Opernhaus Zürich: Anna Netrebko zu Gunsten von den Krieg missbraucht

Proteste gegen einen Auftritt von Anna Netrebko in der Schweiz gab es genug, nicht zuletzt von der ukrainischen Botschafterin. Auch am Abend der Premiere von Giuseppe Verdis Oper „La Forza del Destino“ am Opernhaus Zürich hatten sich einige Demonstranten mit der ukrainischen Flagge auf dem Vorplatz versammelt und Handzettel verteilt: die russische Sängerin solle ihre gesamte Gage für die Verdi-Rolle an ukrainische Flüchtlinge spenden, um „ihre wahre Anti-Kriegs-Haltung zu beweisen“, wurde da gefordert.

Für den neuen Intendanten am Haus, Matthias Schulz, hatte sie diesen Beweis längst erbracht: 2022, als Netrebko den Krieg gegen die Ukraine verurteilte – zu einer Zeit, als dieser noch „Spezialoperation“ hieß. Worauf sie in Russland des „Verrats“ bezichtigt wurde und dort auch nicht mehr auftrat. Schulz erklärte seine Auffassung, Künstler dürften nicht als Sündenböcke benutzt werden, in einem ausführlichen Gespräch in der NZZ und wollte in Netrebkos Auftritt das „Positive“ sehen: dass hier jemand Brücken zu schlagen versuche und sich eben „nicht politisch missbrauchen lässt.“ Doch genau das ist jetzt in der Inszenierung der „Macht des Schicksals“ passiert.

Regie spielt Netrebko-Gegnern in die Hände

Die von allen guten Geistern verlassene Regisseurin Valentina Carrasco lässt die finale Szene zwischen Leonora, ihrem Geliebten Alvaro und ihrem Bruder Don Carlo nicht im Kloster spielen, sondern im Konferenzsaal des UNO-Sitzes in Genf. Dort zielt Netrebko mit angelegtem Maschinengewehr auf Alvaro, den Tenor Yusif Eyvazov. Im selben Raum hatte sie gerade mit beklemmender Intensität um „Pace, pace“ (Frieden) gefleht. Und jetzt steht Netrebko mit einer Waffe in der Hand im Sitz des Weltfriedens: eine Steilvorlage für den Jubel russischer Propagandisten und eine hoch willkommene Bestätigung für die (Schweizer) Netrebko-Verhinderer, sobald die Bühnen-Fotos viral gehen. Steht sie nicht selbst wie eine Terroristin da?

2014 hatte sie sich doch mit der Flagge der Neurussen im Donbas fotografieren lassen, was ihr bis heute vorgeworfen wird. Wie kann man diese Sängerin aus moralischer Überheblichkeit zu Anti-Kriegs-Bekenntnissen zwingen wollen und auf der Bühne, ihrem ureigensten Metier, als Kriegerin missbrauchen? Zumal ohne Not und Sinn aus dem Stück selbst heraus. Leonora sucht bei Verdi gerade die Abkehr vom Krieg, der für sie in erster Linie ein Familienkrieg ist. Wie unüberlegt und ignorant dem Werk und seiner Interpretin gegenüber kann Regie noch sein? Und hätte der Intendant, der sich so viele Gedanken über Netrebkos Auftritt machte, nicht mäßigend einwirken sollen? Von Netrebko zu verlangen, sie habe sich selbst schützen und die Regievorstellungen ablehnen müssen, ist nur potenzierter Irrsinn.

Die Klosterbrüder sind längst Soldaten in Camouflage. Sie kleiden Leonora mit kugelsicherer Weste und Gewehr in ihren „Orden“ ein – nach einer der „heiligsten“ Musiken, die Verdi für den Seelenfrieden Leonoras hat finden können. Und wie sie von ihrem Schicksal singt!

Körperlich hat sich Netrebko verschlankt, und auch ihre Stimme ist „leichter,“ heller, jünger geworden – oder soll man sagen: weniger „russisch“? Wie souverän sie ihre Spitzentöne behandelt, entweder in die Melodiebögen einbindet oder mühelos im Sprung erreicht, wie sie dynamisch differenziert, sparsamer mit Vibrato umgeht und klanglich die Bühne erfüllt, sobald sie sie betritt – das ist ein neues Netrebko-Erlebnis. Und sie hat mit George Petean als strahlkräftigem Don Carlo, Michele Pertusi als Padre Guardino, Roberto Frontali als komödiantischer Gegenfigur Fra Melitone, Annalisa Stroppa als Flintenweib Preziosilla und dem vorzüglichen Chor ein prächtiges Ensemble zur Seite. Gianandrea Noseda und das Orchester lassen sich mit Herzblut in Verdis emotionale Verschlingungen hineinziehen, arbeiten gerade die heftigsten Gefühlswechsel, ja die Gleichzeitigkeit extrem unterschiedlicher Gemütszustände heraus, die Apathie und die Vendetta. Dazu zeigt die Bühne nur – Dekor: Krieg in der Schweiz, mal was anderes. Wir haben ja noch nicht genug davon. Nicht nur das Genfer UNO-Gebäude und das Fraumünster werden getroffen, die ganze Schweiz wird in Schutt und Asche gelegt, das Gebäude der Zürich-Versicherung, das Davoser Kongresszentrum. Eine leibhaftige Drohne nähert sich der Bühne durch den Saal, ein Lazarettwagen transportiert den verwundeten Alvaro herbei. Nur die Kostüme von Silvia Aymonino sind äußerst akkurat: Bei Bombeneinschlägen trägt die Schweizerin Kostüm.

Source: faz.net