Witkoff und Kushner: Zu Gast im Rahmen Bekannten in Moskau

Wertschätzung war die erste Botschaft, die Wladimir Putin seinen Gästen zuteil werden ließ. Ein Konvoi aus den schwarzen, mit deutschem Beitrag entwickelten Aurus-Limousinen der Kremlelite holte Steve Witkoff, den Sondergesandten des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, sowie dessen Schwiegersohn Jared Kushner am Moskauer Flughafen Wnukowo ab.
Es empfing sie Kirill Dmitrijew, Putins Pendant zu Witkoff, aß dann mit ihnen zu Mittag und gab den beiden eine kurze Führung durch das glitzernde Moskauer Zentrum nahe dem Bolschoi-Theater, ehe die Männer wieder in die Limousinen stiegen. Für Witkoff, der in diesem Jahr schon zum sechsten Mal in Russland ist (fünfmal in Moskau, einmal Sankt Petersburg), aber auch für Kushner war Dmitrijew ein bekanntes Gesicht: Schon im Oktober trafen sich die drei in Miami.
An Trumps sogenanntem Friedensplan zur Beendigung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, der daraus folgte, haben dann Europäer und Ukrainer Änderungen erwirkt, über die Witkoff und Kushner mit dem Herrscher im Kreml sprechen sollten. Einige Stunden, nachdem Kushner und Witkoff über den Roten Platz in den Kreml gegangen waren, filmte Putins Staatsfernsehen die beiden mit einer Übersetzerin vor Putin, den ein Übersetzer, Dmitrijew sowie der außenpolitische Berater Jurij Uschakow flankierten. Witkoff lobte Moskaus Schönheit, Putin seine Hauptstadtverwaltung.
Russland will Siegesgewissheit und Entschlossenheit zeigen
Für Russlands Machtapparat sind die Verbindungen zu Trumps Leuten ein Fest, aber auch eine Gratwanderung: Es gilt, Siegesgewissheit und Entschlossenheit zu zeigen, die Eroberungen in der Ukraine fortzusetzen, zugleich aber die Ukrainer und Europäer als eigentliche Hindernisse auf dem Weg zu einem Frieden darzustellen und Trump und dessen Leute nicht zu verprellen, sondern weiter zu umgarnen, mit dem Ziel, die transatlantischen Verbindungen im gegnerischen Lager weiter zu torpedieren.
Dabei zeichnete sich ab, dass Putin wesentliche Änderungen an Trumps Plan ablehnen würde, stattdessen die Ausgangsversion loben und zur Grundlage weitergehender Forderungen machen würde, so mit Blick auf eine Anerkennung russischer Annexionen. Insbesondere hat Putin klargemacht, dass die Ukrainer Gebiete räumen sollen, die sie weiter halten.
Eine Einstimmung darauf bot der Kreml am Montagabend: Schon zum dritten Mal in gut fünf Wochen wurden Bilder Putins in Flecktarn mit seinen führenden Militärkommandeuren gezeigt und Fortschritte auf den ukrainischen Schlachtfeldern behauptet. Die Sitzung fand demnach schon am Sonntagabend statt; wieso ein Tag verging, ehe die Bilder erschienen, blieb unklar. Generalstabschef Valerij Gerassimow referierte im großrussischen Eroberungsjargon zu Putins Ziel, in den nordukrainischen Gebieten von Sumy und Charkiw einen „Sicherheitsstreifen“ entlang der Grenze zu schaffen.
Er behauptete, die russischen Truppen hätten die „Befreiung“ der (weitestgehend zerstörten) Stadt Wowtschansk im Charkiwer Gebiet „heute abgeschlossen“, und nannte weitere „Befreiungen“, insbesondere „der Stadt Krasnoarmejsk“. Das ist der frühere, die Rote Armee feiernde Name von Pokrowsk im ostukrainischen Donezker Gebiet; die Invasoren verwenden ihn ebenso wie die Sowjetbezeichnungen anderer besetzter Städte.
Beobachter bezweifeln russische Eroberungsdarstellungen
Nicht allein die ukrainische Seite, auch unabhängige Beobachter wie das in den USA ansässige Institut zur Erforschung des Krieges (ISW), das sich unter anderem auf russische Militärblogger stützt, bestreiten Moskaus Eroberungsdarstellungen. Das ISW hob hervor, dass Putins Militärführung derzeit entlang der Frontlinie als Teil der psychologischen Kriegsführung „demonstrativ“ die russische Trikolore hissen lasse, um „ihre übertriebenen Behauptungen russischen Vorrückens“ zu stützen und „einen russischen Sieg auf dem Schlachtfeld als unausweichlich darzustellen“.
Der exilrussische Militärfachmann Jan Matwejew schrieb auf Telegram mit Blick auf eine solche Aktion, in der russische Soldaten eine Flagge in Pokrowsk hochhalten, dies sei in einem Teil der Stadt geschehen, den die Invasoren schon vor längerer Zeit eingenommen hätten, es handele sich um eine „Show für Witkoff“.
In der Sitzung mit Putin sagte Gerassimow, man greife weiter an, „mit dem Ziel einer völligen Befreiung des Donbass“. Wert wurde aber auch darauf gelegt, die ukrainische Führung weiter anzuschwärzen, offenbar um Putins Weigerung, Präsident Wolodymyr Selenskyj zu treffen, vor Trump zu rechtfertigen. „Der einfache Soldat tut ihnen nicht leid“, sagte Putin über seine Feinde und ließ einen Verbandskommandeur von Gräueltaten erzählen, die angeblich Ukrainer an Ukrainern verübten.
Putin sprach zum wiederholten Male von einer „Tragödie des ukrainischen Volkes“, unterdrückte aber ein Lachen, als er einem weiteren Kommandeur sagte, „ihre Truppen bewegen sich mit einem Tempo, das uns die Erfüllung aller vor uns stehenden Aufgaben garantiert“.
Putin will so zeigen, dass er Zeit habe, nicht auf einen „Deal“ angewiesen sei. Zur Kulisse für Trump zählte auch der chinesische Außenminister Wang Yi, der am Dienstag den Sekretär in Putins Sicherheitsrat, Sergej Schojgu, traf, wobei Letzterer das „beispiellose Niveau“ der Beziehungen lobte, das „nicht allen im Westen“ passe.
Source: faz.net