Rente und Wehrpflicht: Der große Generationen-Irrtum
„Die jungen Leute sind einfach zu faul.“
Der 25-jährige Influencer Julian Kamps beschwerte sich neulich auf Instagram. „Wir haben jetzt 18:41 Uhr, ich habe das Haus um 7:30 Uhr verlassen. Ich bin jetzt gerade kurz vor meiner Haustür: Ihr wollt mir doch nicht sagen, dass das das Leben ist?“, schimpfte er. Der Clip wurde teils empört kommentiert: Die Generation Z sei zu faul. Aber die Fakten sprechen dagegen. Eine Auswertung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt, dass die Erwerbsbeteiligung der Jüngeren deutlich gestiegen ist und 2023 mit 75,9 Prozent den höchsten Stand seit Mitte der 1990er-Jahre erreicht hat. Darüber hinaus widerlegt die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2025“ das Klischee, junge Menschen bevorzugten Teilzeitjobs: 81 Prozent der 14- bis 29-jährigen Erwerbstätigen arbeiten in Vollzeit, mehr als jede andere Altersgruppe. Eine Tendenz zu geringerer Wochenarbeitszeit gibt es, aber über alle Generationen hinweg – zunehmend ausgeprägt ist sie eher ab 30 Jahren aufwärts. Zwar steigt die Bedeutung, die Menschen ihrer Arbeit beimessen, bis zur Lebensmitte an und nimmt danach wieder ab. Das war allerdings auch früher so. Und die 40-Stunden-Woche entstand in einer Zeit, in der oft nur ein Partner erwerbstätig war. Heute arbeiten in den meisten Beziehungen beide – und beide kümmern sich, wenn auch nicht zu gleichen Teilen, um Kinder, Haushalt und Pflege. Hohe Arbeitsintensität, engere Taktung: Das ist die Realität, die Studien wie „Arbeitswelt im Wandel“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz beschreiben. Auch das erklärt den Teilzeittrend.
„Eine neue Wehrpflicht belastet nur die Jungen.“
Zunächst mal ist es umgekehrt: Gerade die junge Generation hat zuletzt von der Aussetzung der Wehrpflicht zum 1. Juli 2011 profitiert. Wer 1993 und später geboren wurde, also aktuell 32 Jahre oder jünger ist, musste weder Wehr- noch Zivildienst leisten. Wenn ein neues Musterungssystem bis zum Sommer 2027 aufgebaut ist, könnten bei einer Reaktivierung der Wehrpflicht nur die Geburtsjahrgänge ab 2009 erfasst werden. Die heute 16- bis 32-Jährigen blieben also dauerhaft verschont wie die „weißen Jahrgänge“ der heute 88- bis 98-Jährigen, die zu jung für die Wehrmacht, aber zu alt für die Bundeswehr waren. Im Umkehrschluss heißt das: Alle 33-bis 87-Jährigen unterlagen bereits der Wehrpflicht, in der letzten Zeit vor der Wiedervereinigung mussten sie 15 Monate in der Armee oder 20 Monate als Zivilisten dienen, zu einer Art Taschengeld von zuletzt 7,20 Euro am Tag, zuzüglich karger Kost und Übernachtung im Stockbett. Dagegen nehmen sich die künftig angebotenen 2600 Euro brutto recht komfortabel aus.
„Früher waren die Zeiten friedlicher.“
Immerhin mussten die Wehrpflichtigen früher nicht befürchten, tatsächlich in einem Krieg zu kämpfen, heißt es jetzt. Aber ganz so friedlich waren die Zeiten früher nicht. Der Koreakrieg (1950–53) war eines der Motive für die westlichen Alliierten, auch den noch unter Besatzungsstatut stehenden Bundesdeutschen wieder Waffen in die Hand zu geben. Es folgten die zweite Berlinkrise 1958, der Mauerbau 1961 und die Kubakrise 1962: Danach entspannten sich die Beziehungen zwischen den Blöcken etwas, in den 1980er-Jahren schienen sie von friedlicher Koexistenz geprägt. Aber das ist die Perspektive von heute. In der damals jungen Generation fürchteten viele den Atomkrieg, um Sicherheitspolitik gab es harte Kämpfe. So jedenfalls stimmt: Im nuklearen Weltuntergang hätte es keine Rolle mehr gespielt, ob man Soldat war oder nicht.

