Karl Schlögel: Friedenspreisträger kritisiert deutsche Russlandpolitik

Der Historiker Karl Schlögel ist mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Die Laudatio bei der Veranstaltung in der Frankfurter Paulskirche hielt die aus der Ukraine stammende Autorin und Publizistin Katja Petrowskaja. In seiner Dankesrede kritisierte der Historiker die deutsche Russlandpolitik der vergangenen Jahrzehnte und rief die Deutschen zum Lernen auf. 

„Sie kennen sich aus mit Verhaltenslehren des Widerstands und bringen den Europäern bei, was auf sie zukommt, wenn sie nicht endlich sich auf den Ernstfall vorbereiten“, sagte Schlögel über die Menschen in der Ukraine. Die Bürger und Bürgerinnen des angegriffenen Landes lehrten uns, „dass das, was geschieht, nicht Ukrainekonflikt heißt, sondern Krieg“, warnte er. Russland habe ein Regime, das die Ukraine als unabhängigen Staat vernichten wolle und das Europa hasse. „Sie zeigen uns, dass dem Aggressor entgegenzukommen nur dessen Appetit auf noch mehr steigert und dass Appeasement nicht zum Frieden führt, sondern den Weg in den Krieg ebnet.“

Weiter sagte der Preisträger, es sei „erstaunlich, wie lange es in Deutschland gedauert hat, gewahr zu werden, womit man es mit Putins Russland zu tun hat. Dieses Versagen sei ein weites Feld für die historische Aufklärung und „eine Aufarbeitung, die niemanden verschonen wird“, sagte der 77-Jährige. „Es gab viele Russland-Versteher, aber zu wenige, die etwas von Russland verstanden.“ Auch Russlands Präsidenten Wladimir Putin kritisierte Schlögel heftig. „Die Angst ist seine wichtigste Waffe“, sagte Schlögel und warf Putin unter anderem „ethnische Säuberungen“ vor. „Das Unheil, das Putins Russland über die Ukraine gebracht hat, hat viele Namen: Imperialismus, Revisionismus, Mafia-Staat, Faschismus, Rassismus“, sagte er.

Wolfram Weimer lobt Beitrag zur europäischen Verständigung

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hatte den Friedenspreisträger zuvor als
„herausragenden Historiker und Intellektuellen“ gewürdigt. Der
Historiker und Osteuropa-Experte habe „mit seinen vielfach
prämierten Arbeiten über die Geschichte Osteuropas entscheidend zur
europäischen Verständigung beigetragen“, sagte Weimer. „Wie kaum ein
anderer hat er den Blick Europas nach Osten geöffnet, mit
wissenschaftlicher Brillanz, erzählerischer Kraft und moralischer
Klarheit. Seine Werke machen Geschichte lesbar und begreifbar.“

Der 77-Jährige sei „Seismograph gesellschaftlicher Veränderungen“, hatte die Jury bei der Bekanntgabe ihrer Entscheidung mitgeteilt. Als einer der Ersten habe er vor der aggressiven Expansionspolitik des russischen Staatschefs Wladimir Putin gewarnt. Das würdigte auch Weimer: Schlögel habe schon sehr früh und klar auf das völkerrechtswidrige und aggressive Expansionsstreben des russischen Präsidenten hingewiesen. „Er hat immer betont: Ohne eine freie Ukraine gibt es keinen Frieden in Europa.“ Mit seiner Expertise habe er sich in den vergangenen Jahren klar für die Unterstützung der Ukraine ausgesprochen. Dass Schlögels Stimme durch die Auszeichnung mit dem Friedenspreis nun noch stärker gehört werde, sei „ein Gewinn für unser Land und für Europa“, sagte Weimer.

Schlögel für Wiedereinführung der Wehrpflicht

Vor der Preisverleihung hatte Schlögel Putin ebenfalls attackiert. Dieser habe den Krieg nach Europa zurückgebracht und erst unlängst die Europäer verhöhnt, sagte er. Daraus sind nach Ansicht des 77-Jährigen zwei Konsequenzen zu ziehen: eine umfassende Unterstützung der Ukraine sowie eine Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels gehört zu den wichtigsten Auszeichnungen in Deutschland. Seit 1950 sind mehr als 75 Schriftsteller, Philosophinnen, Wissenschaftler und Politikerinnen geehrt worden, darunter etwa Albert Schweitzer, Václav Havel, Astrid Lindgren und Salman Rushdie. Im vergangenen Jahr ging der Preis an die Publizistin Anne Applebaum.