Kunst | Punkte-Orgie in Basel: Yayoi Kusama und dies Geschäft mit jener Unendlichkeit
Die Fondation Beyeler feiert Yayoi Kusama mit einem Infinity-Spektakel aus Punkten, Spiegeln und Tentakeln – und weiß dabei die Schattenseiten der Künstlerin gekonnt zu umgehen
Yoyaoi Kusama ließ sich wegen ihrer Psychosen selbst in eine Psychiatrie in Tokio einweisen und lebt dort bis heute
Foto: Yoyaoi Kusama, Courtesy of Ota Fine Arts, Victoria Miro, David Zwirner
Das Spektakel fängt schon draußen an: Im Garten der Fondation Beyeler, idyllisch gelegen im Basler Reichen-Vorort Riehen, bildet sich eine Schlange vor einem verspiegelten Häuschen. Yayoi Kusamas brandneuer Infinity Mirrored Room lässt sich nur gebückt betreten, drinnen bricht sich buntes Licht in scheinbarer Unendlichkeit.
Einige Schritte weiter, neben der nächsten Schlange vor der Kasse, dümpeln die 1.200 Edelstahlkugeln ihres Narcissus Garden im Wasserbassin friedlich vor sich hin. 1966 hatte sich Kusama damit selbst auf die Biennale von Venedig eingeladen und die glänzenden Bälle für zwei Dollar das Stück im Eingangsbereich der Giardini verkauft. Als Kritik an der Kommerzialisierung der Kunstwelt.
Der Kult um die konsumierbare Kunst
Heute gilt die 1929 geborene Japanerin als eine der teuersten Künstlerinnen der Welt. Sie hat alles, was den Kunstmarkt und ein breites Publikum glücklich macht: Ihr Signature-Look mit den bunten Polka Dots ist die Definition von Wiedererkennungswert. Ihre immersiven Kunsterlebnisse versprechen puren Spaß.
Sie thematisiert obsessiv Sex – in den 1960ern versprach sie im Rahmen einer ihrer vielen öffentlichen Orgien-Performances Richard Nixon Sex gegen die Beendigung des Vietnamkriegs – und bezeichnet sich als asexuell. Ihre Identität als Künstlerin aus einem patriarchalen Japan, die in den 1950ern von dort in die USA floh und seit 1977 wegen ihrer Psychosen und Halluzinationen freiwillig in einer Klinik in Tokio lebt, ist gleichzeitig fetischisier- und konsumierbar.
Schon das erste Werk in der Basler Ausstellung, durch die sich auffallend viele ältere Frauen bewegen – vielleicht liegt es aber nur an der Uhrzeit oder am Standort – erfüllt die Signature-Sehnsucht. Eine unbetitelte Bleistiftzeichnung aus dem Jahr 1939 (!) zeigt ein introvertiert wirkendes Frauengesicht, das mit Punkten übersät ist.
Im vierten Raum ploppen auf einmal, nach vielen Ölmalereien, Gouachen und Pastellen, die die späteren Schwerpunkte schon erahnen lassen, skulpturale Arbeiten auf. Eine englisch sprechende Museumsführerin erklärt einer Gruppe staunender amerikanischer Schülerinnen, Kusama habe nie Sex mit einem Mann gehabt – und gerade deswegen immer wieder phallisch geformt. „Sie wollte sich davon überzeugen, es doch zu mögen!“
Kusamas Phallophobia
Über den Boden zieht sich eine Schlange aus grauen, dildoartigen Stoff-Ausstülpungen; vor der Wand, an der Kusamas Modeentwürfe aus den 1950ern und 1960ern hängen (unter anderem der Macaroni Dress, der genau aus dem Material besteht, das sein Name vermuten lässt), ist ihr Chair von 1963 platziert, der wie ein 3D-Pimmel-Wimmelbild wirkt: Lauter schmutzig weiße, labbrige Penisformen in verschiedensten Größen, die aus einem Sessel wuchern.
Die Bestsellerautorin und Kunstexpertin Sarah Hoover erwähnt in ihrem Substack-Beitrag über Kusamas „Phallophobia“ nicht nur die bekannte Tatsache, dass die spätere Künstlerin als kleines Mädchen von ihrer Mutter dazu gezwungen wurde, ihren Vater beim ehebrecherischen Sex mit seiner Geliebten zu beobachten.
Sondern auch, dass sie es war, die mit ihrem Phallus-Stuhl Claes Oldenburg zu seinen Soft Sculptures inspirierte, die später zu dessen Pop-Art-Trademark werden sollten. Immerhin habe sich seine Ehefrau Jahre später für diesen folgenreichen Ideenklau entschuldigt, Kusama sei davon jedoch am Boden zerstört gewesen – Hoover bringt sogar ihren Selbstmordversuch aus den 1960ern damit in Verbindung. Entschuldigt hat sich jedoch Kusama selbst – einen Tag vor der Eröffnung ihrer großen Show im San Francisco Museum of Modern Art 2022.
Gelb-schwarzer Höhepunkt
Die US-Website Hyperallergic hatte im Vorfeld auf rassistische Passagen ihrer Autobiografie von 2002 hingewiesen, wo sie stereotype Darstellungen von Schwarzen Slumbewohner*innen, die sich gegenseitig erschießen, verbreitet hatte. Auch in einem Theaterskript von 1971 und einem Roman aus dem Jahr 1984 typisierte sie Schwarze Menschen als wild und unzivilisiert.
Die Schau in Basel geht nicht auf diese Kontroverse ein, sondern konzentriert sich auf Kusamas Botschaften von Liebe, Frieden und Respekt, die sie auch in ihrer Entschuldigung verwendet hatte. Und auch auf die Vielfältigkeit ihres Oeuvres, die neben den catchy verspiegelten Unendlichkeitsräumen, dem riesigen gelb-schwarzen Kürbis oder den knallbunten Hippie-Gemälden im vorletzten Raum leicht untergehen kann.
Denn Kusama veranstaltete nicht nur Happenings, entwarf Mode und Alltagsgegenstände und schrieb Bücher, sie gab auch kurzzeitig das nicht jugendfreie Tabloid Kusama’s Orgy heraus. All das verblasst jedoch beim letzten Akt der Ausstellung der für ihre Blockbuster-Qualitäten bekannten Fondation Beyeler, dem Money Shot: Die Treppe hinab geht es zum gelb-schwarzen Punkthöhepunkt, dem finalen, größten, spektakulärsten Infinity Room.
Fünf Selfies in Kusamas Tentakelland
Es riecht nach PVC beim Einbiegen in diesen verspiegelten Erwachsenenabenteuerspielplatz mit aufgeblasenen Plastiktentakeln, die sich durch einen großen Raum schlängeln, und auch die erneute Schlange vor dem erneuten Spiegelboxraum schmälert die Immersions-Illusio ein wenig. „45 Sekunden!“ mahnt der Museumsaufseher, fünf Selfies im Halbdunkeln, dann wieder nach oben zum eigentlichen Höhepunkt: dem Shop. Kusama-Puzzle, -Strickpüppchen, -Socken, -Brillenetuis, -Teetassen oder doch einfach die Kühlschrankmagnete?
Mit ihren 96 Jahren ist Yayoi Kusama eine der erfolgreichsten Künstlerinnen aller Zeiten. From here to infinity. Oder zumindest bis zum nächsten Unendlichkeits-Immersionserlebnis.
Yayoi Kusama Fondation Beyeler, Basel bis 25. Januar 2026