Sheffield Hallam in England: Wie China Unis zur Aufgabe ihrer Uiguren-Forschung drängt

Eine britische Universität hat Forschungen zu Menschenrechtsverletzungen in China eingestellt, nachdem sie von Pekinger Behörden unter Druck gesetzt worden war. Das geht aus Enthüllungen des „Guardians“ hervor, die am Montag veröffentlicht wurden. Bereits im Februar dieses Jahres hatte die in South Yorkshire ansässige Sheffield Hallam University die Professorin Laura Murphy angewiesen, ihre Forschung zu Zwangsarbeit in China nicht weiter fortzusetzen. Und das, obwohl die Universität ihre Resultate zuvor als „bahnbrechend“ bezeichnet hatte. Die Sheffield Hallam University ist mit mehr als 30.000 Studenten eine der größten Universitäten Großbritanniens.
Seit vielen Jahren konzentriert sich die dortige Professorin für Menschenrechte und moderne Sklaverei in ihrer Forschung auf die Uiguren, eine verfolgte muslimische Minderheit in China. Murphy dokumentierte etwa, dass viele Uiguren insbesondere in der Region Xinjiang unter Zwang und Repressionen in Arbeitsprogrammen eingesetzt werden, welche die chinesische Regierung offiziell als Ausbildungs- und Arbeitsförderungsprogramme darstellt. Zudem untersucht sie den Einfluss von Zwangsarbeit auf globale Lieferketten wie in der Solar- und Textilindustrie. Die chinesische Regierung weist die Vorwürfe der Zwangsarbeit zurück. Die Arbeitsprogramme der Uiguren dienten stattdessen der Armutsbekämpfung im Land.
China ist ein wichtiger Markt für britische Universitäten
Laut „Guardian“ hatten sich die Vereinten Nationen und westliche Regierungen in der Vergangenheit vielfach auf Murphys Forschungsergebnisse berufen, um Produkte aus internationalen Lieferketten zu entfernen, die unter dem Einsatz von Zwangsarbeit hergestellt wurden. Wie aus internen Dokumenten hervorgeht, die der britischen Rundfunkanstalt BBC vorliegen, haben chinesische Behörden seit mehr als zwei Jahren systematisch Druck auf die Sheffield Hallam University ausgeübt. Mitarbeiter der Universität seien in China von Personen bedroht worden, die sie dem chinesischen Nationalen Sicherheitsdienst zuordneten.
Auch die Websites der britischen Universität in China seien im Zuge der Einschüchterungskampagne gesperrt worden. „Dies hatte zweifellos negative Auswirkungen auf die Rekrutierung von Studenten im Studienjahr 2023/24“, hat laut „Guardian“ ein Universitätsmitarbeiter im Juli 2024 gesagt. Hinzu kam eine separate Verleumdungsklage, die gegen die Universität erhoben wurde.
Anfang des Jahres beugte sich die Universität schließlich dem Druck der chinesischen Behörden und entschied, die Forschungsarbeit von Murphy auf Eis zu legen. Ihren letzten Bericht über Zwangsarbeit der Uiguren in der Lieferkette kritischer Mineralien sollte sie nicht mehr veröffentlichen. „Meine unmittelbare Reaktion war Überraschung und Enttäuschung“, sagt Laura Murphy gegenüber der F.A.Z. „Ich wusste, dass die Regierung der Volksrepublik China versuchte, die Universität einzuschüchtern, aber sie hatten meine Arbeit so lange unterstützt.“
Man habe ihr mitgeteilt, die Universität komme mit dieser Entscheidung ihrer Fürsorgepflicht gegenüber den eigenen Mitarbeitern in Peking nach. Außerdem fehle der Universität eine Verleumdungsversicherung, um die Mitarbeiter vor den finanziellen Folgen von Verleumdungsklagen zu schützen. Murphy habe Ressourcen und Kontaktinformationen von Regierungsbehörden zur Verfügung gestellt, um der Universität bei der Bewältigung dieser Probleme zu helfen. „Keines dieser beiden Probleme ist jedoch ein Grund, Angehörige der Fakultät zum Schweigen zu bringen“, sagt die Professorin.
