Apple-Serie „Pluribus“: Was passiert, wenn plötzlich die Gesamtheit glücklich sind – nur du nicht?

Friede, Freude – Pustekuchen! In der neuen Apple-Serie „Pluribus“ entwirft „Breaking-Bad“-Erfinder Vince Gilligan die Vision einer Menschheit, in der alle gleich glücklich sind – und Unglück zur Rebellion wird. Tipp für alle mies Gelaunten!


Carol (Rhea Seehorn) ist einer von nur 13 Menschen weltweit, die nicht „infiziert“ wurden

Foto: Apple TV


Man kennt solche Szenen aus unzähligen Zombiefilmen und -serien: Einer Wissenschaftlerin passiert ein kleines Missgeschick im Labor, und binnen weniger Stunden, Tage, Wochen ist die Welt eine andere. Der Verkehr kommt zum Erliegen, das Fernsehen hört auf zu senden, von den Städten steigt Rauch auf. Wer bis dahin überlebt hat, muss Gleichgesinnte finden und sich bewaffnen – dann kann der eigentliche Plot von Serien wie The Last of Us oder The Walking Dead beginnen.

In Pluribus, der neuen Serie von Vince Gilligan (Breaking Bad, Better Call Saul), ist vieles ähnlich und doch alles ganz anders. Das „Virus“ kommt per Botschaft aus dem All, und als es um sich greift – eine Wissenschaftlerin hat den Sicherheitshandschuh ausgezogen und wurde von der Maus gebissen –, fallen die Menschen zwar alle zunächst in eine Art Totenstarre, aber dann erholen sie sich wieder. Statt in Zombie-Manier frischem Blut entgegenzustolpern, räumen sie erst mal auf und grüßen dabei freundlich: „Hi, Carol!“.

Carol (Rhea Seehorn), so stellt sich heraus, ist einer von nur 13 Menschen weltweit, die nicht „infiziert“ wurden. Alle anderen sind entweder tot oder „vereint“. In einem glücklichen, wohlgesonnenen, friedlichen Ganzen. Es sei kein Virus, beteuert man gegenüber Carol, die zu verstehen versucht, was der Welt und ihr widerfahren ist.

Alle sind eins, nur eine ist schlechter Laune

Aber wie soll man es nennen, wenn alle anderen sich auf einmal wie eine Einheit verhalten, wie ein einziges Bewusstsein, das folglich überall Augen und Ohren hat und kein Einzelnes, kein Individuum mehr kennt? Carol reagiert sehr menschlich und sehr verständlich: mit Misstrauen und schlechter Laune. Und je freundlicher sich die „Anderen“ verhalten, die auch noch beteuern, nur das Beste für sie zu wollen, desto wütender wird sie.

In Deutschland hat man dem Titel der Serie Pluribus ein erklärendes „Glück ist ansteckend“ hinzugefügt. In den USA kennen die meisten das Wort als Teil der Inschrift auf Münzen wie dem Penny und dem Dollar: „E pluribus unum“ steht da, „Aus vielen (wird) eines“. Tatsächlich ist es ein ur-amerikanisches Motiv, das der Serie zugrunde liegt, die Frage nach der Rolle des Individuums und seinem separaten Recht auf Glück. Oder eben auch auf Unglück.

Wie individuell, wie besonders ist die Serie selbst, fragt man sich anhand der ersten Folgen, die an viele andere Titel denken lässt, an den Antikommunismus-Klassiker Invasion der Körperfresser genauso wie an The Walking Dead, an psychologische Apokalypse-Visionen wie The Leftovers, Mystery-Serien wie Akte X und Arbeitswelt-Dystopien wie Severance. Und mit dem Hang für die Details von Laborarbeit und Procedere jeder Art erinnert viel auch an Breaking Bad und Better Call Saul. Letzteres vor allem auch wegen des gemächlichen Erzähltempos, das nach den ersten zwei Folgen einsetzt.

Aber über all die Referenzen und Anspielungen hinweg entwickelt sich Pluribus dann tatsächlich ziemlich besonders und einmalig. Vor allem, weil mit Rhea Seehorn als Carol eine ungewohnt stachlige, eigensinnige Heldin im Zentrum steht. Sie ist nicht der Typ, der große Survival-Talente in sich entdeckt oder besonders wehrhaft wäre. Ihre Widerstandskraft leitet sich allein aus einer tief sitzenden Unangepasstheit und eben: Unfreundlichkeit ab. Eine mittelalte, missgelaunte Heldin, die niemandem „gefallen“ muss, als letztes Exemplar menschlicher Individualität – allein dafür kann man die Serie schon lieben.

Pluribus Vince Gilligan USA 2025, Apple TV