Prinz Andrew verliert Titel: Der Fall des Hauses York
Jedes britische Kind kennt das jahrhundertealte Lied über den „grand old Duke of York“, der seine zehntausend Soldaten den Berg hinauf und, sobald sie dort angekommen sind, wieder hinunter marschieren lässt. Niemand weiß genau, welcher Herzog von York gemeint ist. Ob es der Träger des Titels war, der in den Rosenkriegen zwischen dem Häusern York und Lancaster Anspruch auf den englischen Thron erhob und 1460 in der Schlacht von Wakefield fiel oder kurz danach hingerichtet wurde; ob es sich um Jakob II. handelt, der Herzog von York hieß, bevor er den Thron bestieg, oder um Frederick, Herzog von York, den zweiten Sohn Georgs III., der in den napoleonischen Kriegen Oberbefehlshaber der britischen Armee war.
Eine Schweigegeldzahlung, die Bände zu sprechen schien
Neuerdings wird das Lied in mehreren Parodien auf den gefallenen Prinzen Andrew gemünzt, mittlerweile Ex-Herzog von York und bald auch nicht mehr Prinz. Eine sarkastische Fassung hat die zwölf Millionen Pfund zum Gegenstand, die er gezahlt haben soll, um ein Gerichtsverfahren in Zusammenhang mit dem Skandal um den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zu verhindern: Darin sollte es um den Vorwurf gehen, dass Andrew von Epstein die minderjährige Virginia Giuffre zugeführt worden sei, die er in der Folge mehrfach sexuell missbraucht habe.

In dem umgedichteten Lied besteht die Absurdität nicht mehr in einer sinnlosen militärischen Übung, sondern einer offensichtlichen Umgereimtheit. Aus den zehntausend Soldaten ist der zweistellige Millionenbetrag geworden, die der Herzog von York einer Person gegeben habe, wie es zur bekannten Melodie weiter heißt, der er nie begegnet sein will, für etwas, was er angeblich nicht getan habe. Damit wird die mit der enormen Abfindung schwerlich in Einklang zu bringende Unschuldsbeteuerung des Prinzen ebenso bespöttelt, wie die Behauptung, in einem blamierenden BBC-Interview vor sechs Jahren, er könne sich nicht erinnern, seine Beschuldigerin je getroffen zu haben. Eine verfängliche E-Mail aus den jüngst freigegebenen Epstein-Akten beweist nun auch, dass Andrew gelogen hat, als er im Fernsehen erklärte, die Beziehungen zu dem Sexualtäter im Dezember 2010 abgebrochen zu haben.
In dem ursprünglichen Kinderlied ist die militärische Sisyphosübung des Herzogs von York eine Metapher für Sinnlosigkeit, die nun auch auf das Dasein des im Morast des Nichtstuns versunkenen Andrew Mountbatten Windsor passt.

Seine militärischen Titel und königlichen Schirmherschaften waren dem angeblichen Lieblingsohn Elisabeths II. noch von seiner Mutter entzogen worden, drei Jahre nachdem der Eklat um das BBC-Interview seinen Rücktritt aus dem öffentlichen Leben erzwang. Sich auf die Brust klopfend, dass er die Pflicht gegenüber seiner Familie und seinem Land stets an erste Stelle setze, erklärte er vor zwei Wochen, auf die Verwendung seiner Titel und Ehren fortan zu verzichten. Da durfte er noch den Schein wahren, „mit der Zustimmung seiner Majestät“ in noblem Selbstverzicht gehandelt zu haben, um durch die anhaltenden Vorwürfe gegen ihn nicht von der Arbeit des Königs und der königlichen Familie abzulenken.
Machtwort des Königs
Inzwischen sind die Samthandschuhe ausgezogen worden. Die Ankündigung des Palastes am Donnerstagabend lässt keinen Zweifel daran, dass der König ein Machtwort gesprochen hat. Nicht nur, dass er ein formelles Verfahren eingeleitet hat, um seinem Bruder sämtliche Titel und Ehren, einschließlich des durch Geburt erworbenen Prinzentitels zu entziehen. Die Kündigung des umstrittenen Pachtvertrags für die denkmalgeschützte Royal Lodge, der bis 2078 lief, ist Andrew bereits in einem rechtskräftigen Dokument zugestellt worden. Er wird, sobald es machbar ist, als Andrew Mountbatten Windsor auf dem privaten königlichen Anwesen Sandringham eine andere, vom seinem Bruder Charles finanzierte Unterkunft finden.

