Kulturhistorie jener Katze: Faszination von Bastet solange bis Hello Kitty

Die Katze ist Fruchtbarkeitsgöttin, Schutzgeist, Sinnbild des Widerstands und unheilbringende Dämonin zugleich. Eine Symbolträgerin über die Jahrtausende hinweg, vom alten Ägypten bis zur Meme-Kultur auf Social Media. Das Museum am Rothenbaum in Hamburg widmet der Katze nun eine ganze Ausstellung.

Fünf Attribute schreiben die Kuratorinnen Johanna Wild, Lotte Warnsholdt und Lara Selin Ertener ihr zu: niedlich, nützlich, verehrt, stark und unabhängig. Die rund 200 Exponate aus aller Welt zeigen sie aus soziokultureller Perspektive, historische Objekte stehen neben zeitgenössischer Kunst.

An vorderster Front der in der Ausstellung in rosa Plüsch gebetteten Niedlichkeitsfraktion steht Hello Kitty. Die aus Japan stammende Figur, die 1974 geschaffen wurde, sollte die amerikanische Micky Maus übertrumpfen, der wahr gewordene (Alb-)Traum eines überbordenden Warenfetischismus.

Echtes Cat-vertising eben, ganz in der Tradition der japanischen Kawaii-Ästhetik (zu Deutsch: „niedlich“) mit großen Augen und rundem Kopf. Dass die Katze mit der roten Schleife am Ohr keinen Mund hat, werten Kritiker als Mundtotmachen der japanischen Frau.

Von der Fotografie zum Meme

„Nicht ganz so niedlich wie Hello Kitty ist der japanische Katzendämon Nekomata, in Form eines Kinderspielzeugs als Katzen-Godzilla-Hybridwesen mit geteiltem Schwanz und spitzen Reißzähnen.“

Als Vorläufer der heutigen Memes, also lustiger Wort-Bild-Kompositionen im Internet, gilt die fotografische Sammlung „The Brighton Cats“ von Henry Pointer aus dem 19. Jahrhundert. Der britische Fotograf lichtete Katzen bei eigentlich menschlichen Aktivitäten ab und untertitelte die Bilder humoristisch, so etwa ein Foto von Hund und Katze mit dem Zusatz „Krieg und Frieden“.

Katzen-Memes aus diesem Jahrhundert gibt es in der Schau dann nicht mehr analog, sondern digital auf einem Bildschirm zu sehen. Die immer missmutig dreinschauende Grumpy Cat ist längst zu digitalem Kulturgut geworden.

Die vergoldete Totenmaske einer Katzenmumie trägt die Züge eines Löwen.
Die vergoldete Totenmaske einer Katzenmumie trägt die Züge eines Löwen.Ägyptisches Museum Bonn / Mick Vinzenz

Der Stubentiger, der es sich heute lieber auf der Couch gemütlich macht, wurde früher wegen seiner Nützlichkeit geschätzt. Dass Katzen auf Handelsschiffe gebracht wurden, um Mäuse zu fangen, ist keine Neuigkeit. Dass man bis in die Siebzigerjahre hinein Nierenwärmer aus Katzenfell in deutschen Apotheken kaufen konnte, ist dagegen wohl nicht jedem Katzenfreund bekannt.

Die winkende Glückskatze Maneki-neko aus Japan, wörtlich „einladende Katze“, hat dagegen spirituellen Wert. Die Figur, die heute meist in Gold getaucht mit erhobener Pfote von den Fensterbänken winkt, wurde ursprünglich aus Pappmaché oder Ton hergestellt und wird in Japan heute noch als glückbringende Votivgabe dargebracht.

In Südamerika galt die Katze als spirituelles Wesen

Die Geschichte von Mensch und Katze reicht weiter zurück als lange angenommen. Schon vor etwa 10.000 Jahren lebte sie an der Seite der Menschen, zuerst auf Zypern, in China und im alten Ägypten.

Winzige Figuren der Katzengöttin Bastet, die für Fruchtbarkeit und Liebe steht, und Sachmet, Göttin des Krieges mit einem Löwenkopf, zeugen von der Verehrung, die bereits die Ägypter für die feline Gestalt hegten. Wenn eine Katze starb, wurde sie mumifiziert, in einem kleinen Sarkophag oder mit vergoldeter Totenmaske bestattet, die aus der Samtpfote einen echten Löwen machte.

