Leitzins bleibt stabil: EZB erwartet mehr Wachstum im Euroraum

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Leitzinsen am Donnerstag nicht verändert. Seit ihrer jüngsten Zinssenkung im Juni hält sie den Einlagenzins damit auf zwei Prozent. Ob der nächste Zinsschritt eine Senkung oder eine Erhöhung wird, ist offen.
Die EZB nimmt nun eine betont neutrale Haltung ein. Sie erwartet für nächstes Jahr ein stärkeres Wachstum im Euroraum als bisher und erhöhte auch ihre Inflationsprognose. Zuletzt hatte EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel geäußert, der nächste Zinsschritt müsste ihrer Ansicht nach eine Erhöhung sein. Die nächste EZB-Ratssitzung mit Zinsentscheidung ist Anfang Februar.
Für dieses Jahr rechnet die EZB nun mit einem realen Wirtschaftswachstum im Euroraum von 1,4 Prozent, im September hatte sie noch 1,2 Prozent erwartet. Für 2026 erhöhte die EZB ihre Prognose von 1,0 Prozent auf 1,2 Prozent, für 2027 von 1,3 auf 1,4 Prozent und für 2028 gibt sie mit 1,4 Prozent ihre erste Prognose ab.
Teuerung für Dienstleistungen sinkt langsamer als erwartet
Die Kerninflation wird dieses Jahr im Euroraum 2,4 Prozent betragen haben, erwartet die EZB wie bisher. Für 2026 hob sie ihre Prognose von 1,9 auf 2,2 Prozent recht deutlich an. Begründet wurde dies, weil damit zu rechnen sei, dass die Teuerung für Dienstleistungen langsamer als erwartet zurückgehe. Für 2027 werden dann 1,9 Prozent Kerninflation erwartet. Die erste Prognose für 2028 beträgt dann genau 2,0 Prozent Kerninflation (also ohne Energie und Nahrungsmittel).
An den Märkten war das Ergebnis der Zinssitzung so erwartet worden. Auch für die nächste Sitzung im Februar wird nicht mit einer Zinsänderung gerechnet.
Daniel Hartmann, Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft Bantleon, hält es für richtig, den Märkten vorerst keine Hoffnungen auf eine weitere Zinssenkung zu machen. „Wir rechnen mit einem noch stärkeren Wachstum als die EZB im Jahr 2026, vor allem weil der deutsche Fiskalpakt zu sehr zerredet und damit in seiner Wirkung mittlerweile unterschätzt wird.“ Eingedenk des stabilen Wachstum im Süden Europas in Spanien, Portugal und Griechenland, ergebe sich ein zunehmender Inflationsdruck. Gleiches gelte für die USA mit robustem Wirtschaftswachstum.
Hier hatte die Fed vergangene Woche die Zinsen das dritte Mal in Folge gesenkt. Das Niveau ist mit 3,5 bis 3,75 Prozent aber noch deutlich höher als im Euroraum, die Inflation ist es mit nahe drei Prozent allerdings auch. US-Präsident Donald Trump setzt die Notenbank allerdings mit seiner expliziten Erwartung unter Druck, dass sie schnell weitere deutliche Zinssenkungen vornehmen solle. Mit günstigeren Finanzierungsbedingungen für Unternehmensinvestitionen und privaten Konsum erhofft sich der Republikaner ein besseres Wahlergebnis bei den Zwischenwahlen im November. Die Märkte rechnen daher mit zwei weiteren Zinssenkungen im ersten Halbjahr 2026 in den USA. Von Mai an darf ein von Trump ernannter Fed-Präsident die Geschicke der Notenbank leiten.
Weitere Zinssenkungen in den USA umstritten
Wie klug weitere Zinssenkungen in den USA sind, ist umstritten. „Die Frage der langfristigen Zinsen wird das Hauptthema an den Märkten für 2026“, sagt Martin Lück, Chefanlagestratege von Franklin Templeton in Deutschland und Österreich. „Die Fed kann zwar die kurzfristigen Zinsen nach unten steuern, gleichzeitig werden die Märkte mit einem Finanzierungsbedarf der USA von acht Billionen Dollar im Jahr 2026 extrem in Anspruch genommen. Die Risiken werden die Märkte in höheren langfristigen Zinsen widerspiegeln. Sie sind das einzige Korrektiv für zu ausgabefreudige Staaten“, sagt Lück.
Eine steilere Zinskurve wird von einigen Marktteilnehmern erwartet, die Finanzierung staatlicher Ausgaben über immer mehr Schulden kritisch gesehen. Am Freitag wird in Japan mit einer Zinserhöhung gerechnet. Eine Herausforderung für das hoch verschuldete Land. Es ist eine ungewöhnliche Konstellation, dass in einer Woche in drei G7-Staaten geldpolitische Entscheidungen anstehen und die Richtung jeweils unterschiedlich ist.
Am Donnerstag hatte die Bank von England ihre Leitzinsen gesenkt. Der Leitzins in Großbritannien sinkt demnach von 4,0 auf 3,75 Prozent. Allerdings fiel diese Entscheidung nur mit einer knappen Mehrheit von fünf zu vier Stimmen im zuständigen Komitee MPC der Notenbank. Vier Notenbanker waren noch nicht überzeugt, dass der Inflationsrückgang ausreiche, um die Geldpolitik weiter zu lockern.
Die Inflationsrate ist zuletzt von 3,6 auf 3,2 Prozent gesunken, liegt aber noch immer weit über dem Zielwert von zwei Prozent und deutlich höher als im Euroraum. Notenbankchef Andrew Bailey sagte, Entscheidungen der Bank von England über weitere Zinsschritte wären wahrscheinlich „eine knappe Sache“. Es gebe noch Spielraum für „etwas zusätzliche Lockerung“. Am Markt wurde das als Indiz gewertet, dass die Zahl zusätzlicher Zinsschritte im nächsten Jahr eher begrenzt bleibe.
Der Pfund-Wechselkurs bewegte sich kaum. Auch der Aktienindex FTSE 100 der größten Unternehmen an der Londoner Börse stagnierte bei 9770 Punkten, sehr nahe an seinem Rekordhoch. Am Vortag hatte der FTSE deutlich zugelegt, als die neuen Inflationsdaten eine Zinssenkung wahrscheinlicher machten. Die zuletzt schwache Konjunktur und der sich abkühlende Arbeitsmarkt werden vermutlich den Preisdruck im nächsten Jahr dämpfen.
„Die globale Geldpolitik steht an einem Scheideweg“, sagt Bantleon-Volkswirt Hartmann. „Die Fed und die Bank von England sind die letzten Zuckungen des Abwärtstrends, im Laufe des Jahres 2026 dürften dann die Debatten über Leitzinserhöhungen eindeutig die Oberhand gewinnen.“
Source: faz.net