Deutz-Chef Schulte: „Es geht uns noch zu gut“

Herr Schulte, Ihr Kerngeschäft sind große Verbrennungsmotoren, etwa für Land- und Baumaschinen. Wie hart trifft Sie die Konjunkturflaute?

In den klassischen Sektoren trifft uns das schon hart. In guten Jahren hatten wir so viel Nachfrage, dass wir knapp 200.000 Verbrennungsmotoren verkaufen konnten. 2023 haben wir noch 180.000 geschafft, dieses Jahr werden wir wohl bei unter 140.000 landen. Die gute Nachricht: Wir haben Deutz in den vergangenen Jahren breiter aufgestellt und neue Geschäftsbereiche etabliert. Das ist der Grund, warum wir trotz dieser Situation in diesem Jahr voraussichtlich die zweitbesten Zahlen unserer Firmengeschichte schreiben werden. Aber natürlich ist die Nachfrage etwa in der Bauindustrie massiv zurückgegangen. Hier warten wir seit anderthalb Jahren auf Erholungstendenzen.

Und die treten trotz des Sondervermögens für Infrastruktur nicht ein?

Wir merken davon bisher so gut wie gar nichts. Dass das nicht von heute auf morgen geht, ist klar. Aber es darf auch nicht zwei Jahre dauern, bis das Geld in der Wirtschaft ankommt. Sonst gibt es den erhofften Konjunktureffekt nicht.

Was macht Ihnen mit Blick auf die Wirtschaft am meisten Sorgen?

Dass wir uns als Land nicht ehrlich machen. Die Grundlage unseres Geschäftsmodells als Bundesrepublik ist weggefallen: Wir beziehen, zu Recht, keine billige Energie mehr aus Russland und können uns auf den militärischen Schutz der USA nicht mehr verlassen. Gleichzeitig setzen wir unsere Wettbewerbsfähigkeit mit endlosen bürokratischen Prozessen unter Druck. Für besonders grundlegend halte ich aber die Veränderungen auf dem chinesischen Absatzmarkt.

Lange konnte Deutschland den chinesischen Markt mit Qualität und Technologieführerschaft beherrschen. Aber die Chinesen haben nicht nur dazugelernt, sondern uns in vielen Bereichen längst überholt. Interessanterweise sind wir im Bereich der Verbrennungsmotoren noch Technologieführer, was allerdings auch daran liegt, dass sich die Chinesen auf elektrische Antriebe konzentrieren. Aber wir dürfen uns davon nicht blenden lassen, die Stückzahlen werden in den nächsten Jahrzehnten deutlich zurückgehen. Deshalb transformieren wir Deutz.

Sie machen mit Verbrennungsmotoren, die den Chinesen wohl zu rückständig sind, 92 Prozent Ihres Umsatzes. Wie vermitteln Sie Ihren Beschäftigten, was auf Deutz zukommt?

Transformation gelingt nur, wenn sie mit einer sehr ehrlichen Bestandsaufnahme beginnt. Deshalb machen wir auch intern sehr klar, dass wir in 20 Jahren nicht mehr einen Großteil unseres Umsatzes mit Dieselmotoren machen werden. Manche wollen das nicht so recht wahrhaben. Es ist unsere Aufgabe klarzustellen, was passiert, wenn wir uns nicht verändern. Da braucht es deutliche und ehrliche Worte.

Und die finden Sie?

Ja. Wir haben zum Beispiel einen Standort in Ulm, den wir ohne neue Produkte oder Technologien künftig nicht mehr so auslasten können wie früher. Das bereitet den Mitarbeitern große Sorgen. Meine Vorgänger – und zu Anfang auch ich – haben immer gesagt, dass mit der Elektrifizierung neues Geschäft kommt, wir wieder etwas aufbauen. Aber irgendwann habe ich bei einer Betriebsversammlung spontan gesagt: Wir tun alles, um an neue Aufträge zu kommen, wir treiben die Transformation voran. Aber ich kann gerade nichts versprechen.

Das kam wohl nicht gut an.

Mein Eindruck ist, dass die Mitarbeiter es honorieren, wenn wir Klartext reden. Nach der Veranstaltung sagten einige Kollegen: Diese Managerphrasen, die wir tausendmal gehört haben, glauben wir sowieso nicht mehr. Wir mussten im Entwicklungsbereich, gewissermaßen das Herz von Deutz, 150 Stellen streichen. Auch in der Produktion haben wir Stellen abgebaut und die Arbeitszeit temporär reduziert. Für diese Maßnahmen erntet man keinen Applaus. Aber ohne Verständnis der Belegschaft gibt es keine Bereitschaft zu Veränderungen. Da unterscheidet sich ein Unternehmen nicht von der Politik.

Ist die Bundesregierung deutlich genug in ihrer Problembeschreibung?

Ich finde nicht. Es geht uns noch zu gut, und wir sind nicht konsequent genug. In Deutschland, in Europa, sind wir sehr komfortabel geworden. Zufrieden, solange unsere Partikularinteressen nicht gefährdet sind. Dieser satte Zustand wurde gefördert von einer Politik, die uns weismachen wollte, dass sich nicht viel ändern muss. Das Gegenteil ist der Fall. Aber es fehlt der Mut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.

Wenn Kanzler Merz sagt, die Sozialsysteme seien so, wie sie sind, nicht mehr finanzierbar, ist das doch recht eindeutig.

