Mar-a-Lago-Ästhetik: Botox und Filler zu Gunsten von Trump

Blicken wir kurz vor Jahresende unter ästhetischen Gesichtspunkten nach Washington und wagen eine Prognose: Das Mar-a-Lago-Face, das die Frauen in Donald Trumps innerem Kreis mit demons­trativer Härte zur Schau tragen, bleibt auch 2026 ein Ausweis von Loyalität. Während Kim Kardashians Brazilian Butt ein ästhetisches, auf Instagram inszeniertes Statement war, ist das Mar-a-Lago-Face ein politisches Statement, ein Signal der Macht.

Dessen Look zeichnet sich durch eine bewusste Überspritzung mit Fillern, eine kantige Jawline – niemand spricht mehr von Kinnlinie –, eine kleine Nase, straffe Haut, Augenbrauen, die wie festgetackert wirken und für „foxy eyes“ sorgen, grellweiße Zähne, gewelltes Haar sowie voluminöse Lippen und ein starkes Make-up aus. Als Vorbild dient Trumps Ehefrau Melania. Man wundert sich, dass die First Lady bei dieser Botox-Menge im Gesicht noch blinzeln kann.

Sie scheuen weder Mühe noch Schmerzen

Während sich manche Hollywood-Stars ihre in die Wangen gespritzte Hyaluronsäure wieder auflösen lassen, um natürlicher auszusehen, zelebriert das nach Trumps Anwesen in Palm Beach benannte Mar-a-Lago-Face die Künstlichkeit. Jeder soll sehen, dass dieses Gesicht ein plastisch-ästhetischer Chirurg erschaffen hat. Je nach anatomischer Ausgangslage verlangt ein solches Gesicht Investitionen in fünfstelliger Höhe. Hinzu kommen die Kosten der jährlichen Instandhaltung.

US-Botschafterin in Griechenland: Kimberly Guilfoyle
US-Botschafterin in Griechenland: Kimberly GuilfoyleEPA

Eine der bemerkenswertesten ästhetischen Transformationen hat Trumps Heimatschutzministerin Kristi Noem durchlaufen. Noem gehört zu der prominenten Riege ultrakonservativer Frauen, die einander optisch auf frappierende Weise ähneln. Offenbar scheuen sie weder Geld und Mühe noch Schmerzen, um ihre Ziele zu erreichen. Weitere Beispiele dieser weiblichen „Trumpifizierung“, wie die „New York Times“ es nennt, sind Trumps Schwiegertochter Lara Trump, Kimberly Guilfoyle (US-Botschafterin in Griechenland), Justizministerin Pam Bondi und die MAGA-Influencerin Laura Loomer.

Eine ultrakonservative Uniform

In der Zeitschrift „Mother Jones“ interpretierte die Kunsthistorikerin Anne Higonnet vom Barnard College dies als Zeichen der körperlichen Unterwerfung unter Donald Trump, als Bekenntnis zu ihm und zu der Vorstellung, dass nur die Oberfläche einer Politik zählt: „In gewisser Weise verkörpern diese Frauen einen wesentlichen Teil von Donald Trumps politischer Persönlichkeit.“

Das Mar-a-Lago-Face ist die ästhetische Übersetzung einer Politik der Härte und Spaltung. In der eigenen Echokammer signalisiert es Zugehörigkeit, Disziplin und Durchsetzungsfähigkeit, nach außen schottet es sich ab. In diesem Sinne ist das Mar-a-Lago-Face eine ultrakonservative Uniform.