Die Universität weist die Vorwürfe zurück
Wegen Verletzung ihrer akademischen Freiheit drohte sie schließlich damit, rechtliche Schritte gegen die Universität einzuleiten. Außerdem stellte sie auf der Grundlage des Informationsfreiheitsgesetzes einen Antrag auf Einsicht in relevante interne Dokumente der Universität.
Anhand dieser habe sie erfahren, dass es noch einen weiteren Grund gebe, der ihr von der Universität zuvor jedoch nicht mitgeteilt worden sei: der Wunsch nach Zugang zum chinesischen Studentenmarkt. „Die internen Dokumente, E-Mails und Risikobewertungen, die ich erhalten habe, zeigen, dass die Verwaltungsmitarbeiter ausdrücklich beschrieben haben, wie die chinesische Staatssicherheit die Website und E-Mails der Universität innerhalb Chinas blockiert hat, wodurch ihnen der Zugang zur Studentenrekrutierung und -ausbildung versperrt wurde“, sagt Murphy der F.A.Z.
Den Vorwurf, kommerzielle Interessen hätten sie dazu bewogen, Murphys Forschung zu Menschenrechtsverletzungen in China zu unterbinden, weist die Sheffield Hallam University zurück. Auf Anfrage teilt ein Sprecher der Universität mit: „Die Entscheidung, die Forschung von Professor Laura Murphy nicht fortzusetzen, wurde auf der Grundlage unseres Verständnisses einer Reihe komplexer Umstände getroffen, darunter die Unmöglichkeit, die erforderliche Berufshaftpflichtversicherung abzuschließen.“
Im Übrigen sei China für die Universität kein bedeutender Markt für internationale Studenten, heißt es weiter. Von den 4204 internationalen Studenten, die sich im vergangenen Studienjahr eingeschrieben hätten, kämen nur 73 aus China. Die Universität gibt an, die Angelegenheit der britischen Regierung gemeldet zu haben. Seit geraumer Zeit stehe sie in Kontakt mit den zuständigen britischen Behörden, darunter dem Bildungsministerium. „Zu keinem Zeitpunkt hat die Universität proaktiv Kontakt zu den chinesischen Sicherheitsdiensten aufgenommen“, so ein Sprecher der Universität.
Ermittlungen wurden eingeleitet
Nachdem die Professorin mit rechtlichen Schritten gedroht hatte, hob die Universität im Oktober die Beschränkungen von Murphys Forschung wieder auf und bat die Professorin um Entschuldigung. Auch ihre Forschungsergebnisse sind auf der Website der Universität wieder einsehbar.
Die Professorin hält weiterhin an ihrem Vorwurf fest, die Universität habe dem Druck Chinas aus kommerziellen Gründen nachgegeben. Die Unterfinanzierung von britischen Universitäten führe dazu, dass sie anfälliger seien für Einmischungen von außen. „Um es klar zu sagen: Eine vielfältige Studentenschaft ist der Grundstein für eine gute Ausbildung“, sagt die Professorin. „Wenn Universitäten jedoch, um ihr Überleben zu sichern, auf Einnahmen von internationalen Studenten angewiesen sind, werden sie zur leichten Beute für autoritäre Regierungen, die Informationen über ihre eigenen Verfehlungen kontrollieren wollen.“ Tatsächlich ist China ein wichtiger Markt für britische Universitäten. Wie die „Times“ berichtet hat, zahlen chinesische Studenten bis zu 38.000 Pfund für einen einjährigen Masterstudiengang.
Die Ermittlungen zu den Vorwürfen gegen die Sheffield Hallam University wurden an die Anti-Terror-Polizei übergeben. Die Universität sagt dazu gegenüber der F.A.Z.: „Uns ist bekannt, dass eine Beschwerde an die Polizei weitergeleitet wurde, die derzeit geprüft wird, um festzustellen, ob eine Untersuchung erforderlich ist.“ Laut BBC sagte ein Sprecher der Polizei von South Yorkshire, die Vorwürfe fielen „unter Abschnitt 3 des National Security Act“. Demnach könnte eine Universität, die mit einem ausländischen Geheimdienst zusammengearbeitet hat, strafrechtlich verfolgt werden.
Source: faz.net