Trump und Bin Salman: Ziemlich beste Feinde jener Presse
Zutiefst schockiert zeigten sich amerikanische Medien über Donald Trumps Reaktion auf eine Frage der ABC-Korrespondentin Mary Bruce beim Besuch des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Sie fragte nach der Ermordung des saudischen Dissidenten und „Washington Post“-Reporters Jamal Kashoggi.
Der Journalist war 2. Oktober 2018 im saudischen Konsulat in Istanbul von einem Spezialkommando gefoltert, getötet und anschließend zerstückelt worden. „Dinge passieren“, sagte Trump auf Bruces Frage, warum man bin Salman trauen sollte, der den Mord amerikanischen Geheimdiensterkenntnissen zufolge abgesegnet hatte. Trump meinte, Kashoggi sei „äußerst umstritten“ gewesen und behauptete, bin Salman habe nichts von dem Mord gewusst. Stattdessen griff Trump ABC an, behauptete, der Sender verbreite „Fake News“ und nannte ihn „eine der schlimmsten Organisationen im Nachrichtengeschäft“.
Trump wünscht sich mediale Kontrolle wie die Saudis
Die „Post“ wies diese „Verzerrungen“ wütend zurück und schrieb, eine derartige Legitimierung ermutige Bin Salman „und seinesgleichen, weil sie keine echten Konsequenzen zu fürchten haben“. Trumps Gast, bemerkte der CNN-Moderator Anderson Cooper im Nachgang, habe sich wohl „ganz zu Hause gefühlt“ angesichts der offenen Drohungen gegen Medienorganisationen. „Es gibt keine Pressefreiheit in Saudi-Arabien – nach der Bemessung der Organisation Freedom House erzielt das Königreich eine Null auf der Skala von eins bis vier.“
Trump tut sich nicht zum ersten Mal mit Autokraten-Schmeicheleien und der Beleidigung von US-Journalisten hervor. Erst kurz zuvor hatte er an Bord der Air Force One die Bloomberg-Reporterin Catherine Lucey, die nach der Veröffentlichung der Epstein-Akten fragte, mit ausgestrecktem Zeigefinger und den Worten „Quiet! Quiet, piggy!“ (Sei still, Schweinchen) beleidigt.
Mit seinem Ausfall über den „Ungehorsam“ der ABC-Reporterin Mary Bruce und darüber, dass sie „unseren Gast mit einer solchen Frage in Verlegenheit bringt“, im Beisein von Mohammed bin Salman, unterstrich der US-Präsident einmal mehr seine Vorstellung von einer Presse, „die ihm zu Diensten ist, den Mund hält, wenn er das verlangt und wenn er Fragen peinlich findet“, wie Sarah Leah Whitson, Direktorin des von Kashoggi gegründeten Verbands „Democracy for the Arab World Now“, bei CNN sagte. Zwar habe Trump nicht die Kontrolle über die Medien, wie die Saudis sie ausüben, sagte CNNs Medienanalyst Brian Stelter, „aber er wünscht sich offenbar, er könnte Rache an den amerikanischen Medien nehmen, wie ein Diktator das täte“.
Eine eindeutige Geste
Trump forderte tatsächlich, der Chef der Medienbehörde FCC, Brendan Carr, solle erwägen, ABC die Sendelizenz zu entziehen, „weil eure Nachrichten so fake und so falsch sind“. Die FCC hat zwar in dieser Hinsicht gar keine Handhabe – die Behörde verteilt Sendelizenzen an lokale Sendestationen, die teils ABC gehören, hat aber keine regulatorische Macht über ABC selbst. Doch Carr ist, wie Trump weiß, ein williger Erfüllungsgehilfe. Immer wieder schaltet er sich seit seiner Ernennung durch Trump im Januar ein, um die amerikanischen Fernsehnetworks ABC, CBS und NBC auf Linie zu bringen, deren wirtschaftliche Interessen bisweilen vom Plazet seiner Behörde abhängen.
