Arundhati Roys Erinnerungen: Umarmung eines Stachelschweins
Aller Ruhm und alle Dollarmillionen, die allein der Erfolg des Buchs „Der Gott der kleinen Dinge“ einbrachten, halfen nichts gegen die Demütigungen im Haus der Mutter. Mrs Roy, wie Mary Roy hier durchweg genannt wird, hatte die plötzlich berühmte Tochter Arundhati zu einer Lesung in der von ihr gegründeten und geleiteten Schule Pallikoodam in Kottayam, Kerala, eingeladen. Allerdings sei sie der Meinung gewesen, „dass ich mehr Aufmerksamkeit erhielt, (…) als ich verdiente“. Während des Auftritts plapperte die Mutter störend ins Mikrofon: „Sie plante die Lesung und ruinierte sie. Sie präsentierte mich und unterminierte mich im selben Atemzug.“
Darin kommt ein lebenslanges Muster zum Ausdruck. All ihren Schülern erzog diese feministische Autokratin (ihren Mann hatte Mrs Roy längst verlassen) ein ungewöhnlich starkes Selbstbewusstsein an. Die indischen Mädchen bestärkte sie darin, das Patriarchat nicht hinzunehmen, die Jungs in der Einsicht, dass Rücksicht eine Stärke ist. Die eigenen Kinder nahm sie besonders hart ran. Dem seltenen Lob („Gut gemacht, kleines Mädchen“; so etwa 1997 nach dem Booker-Preis für den genannten Roman) standen Kaskaden an Verwünschungen und Manipulationen gegenüber. Arundhatis Bruder Lalith soll sie einmal gesagt haben, er sei hässlich und dumm: „Wenn ich du wäre, würde ich mich umbringen.“ Es sei nicht persönlich gemeint gewesen, deutet die Autorin an, sondern die Folge feministischer Radikalisierung.
Mütterliche Autorität musste erst unterlaufen werden
Freilich ist es nicht außergewöhnlich, dass die Emanzipation von einem autoritären Elternteil ein Leben lang dauert. Es ist sogar eine der hervorstechendsten Eigenschaften dieser autofiktionalen Erzählung, dass sie zwar eine individuelle, in der eigenen Gesellschaft wurzelnde Geschichte erzählt – vom Zauber des Dorflebens bis zu den Schrecken des Hindu-Nationalismus riecht, schmeckt und leuchtet hier alles indisch –, aber in den emotionalen Erfahrungen für alle Leser anschlussfähig bleibt. Sich im (eben nicht traditionellen) indischen Spiegel wiedererkennen zu können, das war bereits das Geheimnis ihrer Romane; hier kommt dieses Prinzip zur vollen Entfaltung.
Wie es Roy mit wenigen Sätzen gelingt, ganze Szenerien zu entwerfen, die einem bildhaft vor Augen stehen, zeigt einmal mehr das große Erzähltalent der Autorin. Unbeschwert verbindet es sich mit milder Selbstironie beim Blick auf die eigene Biographie, aber auch mit Feuereifer, wann immer die in Indien bis heute allmächtige patriarchale Ordnung – samt der ständigen sexuellen Übergriffe auf Frauen – in den Blick kommt. Vielleicht eine Spur zu pointiert wirkt die Engführung der eigenen (bald unterlaufenen) Unterwürfigkeit unter das mütterliche Gebot mit einer generellen Haltung im Land, „in dem so viele Menschen ihre Peiniger verehren und dankbar dafür zu sein scheinen, dass sie unterworfen und angewiesen werden, was sie zu tun, wie sie sich zu kleiden, was sie zu essen und wie sie zu denken haben“. Definitiv aber gehören die soziologischen Analysen zu den Stärken des Buchs, das sich vor dem Essayistischen nicht scheut.
Ausgang war ein Leben in wilder studentischer Freiheit
Als narratives Gerüst dient das Leben der Autorin. Es beginnt mit der Kindheit an der Seite sogenannter Unberührbarer, nachdem Mrs Roy den (erst viel später in Arundhatis Leben wiederauftauchenden) Vater, einen Teepflanzer in Assam, verlassen hatte. Bei der Gründung der Schule im Jahr 1967 war das Mädchen sieben Jahre alt; der Aufbau dieser Einrichtung – das liebste Kind der Mutter – prägte ihre gesamte Jugend. Eine Ausflucht bot ein Architekturstudium in Delhi, ebenso eine zarte Liebesgeschichte. Was nämlich der Highschool-Schülerin die Neigung zur Architektur eingegeben hatte, war nicht nur der von Roy gefeierte, visionäre Architekt der mütterlichen Schule namens Laurie Baker, sondern auch sein studentischer Assistent. Letzterer, hier wegen seiner Jesus-Ähnlichkeit nur JC genannt, wurde Arundhatis erster Ehemann.

Ein Leben in wilder studentischer Freiheit schloss sich an, ohne Kontakt zur Mutter, dafür getrübt von Geldsorgen und einer Abtreibung. Charmant erzählt die Autorin von der Entstehung der Liebe zum älteren Dokumentarfilmer Pradip Krishen, ihrem zweiten Ehemann. Man begann mit gemeinsamen Filmprojekten, aber Pradip unterstützte Arundhati im immer schon gehegten Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Die erste Hälfte des Buchs endet mit dem gewaltigen, alles verändernden Erfolg des Debütromans. Danach geht es um das Leben mit diesem Erfolg (ein Teil der Tantiemen floss in einen Trust für soziale Projekte) und um Roys politischen Aktivismus. Ihr Kampf gegen diverse Staudammprojekte und die indische Politik mit Blick auf Kaschmir nehmen viel Raum ein. Persönlicher wird es dann wieder mit dem erneuten Auftauchen des Alkoholiker-Vaters und der Sorge um die älter und kränker werdende Mutter.
Letzte Liebeserklärung an eine starke Frau
Ganz frei von Eitelkeit wirkt die engagierte Erzählerin nicht, aber auch das wird reflektiert. Die in genau richtiger Dosis eingesetzte poetische Bildlichkeit fasst etwa das Unbehagen gegenüber der Mutter, das zu einem ebenfalls allen normalen Beziehungen misstrauenden Leben der Tochter führte, als pelzigen Falter auf dem Herzen. Ein Falter ist es aber doch, ein Tier mit Flügeln, das dem Licht entgegenflattert. Nach und nach wird deutlich, dass dieses Abschiedsbuch selbst in den hart mit der Diva von Kottayam ins Gericht gehenden Passagen eine einzige Liebeserklärung darstellt: an eine starke Frau, die sich mit Erfolg gegen ihre Zeit aufbäumte. Vor dem Supreme Court hatte Mrs Roy 1986 sogar erreicht, dass syrischen Christinnen der gleiche Teil am Erbe zusteht wie ihren Brüdern: Bis zu diesem Zeitpunkt galt für sie in Kerala ein antiquiertes Gesetz.
Am Ende des Texts, die geschwächte, immer noch zänkische Mutter vor Augen – kurz bevor ein „perfekter Tod“ ihre letzte bewundernswerte Leistung würde –, gesteht die inzwischen weltberühmte Autorin, die hier doch immer gehemmte Tochter blieb: „Ich hätte sie gern in den Arm genommen und ihr versichert, dass alles in Ordnung kommen würde. Aber ein Stachelschwein kann man nicht umarmen.“ Kann man doch. Mit einem so ehrlichen, inspirierenden und herzensfrohen Buch wie diesem.
Arundhati Roy: „Meine Zuflucht und mein Sturm“. Aus dem Englischen von Anette Grube. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2025. 368 S., geb., 26,– €.
Source: faz.net