Frankfurter Anthologie: Leere Blicke

„Es war ein schöner, freundlicher Tag. Die nördliche Sonne bescheint wohlwollend die Baracken, die kleinen sandbestreuten Wege, einige dunkelgrüne Tannen und die von Rasenflächen eingefassten Blumenbeete. Die Baracken sind neu und sehr geräumig; die großen Fenster geben viel Licht und Luft.“ Ein Roman von Theodor Fontane könnte so beginnen, wäre da nicht ein vierter Satz, der diesen ersten folgt und die Idylle unterbricht: „Es ist Arbeitszeit, man sieht nur wenige Menschen, die meisten – ‚sozialgefährliche‘ Jugend; ältere Leute und Greise sind nicht zu sehen.“
Im Juni 1929 besuchte der Schriftsteller Maxim Gorki vier Tage lang die Insel Solowezki. Sie liegt im äußersten Norden Russlands, kurz vor dem Polarkreis und mitten im Weißen Meer. Mit ihrem Namen verbindet sich die Erinnerung an das erste jener staatlichen Gefangenenlager, für die die sowjetische Administration das Kürzel „GULag“ erfand. Als Chiffre grauenhafter Entrechtung hat der Begriff sich tief in die Geschichte des 20. Jahrhunderts eingegraben.
Acht Verse ist das Gedicht von Daniela Danz lang. Doch trotz seiner Kürze kommt alles Wesentliche zur Sprache. Nach langen Jahren in Westeuropa war Gorki erst wenige Monate zuvor in die Sowjetunion zurückgekehrt. Das geschah nicht etwa verstohlen durch die Hintertür, sondern über einen roten Teppich, den Stalin ausrollen ließ. Gorki ließ sich bereitwillig auf solche Vereinnahmung ein und antwortete mit einer Reisereportage, die als Buch unter dem Titel „Durch die Union der Sowjets“ erschien. Das fünfte Kapitel widmet sich Gorkis Besuch im Gefangenenlager. Das Gedicht unterscheidet im zweiten Vers sehr genau zwischen zwei Formen der Zeugenschaft: „schauen und doch nichts sehen“. Der Schriftsteller versuchte möglichst wenig zu sehen.
Nichts lauter als das Schweigen
Es gibt Blicke, die bleiben leer. Sie machen sich durchlässig für visuelle Eindrücke, wollen kein Filter sein für etwas, das festgehalten werden müsste. Sie nehmen wahr, ohne zur Kenntnis zu nehmen: eine Technik des schauenden Wegsehens. Um nicht zum Zeugen zu werden, kann man, wie der Auftaktvers sagt, „die Augen an einen Baum heften“. Umso interessanter ist es, wie wenig es Gorki nach seinem Besuch auf der Gefangeneninsel die Sprache verschlagen hatte. Sein Bericht ist mehrere Dutzend Seiten lang und erzählt weitschweifig von Begegnungen mit jener „sozialgefährlichen“ Jugend, die dort oft für zehn und mehr Jahre inhaftiert war. Liest man nur etwas zwischen den Zeilen, so wird die Art der Gefährdung, die sie für die sowjetische Gesellschaft darstellten, durchaus deutlich: Es handelte sich um eine durch Bürgerkrieg, Flucht, Waisendasein und Analphabetentum entwurzelte Generation, die ihren Ort im neuen Staat nicht finden konnte.
Gorki zitiert aus Gesprächen, die er mit jungen Gefangenen geführt haben will: „Habt ihr es schwer hier?“ – „Leicht ist es nicht.“ Es ist der äußerste Punkt an Kritik, den sich der Schriftsteller in seiner Reportage erlaubt; und er rahmt sie mit einer ausführlichen Rechtfertigung des GULags als „Vorbereitungsschule“ auf das sozialistische Leben. Wird hier, so seine noch immer nachhallende Begründung, erfolgreich ausgebildet, dann muss es in der Sowjetunion künftig gar keine Gefängnisse mehr geben. Von Gorkis Besuch haben sich Fotografien erhalten, unter ihnen auch jene, auf die Danz in ihrem Gedicht anspielt. In diesem Bild stehen Offiziere des Geheimdienstes neben dem Schriftsteller, schließlich aber auch sein Sohn und dessen Frau Timoscha, Gorkis Schwiegertochter. Aus ihrer Perspektive ist das Gedicht geschrieben, eine „kleine Frau die mitlief / sich ablichten ließ“.
Die Aufnahme zeigt sie in einer schweren Lederjacke, die Hände tief in den Seitentaschen vergraben, den auf die Kamera gerichteten Blick halb unter der Schirmmütze versteckt. Nicht sie und auch sonst niemand in diesem Bild lächelt. Alle sind in ein Schweigen versunken, das bis heute anhält, kein Wort, „nicht an jenem Tag nicht später / nicht heute“. Zur Sprache gebracht wird das beklemmende Gruppenporträt erst durch das Gedicht. Ohne das Bild selbst zeigen zu müssen, folgt Danz einer Technik, die Bertolt Brecht für seine „Kriegsfibel“ entwickelte hatte: Im Epigramm, einer gedichteten Bildunterschrift gleich, wird das historische Dokument aufgeschlossen und für uns auf ganz eigene Weise lesbar.
Bevor Gorki den GULag erreichte, wurde das Lager für seinen Besuch sorgfältig hergerichtet. Gefangene mussten an eigens aufgestellten Tischen sitzen und sollten in Zeitungen lesen. Aus Protest gegen das Schauspiel hielten sie diese aber, so will es eine überlieferte Anekdote, falsch herum. Wortlos, so heißt es weiter, habe Gorki das korrigiert und damit zu verstehen gegeben, dass er doch nicht nur schaute, sondern sehr wohl auch sah. Wie leer also war Gorkis Blick auf der Insel Solowezki? Bald ein Jahrhundert später haben wir nur seinen Bericht „voll dunkler / uneindeutiger Buchstaben“, und wir können eine Fotografie betrachten. In beiden herrscht lautes Schweigen.
Daniela Danz: „Gorki zu Gast im GULag“
die Augen an einen Baum heften
schauen und doch nichts sehen
schreiben – weiße Seiten voll dunkler
uneindeutiger Buchstaben und war
ich nicht die kleine Frau die mitlief
sich ablichten ließ und auch nichts
sagte nicht an jenem Tag nicht später
nicht heute?
Source: faz.net