Die Sender benötigten eine „Kurskorrektur“, sagte Carr, es müsse dort anstatt politisch tendenziösem Fernsehen endlich wieder das öffentliche Interesse im Vordergrund stehen. Im September hatte Carr in der Show des ultrarechten Podcasters Benny Johnson mit dem Satz „Wir können dies auf die leichte oder die harte Tour machen“ signalisiert, dass er ABC-Stationen das Leben schwer machen werde, wenn der Sender nicht „Maßnahmen im Fall Kimmel“ ergriffe – gemeint war der Late-Night-Talker, der in seinem Monolog fälschlich unterstellt hatte, dass der Mörder von Charlie Kirk auf der politischen Rechten zu verorten sei.
Prompt boykottierten die Konzerne Nexstar und Sinclair, Eigner zahlreicher TV-Stationen im Land, Kimmels Show; ABC suspendierte Kimmel eine knappe Woche lang. Carrs Drohung war wirksam, weil sowohl Nexstar als auch Sinclair in Verhandlungen über milliardenschwere Deals stehen, die die FCC genehmigen muss. Als Trump vor wenigen Tagen die Entlassung des Late-Night-Talkers Seth Meyers bei NBC forderte, kopierte Carr Trumps Post kommentarlos in sein X-Konto. Die Geste war klar: NBCs Mutterkonzern Comcast zählt zu den Interessenten am Konzern Warner Bros. Discovery, der zum Verkauf steht – wiederum unter Aufsicht der FCC.
Eine Medienlandschaft von Trumps Gnaden
Carrs Rolle bei Trumps Streben, die Medien zu kontrollieren, bestehe weniger darin, den Networks vorzuschreiben, was sie senden und wen sie feuern sollen, schreibt der „Atlantic“. Vielmehr stelle er einen Zustand her, in dem das gar nicht mehr nötig sei.
Mehrfach hat Carr ins Spiel gebracht, ABCs Morgentalkshow „The View“ abzustrafen. Joy Behar, eine der sechs Moderatorinnen, hatte dort zu Trumps Behauptung, Obama habe einen Coup gegen ihn inszeniert, gesagt, Trump sei bloß neidisch, weil Obama all das sei, was Trump nicht ist – „schlank, intelligent, attraktiv, glücklich verheiratet“. Bei Fox News ließ Carr daraufhin verlauten, dass den Networks „Probleme wie Colbert drohen“, falls man dort weiter einen „parteiischen Zirkus“ veranstalte. CBS hatte im Juli kurz nach der Trumps Forderung, der Late-Night-Talker und Trump-Kritiker Stephen Colbert müsse feuern werden, angekündigt, dass Colberts Sendung im kommenden Mai endet. Das war ein Kotau, der dazu diente, die Übernahme des CBS-Mutterkonzerns Paramount durch den Milliardär und Trump-Kumpel Larry Ellison, beziehungsweise dessen Sohn David, glatt zu gestalten. Auch dieser Deal war vom Plazet der FCC abhängig.
Dass der Ellison-Konzern, der nun Skydance Paramount heißt, zu den Bietern für den Medienkonzern Warner Bros. Discovery gehört, dem unter anderem der Nachrichtensender CNN gehört, nährt in den US-Medien die Sorge, dass die Nachrichtenlandschaft weiter unter den Einfluss Trumps und seiner Kompagnons gerät. Und dabei könnte künftig womöglich auch Mohammed bin Salman mitmischen: Wie „Variety“ berichtet, stellen Larry Ellison und sein Sohn David zurzeit ein Konsortium von Investoren aus Saudi-Arabien, Qatar und Abu Dhabi zusammen, um ein Angebot über 71 Milliarden Dollar für den Erwerb von Warner Bros. Discovery machen zu können.
Paramount dementierte den Bericht als „kategorisch inakkurat“, aber auch die „Financial Times“ berichtet von Gesprächen Ellisons mit Geldgebern aus Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten. Dazu sagte der iranisch-amerikanische „Washington Post“-Journalist Jason Rezaian, der von 2014 bis 2016 in Iran wegen angeblicher Spionage inhaftiert war, auf CNN, es jage ihm einen „höllischen Schrecken“ ein, dass Saudis US-Medienkonzerne zu kaufen versuchten. Noch könnten Journalisten in den USA die Regierung kritisieren. Doch sei seine größte Sorge, „die Selbstzensur, die in unserer Branche einzusetzen beginnt. Und – wirklich –, die Sicherheit der Menschen, die diesen Job machen“.
Source: faz.net