Ausschluss | Antisemitismus im Kulturbetrieb: Wir nennen es „sekundären Boykott“

Als am 3. November 2023 in der Berliner Staatsbibliothek „Free Palestine“, „Stop the Genocide“ und „Eure Geschichte wiederholt sich“ aus in Regalen versteckten Lautsprechern schallte, konnte niemand wissen, dass dies nur der Anfang eines langen Berliner Winters werden würde, in dem sich eine Störaktion an die nächste reihen und in dem sich der in Kulturkontexten schon immer vorhandene, latente Antisemitismus in offene Drangsalierung verwandeln würde. Es war die Zeit, in der in Medien von einem „dröhnenden Schweigen“ der Kulturszene gesprochen wurde.

Ich habe diese Zeit nicht als Zeit des Schweigens erlebt. Als Organisation, die zu Antisemitismus in der Kultur arbeitet, erreichte uns eine Flut neuer Beratungsanfragen aus Kulturinstitutionen, in denen Mitarbeiter so vehement über Formulierungen in Stellungnahmen zum 7. Oktober stritten, dass nicht nur die Statements niemals veröffentlicht wurden, sondern manche Kulturbetriebe kurz vor dem Kollaps standen aufgrund der heftigen, internen Konflikte und gegenseitigen Zensurvorwürfe.

Dass bald das Buzzword „Dialog“ die Runde machte, schien vor allem dem inneren Bedürfnis der Mitarbeiter geschuldet, einander und vor der Welt zu zeigen, dass sie selbst – nicht die Israelis und Palästinenser – in der Lage und bereit waren, andere Perspektiven zu akzeptieren. Wo man vom Nahostkonflikt sprach, schien oft das eigene Kollegium gemeint zu sein.

Kontakte brechen ein, Projekte scheitern, Kollegen beschimpfen sie am Telefon

Während wir Kulturinstitutionen zu ihren internen Konflikten berieten, rätselten jüdische und israelische Künstler:innen, warum ihre Kollegen nicht mehr auf E-Mails antworteten. Viele von ihnen wurden unter Druck gesetzt, sich politisch gegen den Krieg zu positionieren oder aber einzuräumen, dass die Gewalt des 7. Oktober nur eine Reaktion auf die Situation in Gaza sei. Erzählt wurde vom Einbruch von Kontakten, von gescheiterten Projekten, Beschimpfungen am Telefon durch Kollegen, der Aufkündigung jahrelanger Kooperationen.

Es gab Bedrohungen – darunter Morddrohungen – und in Einzelfällen körperliche Angriffe. Das war, bevor Boykott zum Konsens wurde und bevor ich einen Kurator im Brustton der Überzeugung sagen hörte, er könne nicht mehr zwischen Israelis und Juden unterscheiden – und aufgrund des Krieges wolle er dies auch nicht mehr tun.

Da der Kulturbetrieb von informellen Netzwerken lebt, betreiben wir seit einigen Jahren ein Netzwerk „jüdischer, israelischer und antisemitismuskritischer“ Künstler – gegründet mit der Motivation, dem Ausschluss aus anderen Netzwerken entgegenzuwirken. Unter den Künstlern, die bis 2023 zu den Treffen des Netzwerks kamen, waren Israelis in der Minderheit. Die hier lebenden israelischen Künstler halten, wenn es um israelbezogenen Antisemitismus geht, einiges aus.

Zum einen, weil sie keine Vorgeschichte mit dem Thema haben – sie wurden, im Gegensatz zu Juden, die in Deutschland aufgewachsen sind, in der Schule niemals anlasslos vom Bio-Lehrer gefragt, was sie von der Besetzung des Westjordanlandes halten. In den Diskussionen im Graubereich zwischen einseitigen Vorstellungen von israelischer Politik und Geschichte einerseits und Antisemitismus andererseits schmunzeln sie zwar oft über Klischees. Gleichzeitig fühlen sich viele von ihnen, die verzweifelt sind über die Politik ihrer Regierung, oft eher verstanden von denjenigen, die besonders hart urteilen, als von deutschen Israelfreunden, die nicht wissen, wer Ben-Gvir ist.

