Wasserschaden mit Folgen: Flucht von Alcatraz

Der Spuk dauert kaum dreißig Sekunden. Aus dem Badezimmer erklingen markerschütternde Schläge, als ob jemand mit einem Vorschlaghammer auf die Kachelwand kloppte. Und, aufgeschreckt hingestürzt, stellen wir fest: Jemand hat tatsächlich mit einem Vorschlaghammer auf die Kachelwand gekloppt. Nun ist da ein Loch von der Größe einer Familienpizza, nur weniger schön. Dann verschwinden die Handwerker, die aufgeregt nach der Ursache eines Wasserschadens gesucht haben, so schnell, wie sie gekommen sind.

Dreißig Minuten später stellt sich heraus: Der Rohrbruch, dem sie auf die Spur kommen wollten, ist gar nicht bei uns, sondern in der Wand der Nachbarwohnung. Das erfordert ihre Aufmerksamkeit, und bald hört man sie auch dort kloppen, markerschütternd. Das Loch im eigenen Bad wird damit Nebenschauplatz. Im Grunde interessiert es jetzt schon keinen mehr. Aber es ist da. Und klafft.

Die Pause nach der Pause

Schon beim ersten Hineinschauen denken wir unwillkürlich an den Film „Flucht von Alcatraz“, in dem Clint Eastwood sehr mühsam mit einem Löffel das Loch in die Wand kratzt, durch das er letztlich fliehen wird. Aber im Vergleich zu unserer Geschichte hat er trotz aller Löffelmühe recht schnell Erfolg. In unserer Geschichte, die schon im Sommer begann, folgt auf das Lochkloppen eine lange Pause. Dann kommt ein Gutachter und macht Fotos. Wieder Pause. Ein zweiter Gutachter, der Fotos macht, um den ersten Gutachter zu begutachten. Wieder Pause. Es wird Herbst. Die Versicherung meldet sich nicht. Angeblich gibt es einen Auftrag zur Reparatur, aber die Reparaturfirma meldet sich nicht. Als wir die Firma endlich erreichen, findet sie den Auftrag nicht.

Nach mehr als drei Monaten ist klar, was man vorher hätte wissen können: Es dauert viel länger, ein Loch zu füllen, als eines zu machen. Sollen wir vielleicht eine Augentäuschung aus Pappmaché und Farbe anfertigen wie Eastwood im Film, um das Loch vorübergehend zu kaschieren? Sollen wir uns einen anderen seiner Filme zum Vorbild nehmen und gegenüber den Bummelanten mal so richtig zum Dirty Harry werden, nach dem Motto: Diese Kanone hier macht ganz schön große Löcher?

Hm, nein, wir schieben doch erst mal weiter den Wäschekorb vor das Wandloch. Aber je länger es da ist, desto größere Neugier weckt es. Man kann sich darin verlieren, sieht in lehrbuchhaftem Aufriss die Kachelschicht, die Rigipsschicht, die Mauerschicht – und fragt sich bald: Was kommt eigentlich dahinter? Inzwischen ist der Wäschekorb wieder weggeschoben, das Loch liegt frei und gehört irgendwie zum Leben dazu, wir begrüßen es allmorgendlich. Längst denken wir, wenn wir hineinstarren, immer seltener an die Versicherung oder die Reparaturfirma. Und immer öfter: Heute Nacht hauen wir ab.

Source: faz.net