Musik | Toy Piano Weekend in Hamburg: Rebellion mit Kinderklavieren
Kling klong pling, klirr di klong. Das Kinderklavier auf der Bühne hat offensichtlich schon bessere Tage gesehen. Doch eine elegant gekleidete ältere Dame bringt die winzigen Tasten trotzdem zum Klingen. Lässt Holzhämmerchen gegen Metallplättchen scheppern und bedient nebenbei noch allerlei elektronische Plastikspielzeuge, die rattern, bimmeln, oder „Hallo, hallo!“ quäken.
Dragon Ladies Don’t Weep heißt das Stück, das der australische Avantgarde-Komponist Erik Griswold eigens für die 79-jährige Pianistin geschrieben hat. Die aus Singapur stammende Margaret Leng Tan gilt seit Jahrzehnten als Ikone der Neuen Musik. John Cage war ihr Mentor, George Crumb bezeichnete sie als seine Lieblingsinterpretin, und für die New York Times ist die Frau mit dem akkurat geschnittenen Bob schlicht die „Queen of Toy Piano“.
Vergangenes Wochenende war Margaret Leng Tan in Hamburg zu Gast beim Toy Piano Weekend, das die Pianistin Jennifer Hymer seit 2014 jedes Jahr im Resonanzraum veranstaltet. Der laut Eigenwerbung „weltweit erste Kammerkonzertklub“ befindet sich im Inneren des begrünten Bunkers an der Hamburger Feldstraße. Ein Gebäude mit idealen Klangbedingungen: Dass zwei Stockwerke weiter oben, im Club Uebel & Gefährlich, gerade ein Hip-Hop-Konzert stattfindet, ist selbst bei völliger Stille nicht zu hören.
Aber warum überhaupt ein „Toy Piano Weekend“? Der einzige namhafte Interpret, der einem zu diesem Instrument einfällt, ist eine Comic-Figur namens Schroeder. Und wer mit der Strenge eines altgedienten Musiklehrers auf die Sache blickt, wird schon die Idee, ein Kinderklavier in einem klassischen Konzertsaal zu verwenden, für einen blöden Witz halten.
Das Instrument klingt ja wirklich billig und scheppernd, Halbtöne sind nicht vorhanden, die schwarzen Tasten nur aufgemalt. Doch genau da liegt der rebellische Reiz: Auch beim Toy Piano geht es im Prinzip um Marcel Duchamps Idee des Readymades, also darum, einen Alltagsgegenstand allein durch Behauptung in Kunst zu verwandeln.
John Cage war der erste Komponist, der sich darauf einließ, und schrieb 1948 Suite for Toy Piano. Zahlreiche weitere Werke folgten, meist interpretiert von der Juilliard-School-Absolventin Margaret Leng Tan. Ihr Credo: „Schlechte Werkzeuge erfordern bessere Fähigkeiten.“ Auch in der ambitionierten Popkultur hat das Toy Piano Spuren hinterlassen – vom All You Need Is Love der Beatles über Björk und The Residents bis hin zum psychedelischen Spieldosen-Sound von CocoRosie. Mehrheitsfähig ist das Instrument trotzdem nicht.
Alles andere als kindisch
Die etwa 100 Zuschauer:innen, die sich im edel designten Resonanzraum eingefunden haben, wirken wie Eingeweihte. Normalerweise probt hier das auf zeitgenössische Musik spezialisierte Ensemble Resonanz, auch Konzerte mit experimenteller Elektronik finden gelegentlich statt. Viele der Anwesenden sind anscheinend Musiker, Musikstudenten – oder ihre Lehrer.
Die Neue Musik, um die es heute letztlich geht, ist nicht gerade ein Publikumsmagnet, gilt als ernst, sperrig und schwer konsumierbar. Hape Kerkeling machte sich in seinem legendären Sketch Hurz! populär – aber auch etwas unfair – darüber lustig. „Die Verwendung von Toy Pianos ist auch der Versuch, die Kopfschwere dieser Musik aufzubrechen, um neue Räume entstehen zu lassen“, sagt die Veranstalterin Jennifer Hymer. „Für Kinder ist die Musik allerdings nur bedingt geeignet, einiges ist durchaus ernst gemeint und sehr komplex.“
Blending In, Mats O Hanssons Komposition für ein Quartett modifizierter Küchenmixer, lässt den Zuschauer etwas ratlos zurück. Jennifer Hymer und die drei anderen Mitglieder des Non-Piano Ensemble haben sich dazu in steifer Pose hinter vier von innen beleuchteten Küchengeräten aufgebaut – fast wie Kraftwerk hinter ihren Synthesizern. In variierten Stop-und-go-Rhythmen schalten sie die Dinger ein und aus, die Farben wechseln im Takt, nur die Mienen der Musiker:innen bleiben stoisch. Die Roboter von Kraftwerk waren da amüsanter.
Der Auftritt der Düsseldorfer Toy-Pianistin Frederike Möller mit ihrem Walzer doppelt erinnerte an elaborierte Ambient Music. Zu metallischen Toy-Piano-Läufen plätscherte die Künstlerin in einer Schale mit Wasser und sampelte die einzelnen Komponenten Schicht für Schicht übereinander. Später entfesselte Jana De Troyer mit zwei Saxofonen, Elektronik und einer weiteren Schale Wasser, in die kraftvoll hineingeblasen wurde, eine Disrupted Reflection.
Die Peanuts lassen grüßen
„Eine Toy-Piano-Szene mit Komponisten, die für uns Stücke schreiben, gibt es schon länger“, sagt Hymer, die sich vor 19 Jahren ihr erstes Spielzeugpiano gekauft hat, nach dem Hören von Margaret Leng Tans Album Daughters of the Lonesome Isle. Eine der erstaunlichsten Komponistinnen ist die elfjährige Koreanerin Anastasha Suchin, deren musikalische Horrorgeschichte Rosie Margaret Leng Tan eher performt als nur interpretiert. „It’s autumn. The leaves have fallen, so have the children“, hebt sie bedrohlich an und klimpert eine unheimliche Kindermelodie. Im Winter wird Raureif die gefallenen Kinder überziehen, bis sie im Frühjahr wiederauferstehen und diabolisch durch ein Spielzeugtelefon kichern. Ein amüsant morbides Kabinettstück.
Ernster und musikalisch ambitionierter ist das letzte Stück des Abends, ID…a von Sascha Lino Lemke, aufgeführt vom Non-Piano Ensemble, zu dem neben Jennifer Hymer auch die Pianisten Bernhard Fograscher, Steven Tanoto und Daria-Karmina Iossifova gehören. Inspiriert vom tragischen Schicksal der jüdischen Lyrikerin Ida Dehmel erzählt ID…a eine Geschichte von Zensur und Unterdrückung.
Vier Pianist:innen bespielen gemeinsam einen Konzertflügel, doch der Reihe nach werden sie von einem Aufseher isoliert und zum Schweigen gebracht. Eine beklemmende Klangreise, unterstützt durch harsche Elektronik und die superbe Klang-Regie von Birgit Kajtna. Erstaunlich, wohin so ein Toy Piano Weekend führen kann.
Übrigens, als der Peanuts-Erfinder Charles M. Schulz Margaret Leng Tans erstes Album mit Musik für Toy Piano hörte, schrieb er ihr einen Dankesbrief – mit schönen Grüßen von den Serien-Charakteren Schroeder und Charlie Brown.