Digitalisierung und Alterung: Wir erfordern eine echte Fortschrittserzählung

Der Internationale Währungsfonds hat vor wenigen Wochen einen Beitrag mit zwei scheinbar nicht zueinander passenden Beobachtungen veröffentlicht. Der Fonds konstatierte, wenig erstaunlich, eine starke Zunahme eines Gefühls der Unsicherheit über die Entwicklung der Welt. Die zweite Beobachtung zeigte eine leicht wachsende Zuversicht über die weitere wirtschaftliche Entwicklung.
Viele Menschen werden eine überdurchschnittlich große Unsicherheit allerdings nicht mit Wirtschaftsoptimismus verbinden. Für sie gilt, was der heute weitgehend vergessene britische Ökonom George L.S. Shackle vor Jahrzehnten schrieb: „In orientierungslosen Zeiten ist aus wirtschaftlicher Sicht ein katastrophaler Konjunktureinbruch ebenso möglich wie eine unkontrollierte Inflation und die Zerstörung der Währung oder das Vertrauen in der Gesellschaft.“
Der Pessimist unserer Tage wird diesen Satz leicht auf die Gegenwart anwenden wollen. Mag ein Konjunktureinbruch derzeit auch nicht vor der Tür warten, so verweisen die in vielen Ländern vernehmbaren Klagen über die mangelnde Erschwinglichkeit von Gütern auf Inflation, die in zahlreichen Ländern sehr hohe und weiter steigende Staatsverschuldung könnte die Stabilität von Währungen unterminieren, und das Vordringen eines aggressiven Populismus gefährdet das für eine friedliche Gesellschaft notwendige Vertrauen der Menschen ineinander. In der Tat: In den kommenden Jahren kann sehr viel schiefgehen.
Trump nutzt die Unsicherheit
Shackle verband mit Unsicherheit aber nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. Von ihm stammt der schöne Satz, Unsicherheit gebe Raum für Hoffnungen, um den Preis, Angst zu haben. Über die nicht prognostizierbaren künftigen Veränderungen schrieb er einmal leicht poetisch: „Es wird eine unvorhersehbare Gesellschaft sein, in der sich Momente oder Intervalle der Ordnung, Sicherheit und Schönheit mit plötzlicher Desintegration und Kaskaden abwechseln, die zu neuen Mustern führen.“
Der Populismus mit Donald Trump als seinem exaltiertesten Vertreter nutzt Unsicherheit, um veränderungswillige Menschen zu gewinnen, denen das Blaue vom Himmel versprochen wird. Die seit Jahrzehnten regierenden gemäßigten Parteien scheuen den offenen Umgang mit der Unsicherheit, indem sie ihren häufig veränderungsunwilligen Wählern möglichst viel Bewahrung versprechen. Das Zusammentreffen einer technologischen Revolution und eines dramatischen demographischen Wandels wird jedoch schwer kalkulierbare Veränderungen erzwingen.
Der Populismus gibt vor, auch für diese Welt eine Fortschrittserzählung zu besitzen, mag sie auch wenig belastbar sein. Die gemäßigte Politik, die ihre Wähler – seien es, um aktuelle Beispiele zu nennen, Rentner oder Landwirte – vor dem Wandel bewahren will, besitzt keine Fortschrittserzählung. Aus diesem Grund droht der Populismus zu gewinnen. Und nicht, weil seine Vertreter frecher auftreten oder weil er soziale Medien effektiver nutzt als die biederen und ermüdeten Parteien der Mitte.
Koalitionen der Willigen
Die etablierten Parteien müssen Unsicherheit als eine Kraftquelle für Veränderungen begreifen, mit denen sich aus alter Zeit stammende, heute aber hinderliche Korsette sprengen lassen. Dies gelingt, sofern der Veränderungsdruck nur ausreichend groß ist. Auch wer Trumps umfassende Kritik an der Europäischen Union nicht teilt, kann die Verkrustungen einer aus 27 Ländern mit teils heterogenen Interessen umfassenden Union nicht bestreiten.
Ein in die Zukunft weisendes Konzept auf der europäischen Ebene könnte Koalitionen der Willigen bilden. Das Konzept hat sich in der Verteidigungspolitik mit dem E-3-Format (Deutschland, Frankreich und Großbritannien) spontan etabliert; es ist offen genug, um bei Bedarf weitere Regierungen formlos einzubeziehen.
Eine Opposition mag Wähler mit Reden gewinnen, eine Regierung kann eine Fortschrittserzählung nur mit Taten erzeugen. Die Bundesregierung benötigt ein professionelles Erwartungsmanagement, das die Wähler empörende Diskrepanzen zwischen großartigen Ankündigungen und mäßigen Resultaten vermeidet.
Die Menschen sind bescheiden geworden, wie die Freude über den Neubau einer Autobahnbrücke im Sauerland belegt. Der Regierung ist mehr Mut zu wünschen, um ängstliche Wähler auf einen unabwendbaren Veränderungspfad mitzunehmen.
Solange Union und SPD jedoch verschüchtert auf selbstbewusst auftretende Populisten schauen, werden sie die Wähler nicht überzeugen. Nur wer wagt, kann in einer Welt voller Unsicherheit gewinnen.