Diese Schlacht ging wie „blutige Kaschemmenprügelei“ in die Geschichte ein
Mit vier Kampfgruppen versuchte die japanische Führung im November 1942, die Insel Guadalcanal endlich zu erobern. In mehreren Nachtgefechten spielten sich auf engstem Raum chaotische Szenen ab, für die es kaum eine Parallele gibt.
Die Kämpfe, die sich japanische und amerikanische Truppen 1942 um die Salomonen-Insel Guadalcanal im südwestlichen Pazifik lieferten, sind ein schönes Beispiel für das, was der preußische Militärtheoretiker Carl von Clausewitz „Friktionen“ genannt hat, unvorhersehbare Probleme, die jeden Plan zunichtemachen können. Aus einem Handstreich-Unternehmen von US-Marines gegen einen im Bau befindlichen Flugplatz auf einer Urwald-Insel war eine monatelange Schlacht geworden, in der sich im November Zehntausende Soldaten zu Land und Dutzende Schiffe in verschiedenen Gefechten gegenüberstanden.
Obwohl die US Navy schwere Verluste erlitt – die Schlacht bei Savo am 8./9. August gilt mit dem Verlust von vier Schweren Kreuzern als einer ihrer größten Niederlagen – war es ihr gelungen, den japanischen Nachschub so weit zu stören, dass die vom kaiserlichen Oberkommando befohlene Erstürmung des Flughafens Henderson Field auf Guadalcanal wiederholt am Widerstand der Marines scheiterte. Solange aber von diesem „unsinkbaren Flugzeugträger“ Bomber die Konvois der Japaner attackierten, konnten diese ihre Positionen auf Guadalcanal nicht entscheidend verstärken.
Schließlich gab der Kaiserliche Kriegsrat in Tokio den notorisch verfeindeten Führungen von Armee und Flotte den unmissverständlichen Befehl, in einer koordinierten Operation Guadalcanal endlich zu nehmen. Dem Unternehmen wurde höchste Priorität eingeräumt und dafür die 38. Division bereitgestellt. Auch intensivierte der „Tokyo-Express“ – schnelle Zerstörer, die in der Nacht mit Nachschub in die engen Gewässer um Guadalcanal vordrangen und verschwanden, bevor die Flugzeuge auf Henderson Field am Morgen starten konnten – seine Versorgungsfahrten.
Die Vereinigte Flotte Japans stellte vier Kampfgruppen zusammen. Zwei sollten Henderson Field mit ihren Geschützen ausschalten und die dritte Flottille, der der Transport der Armee-Truppen zukam, unterstützen. Die vierte hatte mit einem Träger für die Sicherung zu sorgen. Als Angriffstag wurde der 13. November 1942 festgesetzt.
Da sie den japanischen Code weitgehend entschlüsseln konnten, erkannten die Amerikaner den Plan. Henderson Field wurde mit weiteren Soldaten und Flugzeugen verstärkt. Außerdem wurden mit den USS „South Dakota“ und „Washington“ zwei neue Schlachtschiffe vor die Insel verlegt, während der notdürftig reparierte Träger „Enterprise“, der im Oktober vor Guadalcanal beschädigt worden war, die Luftsicherung verstärken sollte. Insgesamt standen sich je rund 30.000 Amerikaner und Japaner zu Lande und je ein Träger, zwei Schlachtschiffe sowie fünf Kreuzer und zwölf Zerstörer der US Navy und zehn Kreuzer und 22 Zerstörer der Vereinigten Flotte gegenüber.
Bis dahin waren die japanischen Schiffe in Nachtkämpfen überlegen gewesen, weil ihre Besatzungen besser ausgebildet waren und über bessere Sichtgeräte verfügten. Zwar waren einige US-Schiffe inzwischen mit modernen Radar-Anlagen ausgerüstet, die das Manko auszugleichen vermochten. Dazu gehörte aber nicht der Schwere Kreuzer, auf dem Admiral Daniel Callaghan seine Gruppe anführte, um die Beschießung von Henderson Field zu verhindern. So kam es, dass der Amerikaner zu spät erkannte, dass ein japanischer Verband mit dem Schlachtschiff „Hiei“ direkt auf ihn zumarschierte.