Ähnlich ging es bis zum Herbst 2023 vielen linken Juden, die keine Israelis sind: Oft verbleiben sie in Räumen, die von Antisemitismus geprägt sind, im Gefühl, anderes sei gerade wichtiger, als sich selbst vor Antisemitismus zu schützen. Wer in Deutschland lebt und Jude ist, musste sich schon immer irgendwie arrangieren mit Antisemitismus, die Frage ist nur, wie und mit wie viel. Nach dem 7. Oktober 2023 war in der Diaspora bei vielen die Grenze erreicht. Wir, die Linke? Nicht mehr hieß der erste nach dem 7. Oktober 2023 in Deutschland veröffentlichte Artikel der linken französisch-israelischen Soziologin Eva Illouz. Illouz schrieb darin, die Linke habe ihren eigenen Wert der Humanität verraten, indem sie sich weltweit gleichgültig zeige angesichts des brutalen Massakers. Sie sprach für viele linke Juden, seien sie Israelis, Deutsche oder Amerikaner.

Der Boykott trifft das Herz der israelischen Demokratie und Zivilgesellschaft

Zwei Jahre später machen israelische Künstler etwa die Hälfte unseres Netzwerks aus, zu dem heute über 400 Personen zählen. 2023 waren wir noch rund 200. Die Störaktionen in Kulturinstitutionen haben dauerhaft Spuren hinterlassen: Oft fühlen diese sich überfordert vom Gedanken, so etwas könnte auch bei ihnen stattfinden. In der Folge pausieren sie die Zusammenarbeit mit israelischen Künstlern oder verschieben sie. Dies auch dann, wenn sie beteuern, von Boykott nichts zu halten. „Sekundären Boykott“ haben wir das in unserer Organisation getauft. Für die betroffenen Künstler ist es egal, ob Institutionen ihnen aus Überzeugung oder aus Überforderung absagen.

Dabei scheint es inzwischen niemanden mehr zu geben, den es nicht treffen kann. International angesehene Künstler werden offen boykottiert (Lahav Shani), selbst linke, als Friedensaktivisten bekannte Künstler berichten, kaum noch eingeladen zu werden (Etgar Keret, David Grossman). Jüngst wurde bekannt, dass Eva Illouz von der Universität Rotterdam ausgeladen wurde, wegen „Unwohlsein“. Illouz hätte zum Thema Liebe sprechen sollen. Der Boykott trifft das Herz der israelischen Kultur und damit das Herz der israelischen Demokratie und Zivilgesellschaft. Boykott schwächt die Position der Liberalen. Zudem trifft der Boykott längst schon Juden, die gar keine Israelis sind. Manche vermeiden deshalb, sich in künstlerischen Kontexten als Juden zu zeigen.

Die Kollegin mit der Davidsternkette wird gefragt, was sie über den „Genozid“ denkt

Boykott hat viele Facetten, es ist eine Dynamik, in der Menschen hinter verschlossenen Türen erst bedrängt und dann isoliert werden von Gruppen, denen sie als Einzelne gegenüberstehen. Oder es entsteht einfach eine Stille um sie herum, deren Anfang und Ende sie weder verstehen noch beeinflussen können. Nur selten wird offen ausgesprochen, dass jemand ausgeladen wird, weil er Israeli oder Jude ist.

Für die betroffenen Künstler bleibt oft unklar, ob sie boykottiert werden oder ob Kontakte sich vielleicht aus anderen Gründen verlieren. Nur in der Summe sehen sie – sie haben weniger Aufträge als vor 2023. Diese Dynamik ist geprägt von Verzweiflung, Wut, Trauer und Selbstzweifeln auf der Seite der Betroffenen. Neulich sagte ein betroffener Künstler in einem Gespräch unter Tränen, er wünschte, die Leute würden ihm ins Gesicht sagen, was sie denken. Nur die Einsamkeit und die Selbstzweifel, ob er sich vielleicht nicht doch alles nur einbilde, die seien so schwer auszuhalten.