Der König lässt in der bemerkenswerten offiziellen Erklärung keinen Zweifel an seiner Einstellung. Die von ihm ergriffenen Maßnahmen werden ausdrücklich als Rügen bezeichnet, die als notwendig erachtet würden, obwohl Andrew die gegen ihn erhobenen Vorwürfe weiterhin bestreite. Es besteht der Verdacht, dass der König weiteren peinlichen Enthüllungen vorbeuge. Mit Sicherheit will er einen von vielen Abgeordneten geforderten parlamentarischen Prozess zur Entziehung des Titels vermeiden – nicht, wie er und die Regierung vorgeben, aus Rücksicht auf die begrenzte parlamentarische Zeit, sondern wohl eher aus der Sorge heraus, dass es wie ein Stich ins Wespennest wirken könne, wenn der Fall in der Kammer behandelt würde. Die Verbannung von Andrew Mountbatten-Windsor ist zweifelsohne eine Schadensbegrenzung zum Schutz der Monarchie.
In schlechtester Tradition
Die Geschichte des britischen Königshauses kennt Brüderzwiste, Intrigen, Mord und Totschlag und schwarze Schafe zuhauf. Es sind königliche Köpfe gerollt, Prinzen im Kerker verschollen, Königinnen verstoßen worden, behinderte Kinder in Institutionen versteckt und Sexskandale zugedeckt worden. Wenn der Herzog von Clarence nicht im Malvasier-Fass ertränkt worden ist, wie die von Shakespeare übernommene Legende besagt, hat ihn sein Bruder Edward IV. wegen Hochverrats hinrichten lassen. In der neueren Geschichte sind Familienmitgliedern die Anrede Königliche Hoheit aberkannt worden.
Auch für die Entferning des Prinzentitels gibt es Präzedenzfälle. Im Ersten Weltkrieg wurden Ernst August von Hannover seine britischen Titel entzogen, weil er auf feindlicher Seite stand. Doch ist die öffentliche Demütigung des Prinzen Andrew mindestens in den letzten hundert Jahren ohne Beispiel. Selbst der in die Verbannung geschickte Edward VIII. durfte sich nach der Abdankung als Herzog von Windsor noch Königliche Hoheit nennen. Als die Nachricht von der Andrews mitten in der politischen BBC-Sendung „Question Time“ einbrach, klatsche das Studio-Publikum laut Beifall.

Die ausdrückliche Sympathiebekundung des Königspaares mit den Opfern jeder Form des Missbrauches steht in krassem Kontrast zu Andrews arroganter Selbstverteidigung. Unverfroren oder eingebildet wollte er die Öffentlichkeit glauben machen, er sei an seinem Ehrgefühl gescheitert. Mit seiner Kombination aus Dünkel, Unaufrichtigkeit und rundum widerwärtigem Verhalten hat er sich selbst zu einem nutzlosen Leben als Ausgestoßener verdammt, ohne einen Hauch von Reue zu zeigen.
Andrew zeigte keine Reue
John Profumo, der britische Kriegsminister, der in den Sechzigerjahren darüber stürzte, dass er im Parlament bestritt, eine Affäre mit dem Lebemädchen Christine Keeler gehabt zu haben, wird oft, und auch jetzt im Fall Andrew, als Paradebeispiel für eine geächtete Person des öffentlichen Lebens genannt, die durch Wohltätigkeitstätigkeit für ihre Sünde Abbitte leistete. Andrew hat seit dem Verlust aller repräsentativer Ämter für die Krone vor sechs Jahren nicht die geringsten Anstrengungen in diese Richtung unternommen.
Schon lange vor der jüngsten Eskalation des Epstein-Skandals durch die postume Veröffentlichung der Memoiren von Virginia Giuffre soll Andrew sich seine Zeit – mit gelegentlichen Unterbrechungen auf dem Golfplatz oder zu Pferde im Park von Windsor – bloß als Dauerglotzer vor dem Fernseher und E-Gamer vertrieben haben. Andrews ehemalige Frau Sarah Ferguson, die immer noch zu ihm hält, hat ihn einmal als „intellektuellen Zombie“ bezeichnet. Er scheint es für sein Geburtsrecht zu halten, dass die Welt ihm einen Lebensunterhalt schulde. In diesem Glauben klammerte er sich würdelos an die herrschaftliche Residenz mit dreißig Zimmern, in der er nicht nur Epstein und die als dessen Kupplerin von minderjährigen Mädchen verurteilte Ghislaine Maxwell empfing, sondern auch Harvey Weinstein. Gegen Epstein lag zu diesem Zeitpunkt bereits ein Haftbefehl wegen Missbrauchs einer Vierzehnjährigen vor.

