Das Werk Leo Strauss’: Athen oder Jerusalem?
Im Vorwort zur amerikanischen Ausgabe seines erstmals 1930 in Deutschland veröffentlichen Buches über die Religionskritik Spinozas stellte sich Leo Strauss 1965 dem amerikanischen Publikum gleich im zweiten Satz als „ein in Deutschland geborener und aufgewachsener Jude“ vor. Die folgenden zwei Absätze leitete er jeweils mit Sätzen ein, die man in einem Vorwort zu einer Abhandlung über Spinozas „Tractatus theologico-politicus“ nicht unbedingt erwarten würde. Strauss beginnt mit: „Zu jener Zeit“ – und bezieht sich dabei auf die Endjahre Weimars, während derer er das Buch geschrieben hatte – „war Deutschland eine liberale Demokratie“, um den nächsten Abschnitt einzuleiten mit: „Die Weimarer Republik war schwach.“
An späterer Stelle des Vorworts wird auf Heideggers noch aus dem Jahr 1935 stammende, allerdings 1953 veröffentlichte Bemerkung von der „inneren Wahrheit und Größe“ des Nationalsozialismus hingewiesen, und schließlich zitiert Strauss – was im Kontext des Buchthemas von allen diesen Verweisen am wenigsten zu überraschen vermag – den Autor, dessen Bibelkritik sein Buch ja eigentlich zum Gegenstand hat: „Wenn die Grundlagen ihrer Religion die Gemüter der Juden nicht weibisch machten, so würde ich unbedingt glauben, dass sie einmal bei gegebener Gelegenheit (denn die menschlichen Dinge sind wandelbar) ihren Staat wieder errichten werden.“
Welche Rolle spielt die Aufklärung im jüdischen Staat?
Die nationale Frage und die sogenannte „jüdische Frage“, die das Land seiner Geburt von 1933 an bekanntlich einer „Endlösung“ zuführen wollte, der Strauss nur durch ein – wie er selbst schreibt – „gütiges Schicksal“ entrinnen konnte, der Zionismus und die Gründung des Staates Israel, das Versprechen der Aufklärung auf Judenemanzipation, überhaupt die auf gewalttätigste Art enttäuschte Illusion, in der Moderne seien Fragen der Konfession überwunden: Strauss’ intellektuelle Biographie und die dramatischen Zeitenläufe des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts – alles das zeigt sich hier als aufs Engste miteinander verschlungen.

Und die sich aus den Zeitläufen ergebenden Fragen stellen sich heute, fünfundsiebzig Jahre nachdem die „Juden ihren Staat wieder errichtet haben“, abermals und vielleicht drängender denn je – denn der Gründungskompromiss des israelischen Staates zwischen säkular-liberalem Ashkenasi-Judentum und der jüdischen Orthodoxie ist heute so grundsätzlich infrage gestellt wie seit der Gründung des Staates nicht mehr. Die Frage, welche Rolle die Aufklärung zukünftig innerhalb dieses jüdischen Staates spielen werde, steht dabei im Mittelpunkt. Es wäre von brennendem Interesse, Leo Strauss dazu heute hören zu können.
Er selbst hatte auf die ihn ja im direkten Wortsinne existenziell betreffenden Zeitenläufe mit einer Denkbewegung reagiert, die ihn in der Philosophiegeschichte von Hobbes und Spinoza immer weiter zurücktrieb, um sich schließlich der vom Christentum noch unbeeinflussten griechischen Philosophie zuzuwenden, also sich dem Problem „Athen oder Jerusalem“‘, Philosophie oder Offenbarungsreligion, „reason or revelation“, an seinen Ursprüngen zu widmen.
Zuweilen fühlt man sich in ein Lektüreseminar versetzt
Heinrich Meier, der Herausgeber von Strauss’ Schriften, der sich wie kein Zweiter um das Werk dieses großen Intellektuellen und politischen Philosophen verdient gemacht hat, nicht zuletzt durch Seminare an der Universität, an der Strauss von 1949 bis 1969 lehrte, der University of Chicago, schrieb seinerseits im Vorwort zum ersten Band der von ihm editierten und herausgegebenen Schriften, dass er als Herausgeber mit nur spärlicher Kommentierung „hinter den Autor bewußt zurück“ treten wolle. Worin er selbst die philosophische Bedeutung von Strauss erkenne, so Meiers damalige Ankündigung, das wolle er stattdessen in eigenständigen Studien darlegen. Davon liegt mittlerweile – nach dem eher knappen „Die Denkbewegung von Leo Strauss“ (1996), dem „Dialog unter Abwesenden“ (1988), das sich dem Verhältnis von Leo Strauss und Carl Schmitt widmete, und „Das theologisch-politische Problem“ (2003) – die vierte, hier anzuzeigende sehr umfangreiche Studie vor: „Leo Strauss – Zur Sache der Politischen Philosophie“.
