Zbigniew Brzezinski: Er prophezeite den Untergang dieser Sowjetunion – und den Ukrainekrieg
Zbigniew Brzezinski und Henry Kissinger sind zwei schillernde Figuren in der Geschichte amerikanischer Außenpolitik. Sie sind Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts. Beide sind 1938 aus Europa nach Nordamerika emigriert: Kissinger aus Deutschland, Brzezinski aus Polen. Unter den neunundzwanzig Nationalen Sicherheitsberatern der Vereinigten Staaten ragen beide heraus. Sie haben die Quellen amerikanischer Machtprojektion studiert – und dabei die bipolare Weltordnung im Kalten Krieg mitgestaltet.
Auch nach ihrer Zeit in der Politik blieben beide gefragte Erklärer der Geopolitik, als Berater von amerikanischen Präsidenten und als Buchautoren. Während zahlreiche Biographien über Kissinger erschienen sind, blieb das Leben und Wirken von Brzezinski bisher unterbeleuchtet. Diese Lücke füllt der britische Journalist Edward Luce mit einer ausgezeichneten Biographie über „Zbig“, wie ihn Vertraute nannten.
Dafür greift Luce, der seit Jahrzehnten die US-Politik für die „Financial Times“ begleitet, auf diverse Quellen zurück: Er interviewte mehr als hundert Zeitzeugen, darunter Politiker, Weggefährten, Freunde und Familienmitglieder. Außerdem sichtete er Archive, Protokolle, Memoiren, Korrespondenzen, Dokumentensammlungen und die umfangreichen wie persönlichen Tagebücher von Brzezinski.
Ein Name wie ein Zungenbrecher
So zitiert Luce aus einem Tagebucheintrag vom 8. Mai 1945: „Deutschland hat kapituliert. Ich habe diese aufregende Nachricht heute Morgen in der Schule (in Montreal) gehört. Die Stadt ist voller Fahnen, Blumen, Menschen und Freude. Nur wir Polen teilen diese Freude über den Sieg nicht.“ Mit der Machtübernahme der Sowjetarmee drohe abermals Fremdherrschaft und lediglich eine andere Form des Totalitarismus.

Brzezinski, der 1928 in Warschau geboren wurde, stammt aus einer gebildeten und wohlhabenden Familie. Sein Vater war Diplomat, seine Mutter Hausfrau. Brzezinski war ehrgeizig, intelligent, risikofreudig und stur. „In welchem Thema kennt ihr euch besonders gut aus?“, war eine Frage aus dem Schuljahrbuch 1939/40. Viele Schüler antworteten spielerisch darauf, wie etwa „Romantik“, „alles“, „Filme“ oder „zu spät kommen“. Nicht so Brzezinski. Er gab an: „Europäische Angelegenheiten“.
Später sollte der selbstbewusste Brzezinski oft gewitzelt haben: „Amerika ist das einzige Land, in dem jemand namens ‚Zbigniew Brzezinski‘ sich einen Namen machen kann, ohne seinen Namen zu ändern.“ Dessen Vorgesetzter, der amerikanische Präsident Jimmy Carter, instruierte 1977 seine Mitarbeiter, den Namen wie folgt auszusprechen: „ZbigNieff BreshinSki“. Der Name sei ein Zungenbrecher, meint Luce – gebe jedoch einen Hinweis auf Brzezinskis Stärken und Schwächen.
Über das „Nationalitätenproblem“ der Sowjetunion
Die Stärke, die Brzezinski früh zeigte, entwickelte sich zu einer lebenslangen Berufung. Als junger Harvard-Student besuchte er 1953 die kurz zuvor eröffneten Büros von Radio Free Europe (RFE) in München. Dies sei Brzezinskis erste Reise über den Atlantik gewesen, seit er Polen fünfzehn Jahre zuvor verlassen hatte. Dort traf er Jan Nowak-Jeziorański, der die polnische Abteilung von RFE leitete. Das enzyklopädische Wissen des damals 25 Jahre alten Brzezinski über den polnischen Untergrund und die Operationen der Polnischen Heimatarmee beeindruckte Nowak.
Brzezinskis Vater erzählte Nowak später, dass es das Lebensziel seines Sohnes sei, Polen von den Sowjets zu befreien. Das Gefühl der verletzten polnischen Identität, der „amputierten Geschichte“, sei bei Brzezinski permanent präsent gewesen – „Wounded Polishness“ nennt Luce das. Er war in dem unerschütterlichen Glauben aufgewachsen, dass Polen ein zivilisatorischer Teil des Westens sei. „Über Jahrhunderte hinweg geteilt, verraten und an den Rand gedrängt, war Polen das ewige Waisenkind des Westens“, schreibt Luce.
Das habe Brzezinski geprägt, historisch und kulturell, und dazu angetrieben, einer der führenden amerikanischen Wissenschaftler zum Kalten Krieg zu werden. Er beherrschte Polnisch und Russisch, pflegte gute Kontakte zu osteuropäischen Emigranten; seine tschechischsprachige Frau Emilie Beneš war auch hierin ein wichtiger Gesprächspartner. Dies sei ein Vorteil gewesen, den viele Sowjetologen nicht hatten. Bereits in seiner Masterarbeit aus dem Jahr 1950 identifizierte Brzezinski das „Nationalitätenproblem“ als die „Achillesferse“ der Sowjetunion. Demnach hätten nichtrussische Völker innerhalb der Sowjetunion und die Satellitenstaaten des Warschauer Pakts ihr Nationalgefühl bewahrt. Sie würden das, was als russischer Imperialismus empfunden wurde, nicht auf unbestimmte Zeit tolerieren. Die Sowjetunion war kein monolithischer Block, so Brzezinski weiter, die Ablehnung des russischen Kolonialismus konnte strategisch genutzt werden, um den Untergang des Ostblocks zu beschleunigen. Diese Erkenntnis, bemerkt Luce, entging vielen, darunter Kissinger und vielen anderen in der Carter-Regierung.