Andrew steht in einer langen Tradition königlicher Prinzen, die durch Verderbheit und Gier den Zorn der Öffentlichkeit und Kritik des Parlaments auf sich gezogen haben, weil sie dem Steuerzahler zur Last fallen. Dazu gehört der ewig verschuldete Frederick, Herzog von York, einer der sieben Söhne Georgs III., die sein Premierminister, der Herzog von Wellington, als „die verdammtesten Mühlsteine“ bezeichnete, die sich irgendeine Regierung um ihren Hals vorstellen könne. Wie Andrew und sein Neffe Prinz Harry trug auch der damalige Herzog von York die Erblast des zweitgeborenen Sohnes eines Monarchen, dessen Lebenszweck sich darin zu erschöpfen scheint, als „spare“ für den „heir“ zu dienen – als Ersatzrad der Thronfolge.
Privilegien, aber keine echten Aufgaben
Die Frustrationen des Zweitgeborenen, zu welchen auch die in den Siebzigerjahren von Parlamentariern als „teure ausgehaltene Frau“ beschimpfte Prinzessin Margaret gehörte, sind in der modernen Zeit umso auffälliger, weil die führenden Mitglieder der königlichen Familie, die als „arbeitende Royals“ Aufgaben im Dienst der Krone erfüllen, keine erwerbstätigen Berufe ausüben dürfen. Sie sind auf Apanagen angewiesen, die gemessen an den an sie gestellten Erwartungen und den herkunftsbedingten Ansprüchen eher bescheiden ausfallen, mit der Folge, dass einige von ihnen, wie Prinz Michael von Kent, dessen Frau und Prinz Andrew, Profit aus ihrem königlichen Status schlugen, indem sie sich auf dubiose Geschäftsverbindungen eingelassen haben.

Andrew hat seine Rolle als Sonderbeauftragter des Vereinigten Königreichs für internationalen Handel und Investitionen schamlos ausgenutzt, um auf Kosten der Steuerzahler, die schon seine unnötig extravaganten Reisen finanzierten, in die eigene Kasse zu wirtschaften. Kaum zu glauben, dass Andrew genehmigt wurde, seine Plattform für die Vernetzung von Unternehmern und Investoren „pitch@palace“ zu nennen und Buckingham Palace als Geschäftsadresse anzugeben, zumal er Provisionen für erfolgreiche Transaktionen verlangt haben soll.
Undurchsichtige Finanzierung der Royals
Die Löhne der arbeitenden Royals werden zum Teil aus dem jährlichen Etat finanziert, der dem Souverän für die Ausübung seiner monarchischen Pflichten gewährt wird. Dieses Geld kommt aus dem Ertrag der unabhängig verwalteten Liegenschaften der Krone, der 1760 im Gegenzug für einen jährlichen Zuschuss dem Parlament zugunsten des Steuerzahlers übertragen wurde. Ein Teil der Löhne wird aus dem Privateinkommen finanziert, das dem Monarchen aus dem Herzogtum Lancaster zufließt; ein weiteres treuhänderisch verwaltetes Portfolio aus Landbesitz, Immobilien und Anlagen, dessen historischer Status als Privateigentum der Krone von Kritikern angefochten wird. Darüber hinaus verfügt der Monarch über persönlich Geldanlagen, die zwar besteuert, aber nicht veröffentlicht werden. Die Geheimhaltung königlicher Testamente macht die Sache noch verworrener. Niemand weiß, ob Andrew seinen Lebensunterhalt aus dem Erbe seiner Großmutter oder seiner Mutter bestreitet – oder aus anderen, fragwürdigeren Quellen.

Wie bei der langwierigen Auseinandersetzung um den Hohenzollern-Besitz, wird das Verhältnis der britischen Krone zum Staat durch Grauzonen zwischen privatem und öffentlichen Eigentum belastet. Dass der Buckingham-Palast für Staatsempfänge genutzt wird, aber auch als Veranstaltungsort für eine Geburtstagsfeier dienen konnte, die die Ex-Frau von Prinz Andrew für die kleine Tochter von David Beckham ausgerichtet hat, wirft ein Schlaglicht auf das Problem. Überhaupt legt der Fall Andrew tiefsitzende strukturelle Mängel offen.
Die mangelnde Transparenz ihrer Finanzen bringt die Krone schon seit Jahrhunderten in Konflikt mit dem Parlament, das Rechenschaft verlangt. Archaische Bräuche wie die im britischen Recht verankerte nominelle Miete im Wert eines Pfefferkornes, die Andrew zur allgemeinen Empörung für seine Residenz entrichtete, wirken geradezu symbolisch für eine überholungsbedürftige Institution. Pfeffer war einst eine Handelsgut, das dem Wert von Gold entsprach. Jetzt ist es eine Allerweltsware. Der Wertverlust kann sinnbildlich für das Ansehen der Monarchie stehen. Sue Townsend hat vor rund 25 Jahren eine Satire geschrieben, in der die Königin von Republikanern gezwungen wird, Buckingham Palace gegen eine Sozialwohnung einzutauschen. Es gibt viele, die fänden, dass Andrew nichts Besseres verdient hätte.
Source: faz.net