Welche Belastungen hinaus junge Menschen zukommen
interview
Wehrdienst, Rente, Klima: Junge Menschen in Deutschland stehen vor großen Aufgaben. Politikwissenschaftlerin Pia Jaeger erklärt, mit welchen Belastungen sie rechnen müssen – und was droht, wenn die Jugend ignoriert wird.
tagesschau.de: Wehrdienst, Rentenpolitik, Klimawandel: Jungen Menschen wird in politischen Vorhaben immer mehr abverlangt. Ist das noch gerecht?
Pia Jaeger: Der Begriff der Generationengerechtigkeit ist zu einem politischen Kampfbegriff geworden. Er wird in allen möglichen Zusammenhängen verwendet – und dabei werden Alt und Jung teilweise gegeneinander ausgespielt.
Die monetären Transferströme zwischen diesen Gruppen sind Teil des Generationenvertrags. Es gibt Vorauszahlungen, für die nicht immer eine gleichzeitige Gegenleistung stattfindet.
Zur Person
Pia Jaeger leitet die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendpolitik am Deutschen Jugendinstitut. Zu den Arbeitsschwerpunkten der Politikwissenschaftlerin gehören Gerechtigkeitsfragen im Sozialstaat und Interdisziplinarität in der Sozialpolitikforschung.
„Für sie ist der Krisenzustand alltäglich“
tagesschau.de: Was hat sich jetzt verändert?
Jaeger: Während zur Zeit der Babyboomer der Arbeitsmarkt noch sehr gut war, die Wirtschaft gewachsen ist und die ganzen äußeren Umstände, die es dazu braucht, positiver waren, ist dies für die junge Generation aktuell nicht mehr so. Für sie ist der Krisenzustand alltäglich geworden.
Wir hatten die Corona-Pandemie, wir haben den Ukraine-Krieg und andere geopolitische Konflikte. Das Wirtschaftswachstum wird dadurch beeinträchtigt. All diese Dinge beeinflussen, wie viele finanzielle Mittel dem Sozialstaat zur Verfügung stehen. Es entwickelt sich ein Spannungsfeld zwischen den steigenden Kosten für Sozialversicherungsausgaben und den weniger werdenden Erwerbstätigen, die den Sozialstaat finanzieren sollen.
Die ältere Generation, die gerade von den Transferströmen lebt, ist der größere Nutznießer von sozialpolitischen Maßnahmen. Es entsteht ein Ungleichgewicht – und daraus ein Gefühl der Ungerechtigkeit.
„Einfach systematisch von der Politik ignoriert“
tagesschau.de: Was droht einer Gesellschaft, wenn ein solches Ungleichgewicht entsteht?
Jaeger: Der Generationenvertrag beruht auf dem Gedanken der Solidarität zwischen den Generationen. Wenn die junge Generation nicht mehr miteinbezogen wird, dann verschwindet irgendwann dieser Gedanke, weil sie das Gefühl hat – und das verständlicherweise – es geht nur in eine Richtung.
Auch beim Wehrdienst wird wieder eine Perspektive auf Krisen deutlich, die vor allem von Erwachsenen geprägt wird: Junge Menschen werden nicht oder nur marginal an den Debatten und der Ausgestaltung beteiligt, ähnlich wie bei der Corona-Pandemie. Sie werden bei der Entwicklung von Lösungen ausgeschlossen. Dabei gibt es ein starkes Verantwortungsbewusstsein unter Jüngeren.
Dann haben wir die wirtschaftliche Situation: Oft können junge Menschen nicht mehr die gleichen Erfolge erlangen wie die Elterngeneration. Es ist nicht mehr so leicht, sich aus eigener Kraft ein Haus zu kaufen oder eine Wohnung. Dadurch entstehen Unzufriedenheiten.
Ich glaube, dass sich das zukünftig auch auf das Wahlverhalten auswirken wird und dass das für die Demokratie auf Dauer sehr schlecht ist. Wenn die Bedürfnisse einer Gruppe, die zwar jetzt eine Minderheit ist, aber später die Wähler stellt, einfach systematisch von der Politik ignoriert wird.
Wie geht es weiter mit dem Wehrdienst?
Im Zuge der Bundestagsberatungen über die künftige Ausgestaltung des Wehrdienstes werden heute im Verteidigungsausschuss Experten und Expertinnen angehört. Die Sitzung ist öffentlich und wird per Livestream auf der Bundestagsseite übertragen. Eingeladen sind folgende Sachverständige:
- Sönke Neitzel, Universität Potsdam
- Oberst André Wüstner, Deutscher BundeswehrVerband e.V.
- Generalleutnant a.D. Joachim Wundrak
- General Carsten Breuer, Bundesministerium der Verteidigung
- Quentin Gärtner, Bundesschülerkonferenz
- Daniela Broda, Deutscher Bundesjugendring e.V.
Das Gesetz war nach langem Streit in der Koalition Mitte Oktober zunächst in der vom Kabinett beschlossenen Fassung in den Bundestag eingebracht worden. Inhaltlich ist der Entwurf umstritten. Es geht unter anderem um die Frage, welche Mechanismen greifen sollen, falls durch Freiwilligkeit nicht genügend Wehrdienstleistende zusammenkommen.
„Politik auf die ältere Generation ausgerichtet“
tagesschau.de: Woher kommt diese Ignoranz?