Diejenigen, die auf der anderen Seite stehen – die etwa ihre Kollegin, die mit Davidsternkette zur Probe kommt, nebenbei fragen, was sie über den „Genozid“ denkt, und ihr später mitteilen, dass sie leider beim nächsten Projekt doch nicht gebraucht wird –, tun dies in der Gewissheit moralischer Überlegenheit. Sie statuieren Exempel an einzelnen Menschen im Namen der Menschenrechte, sie vergewissern sich untereinander, dass es gut so ist, sie werfen Juden und Israelis privilegierte Perspektiven vor. Dies tun sie auch gegenüber Juden, die People of Color sind, gegenüber Israelis, die Angehörige verloren haben am 7. Oktober oder heute in Berlin als Sexarbeiter tätig sind, weil die Auftragslage so schwierig geworden ist. Dass sich in Deutschland in solchen Situationen sehr oft Nachfahren von Opfern und Tätern gegenüberstehen, bemerken nur wenige.

Wo wir die größte Solidarität erleben? Auch aus Kulturinstitutionen und von Künstlern

Aber es gibt noch etwas, das sich in den vergangenen Jahren verändert hat. Personen und Institutionen, die zuvor unsicher waren, ob israelbezogener Antisemitismus existiert, und wenn ja, wie schwerwiegend er ist, haben Haltung, Empathie und Engagement gezeigt. So meldeten sich nach der antisemitischen Protestaktion an der UdK Professor:innen von Kunsthochschulen (allein von der UdK waren es mehr als ein Dutzend) bei uns, die sich Sorgen um die Studierenden machten und diskutieren wollten, wie sie ihre Studierenden unterstützen könnten.

Barbara Mundel, Intendantin der Münchner Kammerspiele, hat nach dem 7. Oktober so viele israelische Künstler an ihr Haus geholt wie vermutlich keine andere Institution, darunter übrigens Künstler mit sehr unterschiedlichen Haltungen. Lars Henrik Gass, ehemaliger Leiter der Kurzfilmtage Oberhausen, erlebte nach einem Statement auf Social Media die größte Boykottkampagne, die es in Deutschland bis heute gegen eine Kulturinstitution gegeben hat. Dennoch gab Gass nicht klein bei, im Gegenteil – er gab fortlaufend Interviews, in denen er seine Haltung erklärte und die Motivation und das Vorgehen der Boykotteure analysierte.

Manche Künstler sind unterdessen nach Israel zurückgegangen, weil sie die Situation hier nicht mehr ertragen, manche wurden krank, junge Künstler exmatrikulierten sich. Andere kämpften, wechselten Klassen oder Studiengänge. Unterstützung erfuhren sie von Professoren, die sie begleiteten und berieten, die sie im Kollegium und vor Studierenden in Schutz nahmen, die Stellungnahmen schrieben und Fortbildungen zu Antisemitismus besuchten. So manch einer unter ihnen berichtete uns, dass sie, nachdem bekannt geworden war, dass sie die Studierenden unterstützen, teilweise vor leeren Klassen standen und der Boykott sich gegen sie richtete. In vielen Institutionen sitzen Menschen, die sich gegen Antisemitismus und Boykott aussprechen. Oft sind sie im Kollegium in der Minderheit – und tun es trotzdem.

Wir selbst erfahren nirgends so viel Solidarität und Zuspruch für unsere Arbeit wie von Kollegen aus Kulturinstitutionen und von Künstlern. So haben wir gemeinsam mit den Münchner Kammerspielen das zur Zeit laufende Festival Wohin jetzt? initiiert. In dessen Rahmen kommt übrigens Eva Illouz. Der Titel der Veranstaltung lautet: Zur Situation der Juden nach dem 7. Oktober. Außerdem gehört zum Festival die Premiere von Avishai Milsteins Stück Play Auerbach!. Es spielt im Jahr 2045 – und es gibt keine Juden mehr in Deutschland. Und auch keine Theater.

Stella Leder ist Dramaturgin und Autorin. Sie leitet das Institut für Neue Soziale Plastik, das zu Antisemitismus in künstlerischen Kontexten und Kulturinstitutionen arbeitet. 2021 gab sie den Band Über jeden Verdacht erhaben? Antisemitismus in Kunst und Kultur (Hentrich & Hentrich) heraus