Frank Witzel wird 70: Die komplexe Struktur des Geburtstags

„Ist es nicht eine Demütigung, auch noch nachts im Traum von wildfremden Menschen nach dem Weg zu einem Erlebnisbad gefragt zu werden und die Hälfte des Tiefschlafs damit verbringen zu müssen, die Lage dieses Erlebnisbads, von dem man zwar schon einmal gehört hat, allerdings nur ungefähr weiß, dass es sich am anderen Ende der Stadt befindet, auf Google Maps herauszusuchen, wobei sich die Maßstäbe der Karte beständig verschieben und man plötzlich Alaska als Ausgangspunkt vor sich hat und der Hinweis auf einen Fußweg von mehreren Tausend Stunden zusammen mit der Angabe erscheint, man habe siebzehn Landesgrenzen zu überqueren?“ – Verzeihung, aber dieser Satz musste hier einfach in Gänze zitiert werden, weil an ihm deutlich wird, was die zergliedernde, dabei teils ins Quälerische und oft ins Belustigende drängende Schreibweise Frank Witzels ausmacht.
Dass er heute als Schriftsteller einigermaßen bekannt ist, widerspricht den Gesetzen des Literaturbetriebs und wirkt beinahe wie ein Wunder. Denn noch vor knapp zehn Jahren wusste kaum jemand von seinen Büchern. Dabei ist Witzel kein später Debütant, er hat schon 1978 seinen ersten Gedichtband „Stille Tage in Cliché“ vorgelegt, ließ sich aber mit seinem ersten Roman „Bluemoon Baby“ Zeit bis 2001 und publizierte auch danach nur in größeren Abständen. Dann kam 2015 das Buch, das alles veränderte, ein achthundertseitiger Roman mit dem Titel „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Es ist ein Montagewerk, das in einer Mischung aus Erzählung, Essay, Tagträumen, Wahnvorstellungen, Therapie- und Verhörprotokollen ein Epochenbild der frühen Bundesrepublik um den besagten Teenager anlegt, der biographische Parallelen zum Autor aufweist.
Die Schauspielgruppe der Spezialambulanz für Persönlichkeitsstörungen
Die in gewissem Sinne auch „popliterarische“ Schreibweise, die Konsumprodukte, Mode und vor allem Musik der Zeit archivarisch aufnimmt, wird auf die Spitze getrieben in einer kapitellangen theologischen Exegese des Beatles-Albums „Rubber Soul“. Diese Schreibweise wird allerdings konterkariert durch eine zeitkritisch-ironische, die unter Reflexion wissenschaftlicher Diskurse besonders in langen Dialogen das psychologisierende und (pseudo-)therapeutische Sprechen aufs Korn nimmt: „Was sagen Sie zu der These, dass es sich bei Ihrer Erzählung gar nicht um ein authentisches Erlebnis, sondern um eine Aneignung von Camus’ L’Etranger handelt“? Im allerweitesten Sinne könnte „Die Erfindung“ ein Bildungsroman sein, wobei dessen nichtlineare, selbst traumhaft wirkende Erzählweise verschiedene Varianten des Geschehens in einer Möglichkeitsform darstellt – jetzt auch in einer bedeutend erweiterten Neuauflage nebst „wissenschaftlicher Nachschrift“. Vollends surreal etwa wirkt in diesem Roman ein Kapitel, das „die Verfolgung und Ermordung“ der Hauptfigur „dargestellt durch eine Schauspielgruppe der Spezialambulanz für Persönlichkeitsstörungen“ beschreibt, unter Anleitung von Antonin Artaud, in der eine Figur namens „Gedankenmönch“ auftritt.
Das Buch wurde – bei vielen teils begeisterten Kritikern ob seiner Sperrigkeit wider Erwarten – mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, und zwar als „im besten Sinne maßloses Romankonstrukt“. Sein Verfasser sah sich dadurch auf die literarische Landkarte gesetzt, wurde zu Poetikdozenturen eingeladen, konzipierte eine Hörspielserie für den Bayerischen Rundfunk, schrieb ein Libretto für die Oper „Dora“ des österreichischen Komponisten Bernhard Lang. Witzel ist auch selbst Musiker und zudem Illustrator. Jüngst wurde er, zur Abwechslung von der langen Form, in einem Wettbewerb für literarische Kurztexte mit dem „Wortmeldungen“-Preis der Crespo Foundation ausgezeichnet. Sein Text „Die Möglichkeit einer Micky Maus“ ist eine persönliche und zugleich exemplarische Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod.
Der anfangs zitierte Satz über die Demütigung durch Träume stammt aus Witzels jüngster Veröffentlichung „Komplexe Strukturen“ (2025), die lauter kurze Texte, zum Teil bittere und auch lustige Erzählungen, über solche Strukturen enthält: etwa die des Anfangs, des Begehrens, des Bastelbogens, des Teleshoppings oder des Sonntagnachmittags. In dem Text „Die komplexe Struktur der komplexen Struktur“ kommt dem Erzähler an seinem Geburtstag die Erkenntnis, dass „sämtliche Erzählungen, die wir uns Tag für Tag über uns selbst und andere und die Welt erzählen und wiedererzählen, völlig willkürlich und zufällig und oft aus einer Mischung aus existenzieller Not, Unkenntnis, Faulheit und Nichtkönnen entstanden sind“. Wir wollen sanft widersprechen in dem Glauben, dass es sich doch manchmal anders verhält, und gratulieren Frank Witzel zum siebzigsten Geburtstag.
Source: faz.net