Ein streitbarer und arroganter Charakter
Gleichwohl beschreibt Luce Brzezinskis eigene „Achillesferse“. Aufgrund seines Selbstbewusstseins galt er als arrogant und rücksichtslos. Für das Washingtoner Establishment war er ein „streitbarer Charakter“, insbesondere seine polnische Herkunft machte ihn „verdächtig“. Averell Harriman, ein Grandseigneur der Nachkriegsordnung und US-Außenpolitik, sprach ihm das „amerikanische Ethos“ ab; Brzezinski wolle, glaubte Harriman, die USA in einen militärischen Konflikt mit Russland hineinziehen. Mit seinen Thesen über den sich abzeichnenden Niedergang des Sowjetimperiums forderte Brzezinski also die Entspannungspolitik der Nixon-Regierung heraus.

Carter entschied sich – entgegen fast aller Ratschläge, von Kissinger bis hin zu den „Weisen“ des außenpolitischen Establishments – für Brzezinski als seinen Nationalen Sicherheitsberater (1977 bis 1981). Außerdem ignorierte er Forderungen, ihn zu entlassen, als die politische Lage schwierig wurde. Im Zuge der Geiselnahme von Teheran im November 1979 stand Carter zu seinem umstrittenen Berater. Brzezinski habe die Krise mitausgelöst, weil er darauf bestand, dass die USA den gestürzten Schah Irans zur medizinischen Behandlung aufnehmen sollten.
Doch der „schlimmste Tag“ in der Karriere von Brzezinski soll der 24. April 1980 sein. An diesem Tag ist die „Operation Eagle Claw“ zur Befreiung der 53 amerikanischen Geiseln spektakulär schiefgegangen. Carter betonte indes mehrfach, dass Brzezinski ein Freund sei. Zudem habe er als einziger Mitarbeiter einen strategischen Plan parat gehabt, wie man die Sowjetunion übertrumpfen könne. Brzezinski blieb loyal und verteidigte Carters Präsidentschaft auch nach seinem Amtsende.
Früh warnte er vor dem russischen Revanchismus
In elf Kapiteln zeichnet Luce anschaulich nach, wie Brzezinski zu einer prägenden Figur wurde. Dabei zeigt er, wie heftig die Machtkämpfe zwischen dem Außenministerium (Cyrus Vance) und dem Nationalen Sicherheitsrat waren – und bietet einen Parforceritt durch diverse Krisen, die Brzezinski meistern musste: sowjetischer Einmarsch in Afghanistan, Islamische Revolution in Iran, China, die Umwälzungen in Europa, die strategische Ausrichtung der USA im Wettbewerb mit der Sowjetunion, die Modernisierung des amerikanischen Atomwaffenarsenals.
Eine Stärke der Biographie ist – neben der analytischen Tiefe – der Vergleich von Kissinger und Brzezinski. Luce beleuchtet dieses wechselhafte Verhältnis: „Brzezinski behandelte jeden, den er für einen Dummkopf hielt, mit Verachtung. Kissingers Stil bestand darin, Egos zu streicheln. „Schmeichelei wirkte bei Journalisten genauso gut wie bei Politikern.“ Kissinger, der Meister der Verführung, soll sich mehrmals über Brzezinski echauffiert haben, weil dieser die machtgestützte Détente à la Kissinger kritisierte: „Brzezinski ist ein absoluter Mistkerl!“ Nach dessen Tod am 26. Mai 2017 klang Kissinger anders. „Die Welt ist ein leerer Ort ohne Zbig“, sagte er.
„Brzezinski gehörte keiner außenpolitischen Schule an, war weder konsequent ein Falke noch eine Taube“, folgert Luce. Die frühere Außenministerin Madeleine Albright nannte ihn einen „realistischen Optimisten“. In jedem Fall bleibt Brzezinskis Wirken virulent. Der Altmeister des geopolitischen Schachbretts warnte schon 1997 vor einem neuen russischen Imperialismus und Revanchismus. „Ohne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr“, analysierte er hellsichtig.
Brzezinskis Vermächtnis bringt der ehemalige Verteidigungsminister Robert Gates auf den Punkt: Die „zerbrechlichen Samen“, die Brzezinski säte – indem er Menschenrechte als Waffe gegen Moskau einsetzte und die Hoffnungen Osteuropas auf Unabhängigkeit schürte –, würden Jahre später „tödliche Früchte“ tragen. Zu den Erträgen gehörte unter anderem die polnische Solidarność-Bewegung. „Wo sind nur all die Geostrategen geblieben?“ – das fragte die US-Zeitschrift „Foreign Policy“ nach dem Erscheinen der Biographie über „Zbig“. Nun sei dieses Buch angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine den europäischen und deutschen Politikern zur Pflichtlektüre empfohlen.
Edward Luce: „Zbig“. The Life of Zbigniew Brzezinski, America’s Cold War Prophet. Bloomsbury Publishing, London 2025. 560 S., geb., 36,90 €.
Source: faz.net