„In 40 Jahren kriege ich eh keine Rente mehr.“
Reden Leute in ihren Zwanzigern über die Rente, sagen sie oft: Wenn wir dran sind, ist sowieso nichts mehr da. Drei von vier jungen Menschen zwischen 17 und 27 Jahren haben Angst, im Alter arm zu sein. Dahinter steckt mehr Bauchgefühl als Bilanz. Zwar steht das Umlagesystem massiv unter Druck, doch die nüchternen Berichte zeigen: Die gesetzliche Rente bleibt, die Stellschrauben ändern sich. Der Rentenversicherungsbericht des Arbeitsministeriums unterstellt bis in die 2040er-Jahre keinen Systembruch, sondern einen Mix aus stabilem Sicherungsniveau, höheren Bundeszuschüssen, steigenden Beiträgen und längeren Erwerbsphasen. Der Ageing Report der EU-Kommission kommt zu ähnlichen Schlüssen. Warum fühlt es sich dennoch so düster an? Wenn die Babyboomer in Rente gehen, steigen die Ausgaben sichtbar. Der Blick darüber hinaus ist seltener: In 40 Jahren sind die geburtenarmen Jahrgänge im Ruhestand. Dann zahlen wenige Junge voraussichtlich für weniger Alte als zur Boomerspitze – die Umlage lässt sich dann wieder stabil halten. Und: Totgesagt wurde die Rente oft. Auch in der Reformdebatte um die Jahrtausendwende schrieben viele Jüngere die gesetzliche Rente schon ab. Jetzt ist sie für diese Generation bald in Reichweite.
„Altersarmut ist ein großes Problem.“
In den öffentlichen Debatten um die Rente stehen oft Menschen im Fokus, die früher wenig verdient haben oder über längere Zeit arbeitslos waren. Sie bekommen in der Tat oft wenig Rente. Aber dabei handelt es sich um eine Minderheit. Andere bekommen aus der staatlichen Versicherung nur wenig Geld, weil sie zum Beispiel nur kurz abhängig beschäftigt waren und sonst als Selbständige vorgesorgt haben oder weil sie wegen eines gut verdienenden Partners auf Erwerbsarbeit verzichtet haben. So kommt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zu dem Schluss, dass Kinder häufiger in Haushalten unterhalb der Armutsgrenze leben als Ältere: Hier sind 21,6 Prozent betroffen, dort nur 17,5 Prozent. Allerdings ist die Armutsquote unter den Älteren zuletzt deutlicher gestiegen, was mit der ostdeutschen Massenarbeitslosigkeit der 1990er zu tun hat und wohl auch mit höheren Scheidungsraten, da es sich bei den armen Alten überproportional um Frauen handelt.