Nun tritt Meier allerdings auch in dieser Studie auf fast schon provokante Weise hinter den Autor zurück. Zuweilen fühlt man sich in ein Lektüreseminar versetzt, bei dem die Einführungsveranstaltung bedauerlicherweise ausfallen musste. Nach einem nur zweiseitigen Vorwort behandeln die sechs Kapitel dieses Buchs je einen Text von Strauss, teils eher unbekannt und vom thematischen Fokus abseits des üblichen philosophischen Kanons (etwa: „The Law of Reasons and the ‚Kuzari‘“), teils mit für diesen Philosophen und dann auch der Nachkriegsphilosophie kanonischen Beiträgen („Natural Rights and History“) oder in charakteristischer Umkehr der eingespielten Reihenfolge „Jerusalem and Athens“. Das Buch springt also ganz unvermittelt in die Texte. Und jedes Kapitel besteht im Wesentlichen aus einer – so der Eindruck – quasi Satz-für-Satz-, Absatz-für-Absatz-Exegese des jeweils behandelten Aufsatzes.
So enorm herausfordernd, wie das die Lektüre macht, so ist dieses Vorgehen doch unübersehbar und unmissverständlich Programm. Meier lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass es hier darum geht, Strauss auf straussianische Art und Weise zu lesen und zu präsentieren, sieht es Meier doch als dessen „Signatur“, dass „er seine Philosophie beinahe durchweg in der Auseinandersetzung mit anderen Denkern und bevorzugt in der Form des interpretierenden Dialogs präsentiert“. Genau diesen radikal dicht an den jeweiligen Texten bleibenden „interpretierenden Dialog“ bietet nun dieses Buch in der Anwendung auf Strauss selber.
Von Eingeweihten für Eingeweihte
Zu dieser Methode hatte sich Meier schon früher programmatisch bekannt: sich den Philosophen der Vergangenheit „einzig über die Lektüre ihrer Schriften und in der Auseinandersetzung mit ihrem Denken“ zu nähern – mit Betonung auf „einzig“. Wenn das in diesem Fall nicht unbedingt mit dem gleichzeitigen Anspruch verbunden ist, dass sich in diesem Vorgehen – wie bei Strauss – die „Meisterschaft des Interpreten mit der des Autors misst“, dann liegt es daran, dass Meier sich einer kritisch-interpretierenden Lektüre weitgehend enthält, also gerade darauf verzichtet, substanziell über den Autor hinauszugehen. Das „close reading“ ist hier nicht mit einem dekonstruktivistischen Anspruch verbunden – nichts würde Meier ferner liegen. Allenfalls nutzt er Fußnoten, um weitere Bezüge herzustellen, um weitere Verzweigungen in einem dichten Referenznetzwerk zu beleuchten, um zu weitergehender Lektüre anzuregen. Es werden Spuren gelegt, aber kaum selbst gedeutet.
Insofern scheint diese Präsentation auch von einem gewissen Initiationswillen geprägt: Lektüre von einem Eingeweihten für Eingeweihte und für diejenigen, die man in diesem Kreis gerne neu begrüßen würde – wenn sie sich denn dazu entschließen können, die Mühe auf sich zu nehmen, die es bedeutet, auf den vorgezeichneten Wegen zu wandeln. Das spiegelt zentrale Überzeugungen der Strauss-Schule: der Wille zu esoterischem Schreiben, zur nichtvollständigen, zurückhaltenden, andeutenden Darlegung, und die Überzeugung von der Einsichtsfähigkeit der wenigen. Das philosophische Leben – Meier scheint sich dem vorbehaltlos anzuschließen – ist die höchste, aber deswegen nur sehr wenigen vorbehaltene Daseinsform.
Das alles ist auf eine sehr ostentative Art ‚unzeitgemäß‘. Wie sehr die Fragen der Zeit den Rückgang auf dieses unzeitgemäß Erscheinende erfordern, wie sehr zeitgemäße Antworten es voraussetzen, sich sehr unzeitgemäße Fragen zu stellen, dafür steht im zwanzigsten Jahrhundert ja nicht nur Strauss, sondern – eine zentrale Referenzfigur für dessen Denken – auch Heidegger. Und insofern stellt Meiers Studie bei aller Sperrigkeit ganz eindeutig und völlig überzeugend klar: Uns werden diese Fragen nicht loslassen, nur weil wir vielleicht darauf verzichten, sie zu stellen – insbesondere wird uns das nicht loslassen, was Meier mit Strauss und Spinoza das „theologisch-politische Problem“ nennt.
Heinrich Meier: „Leo Strauss“. Zur Sache der Politischen Philosophie. C. H. Beck Verlag, München 2025. 607 S., geb., 38,– €.
Source: faz.net