Laber-Podcasts: Also, solche Kritik ist nicht ganz genau


Wolfgang Kemp hält Podcasts für das Sinnbild einer Gesellschaft, die redet, ohne wirklich etwas zu sagen. Ist die Kritik berechtigt?

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„Genau“, „sozusagen“, „halt“ – Wolfgang Kemp rechnet mit der Sprache der Podcasts ab. Übersieht der Professor für Kunstgeschichte dabei nicht etwas?

Es gibt Worte, die haben es in sich: „Genau“ zum Beispiel. Oder „sozusagen“. Auf den ersten Blick ganz normale Worte, doch haben sie das Zeug dazu, Menschen auf die Palme zu bringen. Mir geht das auch so: Wenn früher, an Schule oder Uni, ein Referat mit einem mehr oder weniger enthusiastischen „genau“ begann, war ich direkt raus. Und öfter als mir lieb ist, ertappe ich mich selbst dabei, ein unnötiges „sozusagen“ zu verwenden.

Vom Zwang zur Zwanglosigkeit

Auch Wolfgang Kemp ist kein Fan des achtlosen Gebrauchs solcher Worte. Der emeritierte Professor für Kunstgeschichte hat sogar ein Buch über „unseren schönen neuen Sprachgebrauch“ geschrieben (der Freitag 40/2025).

Besonders schön findet Kemp diesen Sprachgebrauch nicht: Ein Grundrauschen, aus dem man jederzeit aus- und wieder einsteigen kann, weil ohnehin nichts von Substanz gesagt wird, sondern herumgelabert wird. Zwischen Füllwörtern auf der einen und „Floskeln der Absolutheit“ auf der anderen Seite.

Mich interessiert daran vor allem, dass der sprachliche Verfall für Kemp besonders deutlich bei Podcasts sichtbar wird. Von wegen Podcast-Krise: Hier wird das Medium zum Sinnbild einer ganzen Gesellschaft. Wenn das mal kein Karrieresprung ist.

Oder eben auch nicht, denn gut kommen Podcasts bei Kemp ja nicht gerade weg. Weshalb sich der geneigte Podcast-Hörer in mir etwas ertappt fühlt. Denn offensichtlich lasse ich mich da von Laberbacken einlullen, die einem „Zwang zur Zwanglosigkeit“ folgen.

Alles Gute labert nur?

Sonderlich tief hat sich Kemp allerdings nicht herabgetraut in die triste Welt der „Content“-Blase. Pflichtbewusst hakt er das Buzzword „Laber-Podcasts“ ab – um sich dann unter anderem in Lakonisch Elegant zu verbeißen. Es ist ein Format von Deutschlandfunk Kultur, das man zwar als etwas zwanghaft zwanglos bezeichnen könnte, der aber trotzdem nicht als Beispiel für einen Laber-Podcast taugt. Dafür wartet das Personal mit viel zu viel Expertise und Können auf.

Kemps zweites zentrales Beispiel ist der Podcast Alles Gute. Dieser Podcast qualifiziert sich möglicherweise besser für die Laber-Kritik. Ich kenne ihn nicht. Ich kann schließlich auch nicht alles hören und Wolfgang Kemp selbst hat wissenschaftlich genau die große Datenlage benannt: „Von einer Million jederzeit zugänglicher Podcasts allein in deutscher Sprache ist die Rede.“

Die bislang letzte der insgesamt 35 Folgen Alles Gute ist im Dezember 2024 erschienen. Vielleicht also auch kein Paradebeispiel?

Die großen Laberpodcasts wie Gemischtes Hack oder Sanft & Sorgfältig erwähnt Kemp dagegen nicht – beziehungsweise nur, um sich über das Ampersand (das kaufmännische Und-Zeichen, falls Sie wie Ich ein etwas doofer Podcast-Hörer sind) zu echauffieren.

Denn das steht wiederum sinnbildlich dafür, dass Podcast-Hosts sich immer gleich zur Marke stilisieren, was Kemp genauso schlimm findet wie das ewige Storytelling. Unergründlich, diese Podcast-Welt, aber trotzdem problemlos zu sezieren.

Von wegen nur Geschwätz

Es bleibt der Eindruck, dass da einer einfach mal gepflegt auf einem Medium herumhacken wollte, das ihm weniger gut gefällt als ein vorgelesener FAZ-Artikel oder eine Böll-Erzählung. Bei so einer Mission ist der genaue Blick doch eher hinderlich.

Sonst hätte er womöglich auch die Vorzüge solcher Podcasts gesehen. Zum Beispiel, dass sie einen leichteren Zugang zu komplexen Themen der Gegenwart schaffen. Dass sie Hörerinnen und Hörer manchmal sogar bewusst am Zweifeln und Nachdenken teilhaben lassen. Und eben: dass es nicht nur Laberpodcasts gibt.

Das soll nicht heißen, dass jede Kritik falsch ist. Im Gegenteil, auch ich wäre froh, wenn ich das ein oder andere „genau“ und „sozusagen“ weniger hören müsste. Glaubhafter und wirksamer würde diese Kritik allerdings, wenn man es sich nicht zu leicht machte.