Ästhetisch vorbildliche Schwiegertochter: Lara Trump
Ästhetisch vorbildliche Schwiegertochter: Lara TrumpAFP

Besonders in Erinnerung geblieben ist Kristi Noems Besuch eines Hochsicherheitsgefängnisses in El Salvador. Ein Foto zeigt die Heimatschutzministerin, die eine Rolex im Wert von etwa 50.000 Dollar trägt, vor einer Zelle mit kahlrasierten venezolanischen Migranten. Wir sehen eine topgestylte Vollstreckerin, die etwas Panzerhaftes ausstrahlt. Selbst das gewellte Haar wirkt hart wie Beton. Noems Jawline steht zudem der des Verteidigungsministers Pete Hegseth in nichts nach. Donald Trump würde niemals einen Verteidigungsminister oder einen Vizepräsidenten mit einem fliehenden Kinn akzeptieren.

Die weibliche Uniformierung entsteht allerdings nicht erst in der unmittelbaren Nähe der Macht, sondern im Alltag – bei den Tradwives, die sich offensiv zu traditionellen Geschlechterrollen bekennen und ihr Hausfrauen- und Mutterdasein in sozialen Medien ästhetisch perfektionieren. Tradwives inszenieren Häuslichkeit und moralische Ordnung. Ihre Gesichter sind weicher als die der Kämpferinnen in der ersten Reihe, doch die Logik dahinter ist dieselbe wie hinter dem MAGA-Look: Weiblichkeit wird zur Loyalitätsbekundung – und bei den Tradwives zur kulturellen Basisarbeit im politisch rechten Spektrum. Verkauft wird dieser Lebensstil als „Empowerment“.

Willkommen im Uncanny Valley

In einem Essay auf der Plattform „Identity Hunters“ heißt es treffend, diese Ästhetik entwerfe einen Archetyp der idealen konservativen Frau: attraktiv, sittsam, loyal – und vor allem nicht bedrohlich für den tief verwurzelten patriarchalen Status quo. Sie verstärkt traditionelle Rollenbilder, indem Schönheit gezielt eingesetzt wird, um klassische Vorstellungen von Weiblichkeit ständig zu wiederholen und zu normalisieren.

Kämpferin für Trump: US-Justizministerin Pam Bondi
Kämpferin für Trump: US-Justizministerin Pam BondiReuters

Der MAGA-Look bleibt nicht auf das Gesicht beschränkt; zu ihm gehört die entsprechende Garderobe: High Heels sowie eng anliegende Kleider, die den Körper betonen – einen Körper, der dem Präsidenten gefällt. Trump war bis 2015 Miteigentümer der Miss-Universe-Organisation. Den Wettbewerb hat er nach seinen Vorstellungen von Schönheit und Sexyness geformt.

Das Mar-a-Lago-Face will nicht in erster Linie klassisch „schön“ sein, sondern einschüchtern. Dafür muss die mimische Vielfalt, mit der wir beim Gespräch in eine Feedbackschleife mit unserem Gegenüber treten, auf ein Minimum reduziert werden. Jede Regung kann schließlich als Schwäche interpretiert werden. Wie das Pokerface eines Profis soll das Mar-a-Lago-Face undurchschaubar bleiben. Bei manchen Betrachtern rufen solch eingefrorene Gesichter eine Uncanny-Valley-Reaktion hervor – ein körperlich-emotionales Unbehagen, ein Gefühl von Fremdheit.

Inzwischen werben geschäftstüchtige plastisch-ästhetische Chirurgen mit dem Mar-a-Lago-Face. Auf der Homepage des „Naderi Center“, dessen Mitarbeiter nach ihrem Aussehen zu urteilen zu Trumps enger Gefolgschaft gehören könnten, heißt es, die amerikanische Elite habe seit jeher eine charakteristische Ästhetik. Nun verbreite sich eine neue Art, Macht zu demonstrieren, von den gepflegten Straßen von Palm Beach, Beverly Hills und darüber hinaus. Das Mar-a-Lago-Face stehe für eine neue Ära amerikanischer Luxusästhetik. Verglichen mit dieser Ästhetik der Machtinszenierung wirkt Kim Karda­shians Brazilian Butt als popkulturelles, ironisierbares Spektakel fast wie ein Glücksfall.

Source: faz.net