Stein aufwärts Kopf | Die besten Krimis welcher Saison – und ein peinlicher Fehlschuss
Die neue Krimi-Saison überrascht: Historisch, politisch, psychologisch – das Genre zeigt sich stärker denn je. Fast alle Titel, darunter auch ein spannendes Sachbuch, überzeugen durch erzählerische Präzision und atmosphärische Tiefe. Nur ein Roman bleibt erschreckend blutleer.
1. „Kriminalliteratur. Geburt und Geschichte eines Genres“ von Manuel Bauer
„Etwas ist nicht geheuer, damit fängt das an.“ Der berühmte erste Satz in Ernst Blochs Essay Philosophische Ansicht des Detektivromans (1960) scheint von zeitloser Gültigkeit, benennt er doch ein Charakteristikum sämtlicher Kriminalliteratur. Und schließt auch die Erwartung ein, dass es am Ende eine Lösung gebe, die das Ungeheure auf einen rationalen Kern zurückführt. Nur deshalb ist die Lage, in der „Detektivgeschichten genossen werden“ doch „zu gemütlich“, wie der passionierte Krimileser Bloch nicht ohne Selbstironie anmerkt.
Dass die Welt wieder in Ordnung komme, zumindest während der Lektüre, ist also eskapistische Hoffnung und Kritikpunkt zugleich. „Ist ein Genre, das im Kern affirmativ ist, nicht als bloße Untermauerung des Bestehenden abzulehnen?“, fragt der Literaturwissenschaftler Manuel Bauer rhetorisch in seiner Darstellung der Kriminalliteratur von der Antike bis zur Gegenwart. Sie haben richtig gelesen.
Für Bauer beginnt die Geschichte des Genres nicht erst im 19. Jahrhundert. Und die Unterscheidung zwischen sogenannter Hoch- und vermeintlicher Trivialliteratur spielt für sein analytisches Vorgehen keine Rolle. Was nicht nur jenen zu denken geben sollte, denen Kriminalromane als anspruchsloses Lesevergnügen gelten. Auch ernsthafte Aficionados des Genres, das natürlich mehr bietet, als sich in einem systematischen Abriss erfassen ließe, können hier etwas lernen.
2. „Ravage & Son“ von Jerome Charyn
Ein Autor, der das hartnäckige, auch von Bauer zitierte Vorurteil, „ästhetische Experimente“ seien der Kriminalliteratur fremd, Lügen straft, ist der 1937 geborene New Yorker Schriftsteller Jerome Charyn. Wer Ravage & Son, seinen aktuellen historischen Thriller, liest, wartet vergeblich darauf, dass das Gefühl, hier sei etwas nicht geheuer, nachlässt.
Das liegt nicht zuletzt an dem kreisenden, auf die Chronologie der Ereignisse pfeifenden Erzählverfahren. Ort der Handlung ist die vor allem von jüdischen Einwanderern bevölkerte Lower East Side Manhattans zwischen 1883 und 1919. Hier treffen Geschäftsgeist und Gangstertum aufeinander, mittendrin Lionel Ravage, ein schwerreicher Metallhändler mit abgründigen Gelüsten.
Da hat ein aufrechter Ermittler wie sein illegitimer Sohn Ben keine wirkliche Chance. Schließlich ist der alte Ravage nicht der einzige, der hier versucht, die Fäden zu ziehen. Die Gemengelage ist nicht leicht zu durchschauen und erfordert hohe Lesekonzentration. Die Entschädigung ist allerdings reichlich, denn Charyns wortmächtiger magischer Realismus ist ein literarisches Vergnügen der besonderen Art. Dass man sich manchmal so überwältigt fühlt wie das Publikum des jiddischen Thalia Theaters, wo die Schauspielerin Clara Carp als Lady Hamlet ihre ganz persönliche Mischung aus Shakespeare und Schund darbietet, ist beabsichtigt.
3. „Ein widerliches kleines Gefühl“ von Regina Nössler
Unserem Alltag näher scheint die Spannungsprosa der Berlinerin Regina Nössler. Ein widerliches kleines Gefühl heißt ihr neuer Roman, und er beginnt mit einem Mordplan. „Messer. Kopf auf Stein. Stein auf Kopf.“ Aber Evelyn Beckmann, Mitte vierzig und Mitarbeiterin in einem IT-Unternehmen, ist eine zivilisierte Person. Und die tut so etwas nicht. Zumal sie die Vergangenheit, mit der sie unerwartet konfrontiert wird, nachhaltig verdrängt hat.