Was folgte, wird von Seeleuten eine Mêlée genannt, ein ungeordnetes Getümmel auf engstem Raum, „für das sich in der Geschichte des Seekriegs kaum eine Parallele“ findet, wie der Historiker Elmar Potter schreibt. Ein Kommandant drückte es drastischer aus: „Es war wie bei einer blutigen Kaschemmenschlägerei, nachdem man die Lichter ausgeschossen hat.“ Die Nachtschlacht verwandelte sich „in einen chaotischen Tumult, in dem sich Schiffe beinahe rammten, auf ständig wechselnde Ziele feuerten und Fahrt und Kurse bei dem Versuch änderten, freien Manövrierraum zu gewinnen“, beschreiben die Amerikaner Robert D. Ballard und Rick Archbold das Gefecht.
Die japanischen Schiffe waren zum Teil schwer beschädigt. Drei Zerstörer und das Schlachtschiff „Hiei“ waren verloren. Auf der Gegenseite wurden zwölf von 13 US-Schiffen versenkt oder beschädigt, darunter der Kreuzer „Juneau“, der durch den Untergang der fünf Sullivan-Brüder bekannt wurde. Diese hatten sich freiwillig gemeldet; ihr Tod wurde zum Vorbild für Steven Spielbergs Film „Der Soldat James Ryan“ (1998). Trotz der hohen Verluste war es der Navy jedoch gelungen, die Beschießung von Henderson Field zu verhindern.
In der folgenden Nacht wollte Admiral Tanaka Raizo endlich seine Truppentransporter nach Guadalcanal bringen. Zuvor sollte die Kampfgruppe Kondos den Flugplatz auf der Insel beschießen. Das wollten die beiden US-Schlachtschiffe unter dem Kommando von Willis Lee verhindern. „Washington“ und „South Dakota“ verfügten über 40,6-Zentimeter-Geschütze, während die Hauptartillerie der japanischen „Kirishima“ nur vom Kaliber 35,5 war. Auch hielt Admiral Kondo die beiden Großkampfschiffe für schwächer gepanzerte Kreuzer, denen sein Schlachtschiff überlegen sein würde.
Weitere Verwechslungen kamen hinzu, doch diesmal hatten die Amerikaner Glück. Zwar wurde die „South Dakota“ schwer getroffen. Aber die „Washington“ wurde von den Japanern zu spät erkannt, sodass sie die „Kirishima“ ausschalten konnte. Nach dem Verlust seines zweiten Schlachtschiffs brach Kondo die Schlacht ab. Bereits am Tage hatten US-Flieger die Truppentransporter auf dem Marsch dezimiert. Nur mit Mühe erreichten vier von elf gestarteten Guadalcanal, wo sie am Strand auf Grund gesetzt wurden. Den Soldaten gelang die Landung, doch konnten US-Flugzeuge das Entladen des Materials weitgehend verhindern.
Damit endete die sogenannte Seeschlacht von Guadalcanal am 15. November mit einem strategischen Sieg der Amerikaner. Denn Henderson Field blieb intakt und konnte in der Folge mit frischen Truppen verstärkt werden, während die Japaner ihre nunmehr vergrößerte Armee im Dschungel kaum noch versorgen konnten. Hunger, Erschöpfung und Krankheiten dezimierten die Truppe. Versuche, mit U-Booten und Zerstörern wenigstens das Nötigste an den amerikanischen Sperren vorbeizubringen, erwiesen sich als unwirksam.
Zwar konnte die japanische Flotte in der Nacht des 30. Novembers bei Tassafaronga noch einmal einen amerikanischen Kreuzer versenken und zwei weitere schwer beschädigen. Aber das änderte nichts daran, dass für eine erfolgreiche Landoffensive auf Guadalcanal die Mittel fehlten. Obwohl die Armeeführung den Kampf dennoch weiterführen wollte, akzeptierte Kaiser Hirohito den Vorschlag der Marine, die rund 11.000 überlebenden Soldaten zu evakuieren und sie nicht, wie dies später üblich wurde, in Selbstmordangriffen zu opfern. Der Abzug gelang bis Ende Januar 1943 mit Zerstörern, ohne dass die amerikanische Aufklärung dies erkannte.
Der Sieg in einer der längsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges sicherte die alliierten Verbindungen nach Australien und zur heftig umkämpften Front auf Neuguinea. Vor allem aber hatten die Amerikaner bewiesen, dass sie den sieggewohnten japanischen Truppen in Dschungelkämpfen Paroli bieten konnten.
Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Militärgeschichte zu seinem Arbeitsgebiet.
Source: welt.de