„Früher konnte man leichter ein Haus kaufen.“
Die Immobilienpreise in den Ballungszentren haben ein schwindelerregendes Niveau erreicht, das stimmt. Wenigstens in dieser Hinsicht hat Deutschland, das in anderen Bereichen zurückgefallen ist, den Anschluss ans Weltniveau ein Stück weit geschafft: Die Zeiten, in denen Eltern aus Mailand oder Madrid ihrem Nachwuchs aus der Portokasse ein Apartment in Berlin kauften, weil es so spottbillig war, sind vorbei. Allerdings gehört zur Wahrheit auch dazu: Die Kaufpreise waren früher zwar niedriger, die Einkommen waren es aber auch – und in den Zeiten des Hausfrauenmodells gab es oft nur eines davon. Nach der „Affordable Housing Database“ der OECD sind die Einkommen seit 1980 deutlich stärker gestiegen als die Immobilienpreise. Früher war der Traum vom Eigenheim oft durch harten Verzicht erkauft: Lebensmittelpreise wurden auf den Pfennig verglichen, Urlaubsreisen nur auf Sparniveau gebucht, die Deckenlampen beim Fernsehen ausgeschaltet und nur wenige Zimmer im Haus geheizt. Oft war Eigenleistung im Spiel. Mutige mauerten und verputzten, weniger Begabte versuchten sich zumindest im Tapezieren und Malern. Und, vor allem: Damals gaben sich viele mit einem Leben in Klein- und Mittelstädten zufrieden, heute drängen viele in die Metropolen.
„Die Jungen zahlen für die Klimasünden der Alten.“
Richtig ist: Wer sich schon in einem sehr fortgeschrittenen Lebensalter befindet, der wird die drastischsten Folgen des Klimawandels vermutlich nicht mehr erleben. Was das Verursachen betrifft, ergibt sich aber ein differenzierteres Bild. In der Tat sinken die deutschen CO2-Emissionen seit 1990 kontinuierlich, zuletzt hat der Ausstoß sogar das Niveau von 1950 unterschritten. Allerdings hatte der hohe Verbrauch früherer Jahrzehnte mehr mit technischer Rückständigkeit zu tun als mit individuellem Verhalten. Der Strom kam nun mal aus dem Kohlekraftwerk, das Auto verbrauchte zehn Liter. Dafür galten Flugreisen als seltener Luxus, den sich die Älteren bis heute seltener gönnen, zumal wenn es um den Urlaub im Ausland geht. In einer Umfrage des Reiseveranstalters TUI gaben zuletzt 68,7 Prozent der 18- bis 24-Jährigen an, in diesem Jahr mit dem Flugzeug zu verreisen. Unter den 55- bis 64-Jährigen waren es nur 44,3 Prozent. Ruheständler wurden nicht befragt.
„Schnelle Reformen nutzen den Jungen.“
In vielen Reformdebatten, von der Rente bis zum Klima, heißt es: Je früher wir anpacken, desto besser für die Jungen. In der Praxis ist es komplizierter. Denn genau die Startjahrgänge zahlen oft zuerst: Höhere Beiträge schlagen sofort aufs Nettogehalt, ein späterer Rentenbeginn verschiebt die eigene Lebensplanung. Neue Regeln gelten ab dem ersten Job, während bestehende Ansprüche älterer Jahrgänge meist geschützt bleiben. Rentenberichte zeigen, dass Reformen meist mit großzügigen Übergangsfristen für Bestandsrentner einhergehen; die Hauptlast fällt auf jüngere Erwerbstätige. Beim Klima zeigt sich das Muster wieder: Junge Menschen zahlen heute oft die Übergangskosten, etwa durch erhöhte CO2-Abgaben oder Investitionen in erneuerbare Energien. Die Vorteile, wie ein besserer Umweltschutz und eine stabilere Zukunft, wirken sich erst langfristig aus. Entscheidend ist, wer wann wie viel trägt – und welche Chancen die Jüngeren dafür bekommen.
„Der Generationenkonflikt ist ziemlich groß.“
Die Umfragen sind etwas widersprüchlich, aber im Ganzen deuten sie nicht auf einen Clash hin. „Unterschiede ja – aber kein tiefer Graben“, bilanzierte etwa das Deutsche Institut für Altersvorsorge in einer Studie: „Die gängigen Narrative von einem tiefen Graben zwischen den Generationen treffen nur bedingt zu.“ Ganz im Gegenteil ist das Verhältnis oft sogar enger als früher. Was in Bezug auf die Innovationsfähigkeit einer Gesellschaft auch ein Problem sein kann.