Dass es schließlich doch zur Eskalation kommt, aber anders als erwartet, überrascht nicht. Mittelschicht-Berlin zeigt sich als finsterer Ort, erzählerisch mit großem psychologischen Gespür in Szene gesetzt. So liest man diesen Psychothriller, dessen Horrorpotenzial sich auch ohne sadistische Serienmörder entfaltet, mit wachsendem Unbehagen, aber hochgespannt bis zu seinem tragischen Ende. Jemand wählt die 110 „und sicherheitshalber noch die 112“. Doch Sicherheit, die gibt es in dieser Studie über die Formen menschlicher Einsamkeit ebenso wenig wie Aufklärung.
4. „Falsche Versprechen“ von Florian Wacker
Von deren Vergeblichkeit wissen mittlerweile selbst konventionelle Kriminalromane. Auch wenn ihre Protagonisten es nicht glauben mögen. So meint Kommissar Fähndrich von der Frankfurter Kripo, Grund zum Optimismus zu haben, als es ihm gelingt, einen Mordfall aufzuklären. Der steht allerdings in Zusammenhang mit einem groß angelegten, internationalen Betrugsmanöver, dessen Drahtziehern er wohl kaum habhaft werden wird. Angeblich soll in Marokko grüner Wasserstoff produziert werden; ein einträchtiger Schwindel, der allerdings den einheimischen Beteiligten übel bekommt.
In seinem dritten Kriminalroman, Falsche Versprechen, setzt der Frankfurter Autor Florian Wacker auf populäre Muster. Dem Kriminalisten zur Seite steht eine engagierte Staatsanwältin, die bereits in den vorhergehenden Bänden eine zentrale Rolle spielte. Das Privatleben der beiden Hauptfiguren einschließlich ihrer Ernährungsgewohnheiten nimmt recht viel Raum ein, wohl um dem Bedürfnis des Lesepublikums nach Identifikation entgegenzukommen. Dabei bleibt der Erzählstil angenehm sachlich. Man könnte sich den Roman gut als Tatort-Episode vorstellen, nach der man, dem Schlechten in der Welt zum Trotz, gut schlafen kann.
5. „Die Lotsin“ von Mathijs Deen
Auch in dem vierten Roman des Niederländers Mathijs Deen, Die Lotsin, über seinen wortkargen Ermittler Liewe Cupido, spielen wirtschaftliche Interessen eine große Rolle. Ob sie allerdings etwas mit dem Verschwinden einer Klimawissenschaftlerin von einem Forschungsschiff zu tun haben, ist fraglich. Handelt es sich um ein Verbrechen, einen Unfall oder um Suizid?
Unklare Situationen wie diese sind eine Spezialität des Deutsch-Niederländers Cupido, der für die Kripo in Cuxhaven arbeitet. Doch diesmal tritt der behutsam und scharfsinnig ermittelnde Kriminalist erst relativ spät in Erscheinung, da er mit einer diffizilen Familienangelegenheit beschäftigt ist.
Stattdessen führt sein Kollege Xander Rimbach die schwierigen Verhöre an Bord des Schiffes. Mathijs Deen ist ein realistischer Erzähler von Format, der zu seinen Figuren und ihren Motiven Distanz bewahrt und sich mit Erklärungen zurückhält. Das eröffnet eine Freiheit der Lektüre, die man im Genre oft vermisst. Frei entscheiden kann natürlich auch der Autor, der beschlossen hat, seinen Ermittler mit diesem Roman zu verabschieden. Er möchte vermeiden, erklärte Deen in einem Interview, „dass die Leute bei Teil 24 sagen: Nun reicht es aber!“
6. „Der Inselcop von L. A.“ von Michael Connelly
Diese Sorge quältMichael Connelly offenbar nicht. Der weltweit erfolgreiche Krimiautor hat gerade einen neuen Detektiv ins Rennen um die Publikumsgunst geschickt. Leider ist Der Inselcop von L. A., so der Titel der deutschen Ausgabe, eine eher blasse Figur. Vielleicht braucht er deshalb auch die wortreiche Unterstützung eines Erzählers, der jeden seiner Ermittlungsschritte erläuternd begleitet. Nicht geheuer ist hier nur das Motiv Connellys, seinen Ruf mit einem Roman von derart unterdurchschnittlicher Qualität zu riskieren.
Kriminalliteratur. Geburt und Geschichte eines Genres Manuel Bauer Schwabe 2025, Zwei Bände. Zus. 607 S., 24 u. 28 €
Ravage & Son Jerome Charyn Jürgen Bürger (Übers.), Suhrkamp 2025, 334 S., 18 €
Ein widerliches kleines Gefühl Regina Nössler Konkursbuch 2025, 333 S., 14 €
Falsche Versprechen Florian Wacker Kiepenheuer & Witsch 2025, 262 S., 17 €
Die Lotsin Mathijs Deen Andreas Ecke (Übers.), Mare 2025, 360 S., 23 €
Der Inselcop von L. A. Michael Connelly Sepp Leeb (Übers.), Kampa 2025, 375 S., 23 €