Klar, aber das ist für den Einzelnen weit weg. Wenn ich mich vor meine Leute stelle und sage: „Wir müssen uns jetzt transformieren“, fragt mich der Mitarbeiter: Was heißt das für meinen Job? Teilweise wollen die Leute wissen, ob sie hier bis zur Rente in 14 Jahren arbeiten können. Dann merke ich: Wir erklären das noch falsch. Es geht darum, ob es ihren Job in fünf Jahren noch gibt. Und wie er dann aussehen wird. Boris Pistorius ist mit seiner klaren Ansage, das Land muss kriegstüchtig werden, ein gutes Beispiel dafür, dass Menschen Ehrlichkeit honorieren. Wichtig ist aber auch, gleichzeitig ein positives Zielbild zu formulieren, auf das man hinarbeitet.

Wie wollen Sie denn Ihr Geschäft in die Zukunft führen?

Wir bauen ein neues Deutz, das resilienter ist. Wir investieren in neue Geschäftsfelder, wie Energieversorgung und Rüstung. Gleichzeitig bauen wir unser Servicegeschäft stark aus und setzen auf batterieelektrische Systeme. Mit der Übernahme eines niederländischen Innovationsführers haben wir uns hier gut aufgestellt. Und: Bei aller Abhängigkeit vom Verbrennungsmotor haben wir eine deutlich bessere Ausgangsposition als etwa die Autoindustrie. Unsere Motoren müssen Extrembedingungen aushalten. Da wird der Verbrenner noch länger eine Rolle spielen. Das gilt vor allem für größere Modelle, auf die wir uns zunehmend konzentrieren.

Sie haben sich vor drei Jahren an einem Wasserstoffverbrennungsmotor versucht, aber der verkauft sich nicht gut. Woran liegt’s?

Ja, darin haben wir große Hoffnungen gesetzt. Das hört sich erst mal gut an – es braucht dieselben Ingenieure, identische Produktionslinien und Prüfstände. Aber am Ende kommt es für den Kunden auf die Kosten an. Und im Vergleich zu Diesel haben wir bei Wasserstoff einen Kostenfaktor von eins zu acht. Wir haben das Projekt nicht eingestellt, aber Überlegungen, weitere Motoren auf den Markt zu bringen, haben wir fürs Erste auf Eis gelegt. Da orientieren wir uns am Markt.

Stattdessen sind Sie ausgerechnet ins Geschäft mit Dieselgeneratoren eingestiegen.

Exakt, ein Markt mit zweistelligen Wachstumsraten. Denn Generatoren sind wichtig für die Energiewende und kritische Infrastruktur wie Rechenzen­tren. Der Strombedarf wird stark steigen, gleichzeitig sind Wind- und Solarenergie nicht planbar und die Netze auch in vielen entwickelten Ländern in schlechtem Zustand. Back-up-Lösungen sind Batteriespeicher, aber auch die sind irgendwann leer. Und deshalb braucht man zusätzlich einen Generator mit fossilen oder synthetischen Brennstoffen. Für uns ist dieses Geschäft derzeit ein wichtiger Wachstumstreiber. Der CO2-Ausstoß ist vernachlässigbar, weil der Generator ja nicht den ganzen Tag läuft, sondern wenige Stunden im Monat.

Stichwort Emissionen: In Brasilien wurde in diesen Tagen um die Klimapolitik gerungen. Viele kritisieren die Länder als ambitionslos. Ist das für Sie ein Grund zur Freude?

Ganz und gar nicht. Wir brauchen klare und ambitionierte Klimaziele. Daran kann es keinen Zweifel geben. Ich tue mich nur schwer, wenn die Politik dann vorschreibt, wie man sie konkret erreichen soll. Da gibt es viele Theoretiker, die die Anwendungsfelder eben nicht verstehen. Mich stört diese Totalität in der Klimapolitik. Es braucht verschiedene Technologien. Und Pragmatismus.

Wo zum Beispiel?

Wenn Sie den Motor in einem Ackerschlepper elektrifizieren wollten, würde wohl allein die Batterie 10 Tonnen wiegen. Jetzt können Sie auf neue Batteriearten warten oder schon heute eine kleinere Batterie mit einem zusätzlichen Dieselmotor verbauen. Der federt dann längere Laufzeiten ab. Damit werden die Emissionen um bis zu 80 Prozent reduziert. Aber das ist natürlich nicht CO2-frei, wie die EU das will. In anderen Teilen der Welt geht man da deutlich pragmatischer vor.

Es ist ja nicht verboten, CO2 auszustoßen. Es wird nur künftig mehr Geld kosten oder muss andernorts kompensiert werden.

Richtig, und das ist genau das, was ich meine. Bestimmte Teile der Mobilität und Industrie werden null Emissionen auf absehbare Zeit nicht erreichen oder nur über Buchungstricks. Wir sollten uns darauf konzentrieren, die Emissionen im gesamten System zu reduzieren, durch die clevere Kombination von Technologien. Am Ende zählt doch nur, ob Sie ins Ziel kommen. Und an welcher Stelle.

Das klingt wie eine Lehre aus Ihrer Zeit als Profi-Ruderer. Bei den Olympischen Spielen 2004 haben Sie im Achter den vierten Platz geholt.

Ja, im Sport muss man sich jedes Jahr aufs Neue qualifizieren und darf sich nicht auf alten Erfolgen ausruhen. Alles wird dem großen Ziel untergeordnet. Diese Zielstrebigkeit brauchen wir wieder. Und den Glauben an uns und unsere Stärken. Sonst muss man nicht antreten. Auch das lehrt uns der Sport.

Wünschen Sie sich Olympia nach Deutschland?

Ich fände das super. Wir brauchen als Land eine positive Zukunftserzählung. Olympia kann genau das sein, siehe Paris. Wir setzen uns ein gemeinsames Ziel, auf das wir hinarbeiten können: mit Blick auf Infrastruktur und Digitalisierung, aber auch mit Blick auf die Zusammenarbeit zwischen ganz unterschiedlichen Interessengruppen. Diese Kraft sollten wir nicht unterschätzen.