„Romantic Evolution/s“ – fruchtbares Missverständnis
Die Hamburger Erstaufführung des märchenhaften Balletts „La Sylphide“ von August Bournonville bildete den ersten Teil eines Doppelabends unter dem irreführenden Titel „Romantic Evolution/s“.
Von Yggdrasil, dem großen Weltenbaum, der in der nordischen Mythologie das ganze Universum vorstellt, ist nur ein verkohlter Stamm geblieben, der längst entwurzelt ohne Geäst und Blattwerk einsam herumliegt. Um den immer noch imposanten Stamm tanzen und toben hier im Wechselspiel die Mystischen und die Wanderer, zwei Gruppen, deren Mitglieder in großer Zahl die Bühne der Hamburgischen Staatsoper bevölkern – in der Uraufführung des Balletts „Äther“ von Aleix Martinez. Das zweite Ballett des Abends knüpft abstrakt an den ersten Teil des Abends an, die Hamburger Erstaufführung des Ballett-Klassikers „La Sylphide“ von August Bournonville aus dem Jahre 1836.
„La Sylphide“ – eine Offenbarung
Der Titel des Doppelabends lautet „Romantic Evolution/s“ und beruht damit auf einem Missverständnis, was seinem Erfolg keinen Abbruch tut. Denn „La Sylphide“, einstudiert von Frank Andersen und Eva Kloborg vom Königlich Dänischen Ballett in Kopenhagen, war in Hamburg mit Ida Praetorius als La Sylphide, Mathias Oberlin als James, Francesca Harvey als James Verlobte und Louis Haslach als Hexe Madge eine Offenbarung. Als pantomimisches Ballett erzählt es ein Märchen, bei dem die Hexe zum Schluss nicht stirbt, sondern James umbringt, der wegen seiner romantischen Gefühlsduselei, seiner unerfüllbaren Sehnsucht nach der unerreichbaren Sylphide, erst seine Braut und dann sein Leben einbüßt. Das ist höchste Ballett- und Erzählkunst, technisch anspruchsvoll, fantastisch getanzt.
„La Sylphide“ wird in prächtigen Bühnenbildern der Romantik in schottischen Gefilden und Kostümen erzählt. Der erste und der zweite Akt sind durch eine Pause getrennt. Damit bietet das Stück einen kompletten, so märchen- wie traumhaften Ballettabend in knapp zwei Stunden und wer mag, kann anschließend in der zweiten Pause nach Hause gehen und nichts vermissen. Aber er verpasste: „Äther“ – eine Dystopie, die in etwa die Welt im Jahr 2025 auf dem Weg ins Nirwana beschreibt. Die romantische Sehnsucht nach der Natur, nach den Gefühlen, nach dem Zauber, weicht hier der unaufhaltsamen Zeitlupe im Wechsel mit der Raserei der verzweifelten Mystischen und Wanderer. Der letzte Sehnsuchtsort im Vergehen bleibt die Zweisamkeit.
Evolution auf die Spitze getrieben
Die Bühne hat bei Martinez zwei Ebenen: Während oben unerreichbar ein sylphidenhaftes Wesen einen permanenten Spitzentanz hinlegt, der als Symbol die Evolution auf die Spitze treibt, verzweifeln unten die Massen. Filmbilder: Von oben blickt mal ein ins Gigantische vergrößertes Auge überwachend herab, mal hetzen Menschenmassen durch die Straßen, Kranichschwärme bevölkern den Himmel. Big brother is watching you. Die Klimakatastrophe ist eine Einbahnstraße. Eine Geschichte wird nicht erzählt, der Sehnsuchtsort wird mit dem Gegenwärtigen verwechselt, soweit das Missverständnis, bleibt doch das Ziel des romantischen Traums stets gleich unerreichbar.
Dabei verausgaben sich die Tänzerinnen und Tänzer des Hamburg Ballett in „Äther“ komplett, ergänzen den Tanz im irrwitzigen Tempo um turnerische Elemente. Das ist spannungsgeladener Hochleistungstanz. Zum Schluss brennt auf der Bühne ein Sessel ab, der vorher ein möglicher subjektiver Sitzpunkt war, eine letzte Insel der Ruhe. Nun gibt es nichts mehr außer einem Sich-aneinander-klammern. Bleibt die künstlerische Aussage, anders als beim historischen Revolutionär Bournonville, auch banal, wächst auch die Sehnsucht nach Sehnsucht, die Ausführung der Bilder ist virtuos.
Hamburgische Staatsoper, Hamburg Ballett; „Romantic Evolutions“, nächste Termine: 9.,12., 16., 17. Dezember
Source: welt.de