In Südamerika wurden Jaguar und Puma als spirituelle Wesen gepriesen, und ihnen wurde nachgesagt, vom Diesseits ins Jenseits zu wandeln. Gefäße aus der peruanischen Nasca-Kultur zeigen stilisierte Zeichnungen einer gefleckten Katze, aus deren Körper Pfefferschoten und Bohnen schießen. Die mythische Figur, deren Vorbild wohl die Pampaskatze war, sollte gegen Schädlinge helfen und den Ernteerfolg sichern.

Besonders tapfere Krieger in Äthiopien bekamen einen Umhang aus Löwenfell und rotem Samt.
Besonders tapfere Krieger in Äthiopien bekamen einen Umhang aus Löwenfell und rotem Samt.MARKK / Paul Schimweg

Dass Großkatzen wie Löwe, Tiger oder Leopard auch mit – meist männlicher – Tapferkeit, Mut und Stärke assoziiert werden, veranschaulichen Exponate aus Afrika. In Äthiopien verlieh der Kaiser Kopfschmuck und Umhang aus Löwenfell für besondere militärische Leistungen. Und im Kongo (damals Zaire) hatte der autoritäre Herrscher Mobutu Sese Seko immer wieder einen Leopardenhut als Zeichen seiner Herrschaft getragen. Dessen politischen Sturz im Jahr 1997 verarbeitete der Maler Chéri Chérin mit Raubkatzenallegorien in seinen Gemälden.

Doch was bleibt heute, wenn man an die Katze denkt? Sie ist immer noch nicht vollständig domestiziert, hat ihren eigenen Kopf und gilt, wie die Ausstellung auch zeigt, als Symbol für Unabhängigkeit, als Unterpfand der Selbstermächtigung.

In der Mode hielt im 20. Jahrhundert das Leopardenmuster Einzug in den Kleiderschrank. Auch Königin Elisabeth II. zeigte sich im Leopardenmantel, bei einem Pferderennen 1962 in Sandown Park. Wer Leo trägt, kann alles sein: elegant, rebellisch, sinnlich, aber auch, je nach Betrachtungsweise, frivol oder gar vulgär.

Selbstermächtigung der „kinderlosen Katzenfrau“

Heute wie auch früher dient die Katze als Resonanzraum für politische Botschaften. Vertreterinnen der Suffragettenbewegung, die Anfang des 20. Jahrhunderts für das Frauenwahlrecht kämpften, wurden auf Postkarten als wütende, fauchende Kätzchen ins Lächerliche gezogen. Die Denunzierung von Frau und Katze reicht bis ins frühneuzeitliche Europa zurück, als man Frauen als Hexen und schwarze Katzen als Dämonen in Tiergestalt verfolgte.

Als fauchende Kätzchen wurden die Suffragetten ins Lächerliche gezogen.
Als fauchende Kätzchen wurden die Suffragetten ins Lächerliche gezogen.MARKK

Im US-Wahlkampf der vergangenen Jahre eigneten sich die Wählerinnen pejorative Sprachbilder an und deuteten sie auf ihre Weise um. Seien es die rosafarbenen Pussy Hats, die Protestierende trugen, nachdem Trump 2016 sein „Grab them by the pussy“ verkündet hatte. Oder die „Cat Ladies for Kamala“, die sich 2024 zur Unterstützung der demokratischen Präsidentschaftskandidatin zusammenschlossen, nachdem der spätere Vizepräsident J. D. Vance sie als kinderlose Katzenfrau bezeichnet hatte. Harris-Unterstützerin Taylor Swift posierte daraufhin mit ihrem Kater Benjamin als stolze Cat Lady auf dem Cover des „Time“-Magazins.

Freilich kann die Schau die kulturgeschichtliche Bedeutung der Katze nicht in all ihren Ausprägungen erfassen. So lässt sie etwa die anthropomorphen Katzendarstellungen des Malers Louis Wain oder Film- und Bühnenwerke wie das Musical „Cats“ vermissen. Auch das Phänomen Catcalling, die sexualisierte verbale Belästigung im öffentlichen Raum, wird umgangen.

Was den Kuratorinnen aber gelingt: die Ambivalenz der Katze über die Kulturgeschichte hinweg aufzuzeigen. Vom Symbol männlicher Tapferkeit bis zur Abwertung weiblicher Selbstbestimmung, von der Dämonin bis zur Heilsbringerin. Die Katze ist weit mehr als nur ein Haustier oder Internetphänomen.

KATZEN! im MARKK Museum am Rothenbaum, Hamburg, bis 29. November 2026. Der Katalog kostet 28 Euro.

Source: faz.net