„Schwebende Lasten“ von Annett Gröschner: Mit Blumen im Gespräch

Ein bisschen ist es so, als würde man ein Album aufschlagen: Den Auftakt eines jeden Kapitels macht eine Blume mit einer kurzen Charakterisierung im Stil eines Bestimmungsbuches, dann folgt ein Ausschnitt aus Hanna Krauses Leben, und am Ende haben wir nicht nur sämtliche Stationen von der Jugend bis zum Tod durchschritten, sondern sind auch über die Eigenschaften des Blausterns, der Gelben Fritillaria, des Ackermohns, der Narzisse, der Anemone, der Schwertlilie und vieler anderer Pflanzen unterrichtet. Die Pointe ist: Die Blumen sind die Komponenten eines Straußes von einem Gemälde des Malers Ambrosius Bosschaert, den die Heldin Hanna eines Tages binden soll. Ein elegant gekleideter Herr betritt ihren ärmlichen Laden mitten im Magdeburger Arbeiterviertel „Knattergebirge“, überreicht ihr eine Kunstpostkarte und bezahlt eine fürstliche Summe im Voraus. Die junge Frau, die am Morgen gerade ihre sechste Schwangerschaft entdeckt hat, erklärt dem Kunden, dass eine originalgetreue Nachbildung nicht möglich sei, denn die Blumen blühten zu verschiedenen Jahreszeiten. Er schlägt ihr einen Besuch im Museum vor, um sich inspirieren zu lassen. Sie folgt seinem Rat und steht kurze Zeit später erstmals vor einem Stillleben von Jacob Marrel und komponiert einen ähnlichen Strauß, doch der freundliche Herr holt ihn nie ab. Gibt es einen Zusammenhang mit den neuen Verordnungen gegen Juden? Hanna lässt das Gebinde von ihrem Lohn fotografieren und stellt es einige Tage lang ins Fenster. Die Blumen sind so schön, dass jeder, der vorbeikommt, andächtig stehen bleibt. Das Bosschaert-Gemälde lässt sie nie wieder los.