Von Gottfried Benn solange bis Haftbefehl: Dichte Dichter und welches die Literaturgeschichte lehrt
Kokain für Gottfried Benn, Speed für Philip K. Dick, Heroin für Klaus Mann: Für viele Künstler vor Haftbefehl war der Drogenrausch eine Quelle der Inspiration und Abgrund zugleich. Vom Schreiben im Rausch und dem Kater danach
Nicht alle Kokainisten sind bekanntlich grandiose Schriftsteller, eine Menge von ihnen sind aber begnadete Literaten
Foto: Aleksandr Gavrilychev/iStock
„Den Ich-Zerfall, den süßen, tiefersehnten, / Den gibst du mir: Schon ist die Kehle rau, / schon ist der fremde Klang an unerwähnten / Gebilden meines Ichs am Unterbau.“ Jetzt, wo alle gerade die neue Netflix-Doku über den Künstler Haftbefehl schauen – klingt das nicht wie eine ziemlich coole und zudem kluge deutsche Rapzeile, die man auch einem „Ghetto-Goethe“ zugetraut hätte? Zumindest der erste Teil – der zweite wirkt da schon ein bisschen bildungshuberisch, verkopft, fast schon zu bekifft.
Schreiben im Rausch
Gottfried Benn haute diese Zeilen für sein Gedicht „Cocain“ im Jahr 1917 raus. Der Dichter schnupfte angeblich nur für kurze Zeit, um einmal diese „Trance-Zustände innerer Konzentration, ein Anregen geheimer Sphären“ zu erleben (er war ja auch hauptberuflich Arzt und musste wissen, wovon er sprach).
Nun sind bekanntlich nicht alle Kokainisten grandiose Schriftsteller, aber eine Menge von ihnen sind begnadete Literaten. Über dichte Dichter gibt es natürlich viel Literatur, etwa den Katalog einer Wiener Ausstellung aus dem Jahr 2017 mit dem Titel Im Rausch des Schreibens.
Von Musil bis Bachmann (Paul Zsolnay Verlag) oder das alle Kunstgattungen streifende Breites Wissen (leider vergriffen wie ein leerer Kokainbeutel) von Ingo Niermann und Adriano Sack. Neben Xavier Naidoo und Boy George werden dort auch die Großschriftsteller Stephen King und Truman Capote in Zusammenhang mit dem Schnee gebracht.
Vernebelte Trinkerinnen und Science-Fiction auf Speed
Im Katalog wiederum geht es vornehmlich um den Suff, den Alkoholnebel, der sich über weite Teile der Weltliteratur gelegt hat. Dass vor allem Männer soffen und saufen, ist klar, aber die Liste der großen Trinkerinnen ist längst gewachsen. Nennen wir an dieser Stelle nur die Toten, sie können sich dieser Form der Kanonisierung nicht erwehren: Marguerite Duras, Françoise Sagan, Irmgard Keun, Dorothy Parker oder ebenjene Bachmann.
In einem kurzen Beitrag wird immerhin Falco wegen des Kokssongs Ganz Wien zum Literaten geadelt: Er habe „in jene (Pop-)Literatur“ Eingang gefunden, „die rauschhafte Exzesse einer bohemistischen Künstlerszene und der Schickeria thematisiert – etwa bei Thomas Glavinic oder in Joachim Lottmanns Roman Endlich Kokain“.
Das Fazit dieses Ausstellungsbandes ist so schlicht wie einleuchtend: Jeder benötigt seinen eigenen Rausch, die wenigsten direkt bei der Arbeit, sondern davor oder danach. Und berauscht schreiben können nur die wenigsten. Mit Ausnahme etwa – und das steht nicht in diesem Buch – von Robert Louis Stevenson. Der schrieb seinen Dr. Jekyll und Mr. Hyde (1886) im Kokainrausch in nur sechs Tagen, und der wahnsinnige Philip K. Dick seine großen Science-Fiction-Romane auf Speed. Es sollen in den späten 60ern fast 1.000 Tabletten pro Woche gewesen sein, die er sich einwarf.
Urlaub fürs Gehirn
Der Junkie Klaus Mann übrigens – Morphium und Heroin brachten ihn überhaupt erst in Form – schreibt 1939, und damit zehn Jahre bevor er sich mit einer Überdosis Tabletten für immer schlafen legt: „Trotzdem ist der fast beständige Gedanke an den TOD das Einzige, was mir das Leben erträglich macht. Ich kann und will nicht sehr lange leben. Irgendwann werde ich den Tod doch wieder auf dem holden, schaurigen Umweg über die Droge suchen … Dies wird nicht ‚Schwäche‘ sein. Ich werde es wollen.“
Sind Drogen also eine Form der Anarchie, Urlaub im Kopf, der kontrollierte Kontrollverlust? Trance, Bewusstseinserweiterung, Erleuchtung? Dieses Gefühl von erhöhter Bedeutsamkeit? Das klingt zunächst unvernünftig, pathosbesoffen und riecht nach infantiler Selbstzerstörung. Ein ganz und gar zu ernstes Thema, das man nicht glorifizieren sollte. We know.
Aber als „Anschaltknopf“ scheinen die Substanzen bestens funktioniert zu haben. „Das sind doch alles – Alkohol, Nikotin, Meskalin, Äthanol, Morphium, Valium, Tramadol, Speed, nimm, was du willst –, alles gewaltige Türöffner, große Heilige: Das finde ich eine der geilsten Sachen, die unsere Zeit unterscheidet von den 60ern und 70ern“, schrieb Rainald Goetz, als er von der Welt des Techno noch berauscht war.
Wenn der Rausch die Kunst verschlingt
Benjamin Stuckrad-Barre ließ später sein „Panikherz“, das autobiografische Buch über seine Kokainsucht, so laut schlagen, dass es jeder hören konnte. Vielleicht noch lauter, als es die Netflix-Serie über Haftbefehl je vermag. Und wem die 576 Seiten Post-Popliteratur schon damals vor neun Jahren zu viel waren, hatte bestimmt längst den schlanken Roman „Kokain“ des italienischen Journalisten Pitigrilli von 1922 im Regal.
Rainer Werner Fassbinder wollte den rauschhaften Paris-Roman verfilmen und schrieb: „Der Film ‚Kokain‘ nach Pitigrilli wird ganz entschieden kein Film gegen oder für die Droge sein. ‚Kokain‘ wird ein Film über die Art und das Spezifische der Erfahrungen eines, der ständig unter dem Einfluss der Droge Kokain lebt.“ Das war kurz vor Fassbinders Tod, denn Kokain hatte sein Leben entschieden verkürzt.