Wenn Washington Lateinamerika zu seinem Hinterhof erklärt

Mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump sind zwei Größen ins Bewusstsein der Europäer gedrungen, die Letztere in ihrem gesinnungsethischen Hang gern beiseitegeschoben und verdrängt haben: die Realpolitik und die Geopolitik. Lassen wir die Realpolitik beiseite. Die Europäer bekommen sie in den Gesprächen zwischen Amerikanern und Russen derzeit ohnehin zur Genüge zu spüren. Wenden wir uns der Geopolitik zu. Ihre Anhänger denken in Räumen und Einflusssphären.

Der Redlichkeit halber muss gesagt werden: Die Jünger der Geopolitik stammen meist aus Staaten, die Großmächte waren oder sind oder sich zumindest so fühlen. Kleinstaatler haben dagegen das Nachsehen. Zu häufig sind sie Opfer der Großen geworden. Ein afrikanisches Sprichwort bringt es auf den Punkt: „Wenn Elefanten tanzen, seufzt das Gras.“

Donald Trump empfindet sich als ein solcher Elefant. Seit Monaten posaunt er, dass Südamerika im Allgemeinen, Venezuela im Besonderen zur US-amerikanischen Hemisphäre gehöre, in der keine andere Macht etwas zu suchen habe. Das Völkerrecht hält er für eine Knetmasse, die sich nach seinem Belieben formen lässt. Russen und Chinesen scheinen ihm beizupflichten, jedenfalls fahren sie ihm nicht in die Parade.

Ihr Motiv dafür ist leicht zu erkennen, obgleich man verblüfft feststellen muss, dass Trump selbst ihre Hintergedanken offenbar gar nicht wahrnimmt: Wer als Großmacht die Nachbarschaft als Eigentum betrachtet, in den kein Fremder ohne Erlaubnis auch nur eine Zehe setzen darf, der muss die Einflusssphären der anderen ebenso anerkennen. Mit anderen Worten: Wenn Washington Lateinamerika zu seinem Hinterhof erklärt, dann fehlen ihm die Argumente, Taiwan vor China zu schützen oder im Südpazifik eine eigenständige militärische Rolle zu spielen. Moskau wiederum darf nach diesem, dem Trumpschen Verständnis, wiederum die Ukraine schlucken. Soll es wirklich so sein?

Mit seinem Vorgehen gegen Venezuela, genauer mit der Art, wie der Präsident seine Politik gegenüber Caracas rechtfertigt – so unappetitlich dieses Regime auch ist –, öffnet Trump die Büchse der Pandora. Ukrainer, Europäer, Taiwaner und Japaner müssen achtgeben, dass sie nicht das Gras werden, auf dem die Elefanten tanzen.

Source: welt.de