gesprochenem und fahl irisierenden Instrumentalfarben und stellt sich vor, wie vor 160 Jahren Wagners ‚Tristan‘ einen ähnlichen Effekt erzielt haben mag: Erlösung in der Auflösung und durch sie. Nur dass die Welt von Saunders und Atkins, in die man da hineingezogen wird, eine viel pathosfreiere, illusionslos-alltägliche ist, in der ‚fuck‘ und ‚fucking‘ in nüchterner Selbstverständlichkeit mit durchlaufen und eine unvermutet an intimster Stelle aufgetauchte (Fremd-)Wimper kapitale Gefühlsstürze mit einer ganzen Kaskade bohrender Selbst- und Fremdbefragungen nach sich zieht“, schreibt Gerald Felber.

Revolution von unten
„Messeschlager Gisela“ von Gerd Natschinski von Cottbus
Cottbus kann’s auch: Subversion, Witz und Blödelei: Das Staatstheater Cottbus bringt die DDR-Operette „Messeschlager Gisela“ von Gerd Natschinski zum Glänzen.
„Der Publikumserfolg ist auch hier riesig, was zunächst mit Wolffs Regie zu tun hat. Tempo, Überraschung, Abwechslung: Alles, was solch ein Abend braucht, bringt die versierte Musical-Regisseurin auf die Bühne. Mit großer Phantasie folgen sie und ihr Choreograph Thomas Heep der goldenen Regel des leichteren Musiktheaters, dass keine Gesangsnummer verstreichen soll ohne gewitzte choreographische Gestaltung. Das ist bis ins Kleinste ausgearbeitet und pointensicher dargeboten. Dann aber ist das Stück selbst kaum schlagbar in seiner Mischung aus Subversion, Witz und Blödelei“, schreibt Clemens Haustein.

Ein großer „Ring“ für Klein-Bayreuth
„Die Walküre“ von Richard Wagner in Halberstadt
Wagner am Harzrand: In Halberstadt besinnt sich das Harztheater seiner Wagner-Tradition und will bis 2027 die ganze „Ring“-Tetralogie aufführen, 100 Jahre nach dem ersten Mal – eine Harzreise, die sich lohnt.
„Marco Misgaiski, Chefdramaturg, Hausregisseur und gebürtiger Halberstädter, zeigt eine Inszenierung, die mit dem zielgerichtet erzählenden Ton der Musik parallel geht und auf Künsteleien verzichtet. Misgaiski und sein Ausstatter Tom Grasshof nehmen Anleihen bei ganz verschiedenen Epochen: Siegmund und Sieglinde treten in Uniformen der napoleonischen Befreiungskriege auf, Wotan im blütenweißen Anzug eines verdächtigen Saubermanns, die Walküren, durchaus selbstironisch, mit Brünne, Schild und Speer wie anno dazumal. Was genau das zu bedeuten hat, werden vielleicht erst die kommenden Ring-Teile erklären. Für den Moment aber steht sich die Regie nie im Weg bei einer klaren, nachvollziehbaren Erzählung. Dem Betrachter wiederum lässt sie Raum, sich seine eigenen Gedanken zur ‚Walküre‘ zu machen. Das alles lohnt eine Reise nach Halberstadt“, schreibt Clemens Haustein.
Source: faz.net