Jaeger: Junge Menschen sind keine große Wählerschaft und ihre Eltern auch nicht. Die größte Wählergruppe sind die Senioren und Seniorinnen. Mittlerweile sind fast 60 Prozent der Wahlberechtigten älter als 50 Jahre. Das führt nicht nur zu Verschiebungen im Gesundheitssystem, auf dem Arbeitsmarkt und in der Wirtschaft, sondern die demografische Schieflage verändert auch die Demokratie.
Die jungen Menschen haben auf die Politik viel weniger Einfluss als die viel stärkere Wählerschaft der älteren Leute – und die entscheiden maßgeblich die Wahlen. Dadurch wird die Politik auf die ältere Generation ausgerichtet, nicht auf die jungen Menschen.
tagesschau.de: Dabei werden aktuell politische Entscheidungen getroffen, die großen Einfluss auf ihr Leben haben dürften. Welchen Belastungen kommen auf junge Menschen zu?
Jaeger: Sie müssen mit sehr viel Arbeit rechnen. Der Sozialstaat ist erwerbszentriert und wir brauchen jungen Menschen, um die Gelder einzuarbeiten. Die junge Generation muss dann vor allem die Pflege-, Kranken- und Rentenversicherung absichern. Wir haben auch noch das Klimaproblem. Und dann sollen sie zusätzlich einen Wehrdienst ableisten und möglichst viele Kinder kriegen, um den Sozialstaat wieder zum Laufen zu bringen beziehungsweise am Laufen zu halten.
Studien zeigen, dass junge Menschen große Sorgen vor den finanziellen Umbrüchen haben durch die Kriege und die wirtschaftliche Situation. Viele haben einfach Existenzängste und nach der Pandemie auch massive psychische Probleme.
„Jugendliche empfinden Zeitdruck für ihr Leben“
tagesschau.de: Wie verändert das die Lebensführung der Jugend?
Jaeger: Der Sozialstaat gibt den Lebenslauf eines jungen Menschen sehr stark vor. Man geht in die Schule, dann in die Ausbildung oder ins Studium und anschließend in die Erwerbstätigkeit. Alles dazwischen, wie Praktika, längere Reisen, muss man sich leisten können.
Jugendliche empfinden dadurch nicht nur den Druck, was sie alles leisten müssen, sondern auch Zeitdruck für ihr eigenes Leben. Die Auswahl an Ausbildungsberufen als auch an Studiengängen ist überwältigend. Sie müssen sich aber schnell entscheiden. Dann sollen sie die ganze Zeit arbeiten und noch eine Familie gründen.
Daraus ergeben sich nicht nur Fragen zur Gerechtigkeit zwischen den Generationen, sondern auch zur Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern.
tagesschau.de: Was meinen Sie damit?
Jaeger: Für junge Frauen ist das eine Menge, was sie leisten müssen. Zumal Frauen häufig die Hauptlast der familiären Sorgearbeit wie Kinderbetreuung, Haushalt und die Pflege der Eltern übernehmen.
Wenn jetzt Frauen auch einen Wehrdienst machen würden, was ja eigentlich im Sinne der Gleichberechtigung wäre, dann käme für sie noch ein Jahr außerhalb der Erwerbsarbeit hinzu. Gründen sie später eine Familie, bleiben sie für die Kinder mindestens ein halbes Jahr, wahrscheinlich länger zuhause.
Danach arbeiten sie möglicherweise in Teilzeit und dann sind ihre Rentenansprüche so viel geringer als die ihrer männlichen Partner, dass sie am Ende fast zwangsläufig in die Altersarmut gehen. Hier wäre es gerecht, wenn Männer umgekehrt gleichviel Elternzeit nehmen müssten wie Frauen.
„Die Jugendpolitik ist sehr fragmentiert“
tagesschau.de: Zu Finanzfragen schreibt Schwarz-Rot im Koalitionsvertrag vom „Gebot der Generationengerechtigkeit“. Zeigt sich das in der Politik der Bundesregierung?
Jaeger: Nein, ich würde sagen, es zeigt sich nicht. Die Kinder- und Jugendpolitik ist sehr fragmentiert. Es gibt keine große Strategie, die sich allumfassend mit dem Thema auseinandersetzt, sondern viele kleine einzelne Punkte. Es wird zum Beispiel kaum ein systematisches Konzept zur Bekämpfung von Kinder- und Jugendarmut angesprochen.
tagesschau.de: Was sollte ein solche große Strategie denn angehen?
Jaeger: Eine echte strukturelle Beteiligung von jungen Menschen müsste Teil davon sein. Man muss sich ihre Meinungen anhören und mit ihnen Lösungen erarbeiten, die dann ernst genommen und sinnvoll umgesetzt werden. Wenn die Themen junge Menschen und ihre Zukunft betreffen, könnten sie auch im Rahmen eines Gesetzgebungsverfahrens angehört werden. Das Recht junger Menschen auf Zukunft muss in das politische Geschehen integriert werden.
Dass junge Menschen systematisch beteiligt werden, sollte für uns die Normalität sein. Ich glaube, erst dann kommen wir dazu, dass sich der Generationenvertrag so verändert, dass es für alle wieder gerechter wird. Denn die sozialen Sicherungssysteme müssen auch für die junge Generation zukunftsfähig sein.
Das Gespräch führte Jonas Hüster, tagesschau.de
Source: tagesschau.de