Soziologie | Die Sehnsucht nach dem Knall: Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey erklären sie

Sie heißen Manfred, Mathilde, Stefan oder Annette. Sie sind Schlosser oder Gebäudereiniger, arbeiten in Apotheken oder Social-Media-Start-ups und leben im Ruhrgebiet oder in Ostdeutschland, in Großstädten oder dem ländlichen Südwesten. So unterschiedlich ihre Biografien und Lebensrealitäten sind, sie teilen eine Sache: Sie wollen, dass es knallt. Denn sie sind unzufrieden – mal niedergeschlagen, mal wütend, mal nüchtern kaltherzig, mal desillusioniert radikal.

Das sind nur ein paar der Interviewpartner, die das Material für das neue Buch der Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey liefern. Insgesamt 2.600 Personen nahmen an ihren Umfragen teil, mit 41 führten sie tiefergehende Interviews. Der Ansatz ähnelt dem ihres Bestsellers von 2022, Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus.

Ging es damals vor allem um eine bestimmte Art der „schiefgestellten Herrschaftskritik“, wollen sie die Perspektive nun weiten: Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus ist eine umfassende Sozialstrukturanalyse, mit Fokus auf einen weiteren Sozialcharakter der autoritären Formierung. Ebendie demokratischen Faschisten, unterteilt in drei Typen: Erneuerer, Zerstörer und Libertär-Autoritäre.

Die Interviewten sind meist AfD-Wähler

Der Begriff „demokratischer Faschismus“ ist nur auf den ersten Blick paradox. Schon 1959 hatte der Philosoph Theodor W. Adorno in einem Vortrag bemerkt, er „betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potenziell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie“. Damit war nicht nur die personelle und institutionelle Kontinuität in der Bundesrepublik gemeint, sondern auch das Fortleben gesellschaftlicher Tendenzen, die den Faschismus begünstigt hatten.

Die im Buch von Amlinger und Nachtwey Interviewten sind meist Wähler der AfD. Sie sehen sich nicht als faschistisch, aber in den Interviews sprechen sie offen faschistische Fantasien aus. So etwa Stefan Büchner, der in Bezug auf Migration vorschlägt, es könne ja jeder kommen, aber wer nach drei Monaten keinen Job gefunden habe, „fliegt wieder raus“. Bemerkenswert ist die Gewaltfantasie, die er anschließt: „die werden im Marsch über die Grenze begleitet und kriegen einen richtigen Tritt. Ja, einen Tritt, der so wehtut, dass er nicht wiederkommt!“

Das Demokratische an diesem Faschismus ist jedoch nicht einfach die Verleugnung seiner gewaltvoll-autoritären Seite. Die Gesprächspartner sehen sich meist vielmehr als echte Demokraten – sie berufen sich, und das ist der entscheidende Punkt und die Pointe Adornos, mit Recht auf die Regeln der liberalen, kapitalistischen Gesellschaft, in der sie aufgewachsen sind und ihr Leben gemacht haben.

Keine Beruhigungstablette für Demokraten

Auch wenn dieses häufig von Brüchen geprägt war, was viele eint. Sie glauben an Leistung und Ungleichheit, die Grundpfeiler kapitalistischer Ökonomie – haben aber den Eindruck, systematische Fehlfunktionen ausgemacht zu haben. Die Gesellschaft bevormunde und schränke ein – und vor allem belohne sie die Falschen: jene, die vermeintlich nichts geleistet haben.

Obschon Amlinger und Nachtwey feststellen, dass die Zahl der Destruktiven mit 12,5 Prozent noch relativ gering ist, eignet sich dieses Buch nicht als Beruhigungstablette für Demokraten. Im Gegenteil, es zeigt, warum viele herkömmliche Strategien des liberalen Antifaschismus wirkungslos bleiben. Die Argumente der Autoritären sind häufig inkongruent und ihre Weltsicht irrational. Warum schwärmt der Gebäudereiniger, der Elon Musks Büro putzte, für den Milliardär? Warum wähnt sich die Einwanderin, die Freiheit und Wohlstand genießt, in einer Diktatur?

Es geht um eine Gefühlsstruktur: Weil das Leistungsversprechen des Liberalismus nicht mehr gilt, sehnen sich gerade „status- und dominanzorientierte Menschen“ nach produktivem Chaos. Es gehe nicht mehr anders, es brauche einen radikalen Kurswechsel. Der Befreiungsschlag soll dabei das Gefühl des „blockierten Lebens“ überwinden.

Der Status quo ist unattraktiv

Amlinger und Nachtwey unterfüttern ihre empirischen Erkenntnisse mit einer sehr umfangreichen soziologischen Basis, was die Lektüre nicht immer leicht, aber lohnenswert macht. Vor allem aber arbeiten sie die ökonomischen Grundlagen heraus, die den Typus des demokratischen Faschisten hervorgebracht haben, und die auch eine weitere Abwehrstrategie als hilflos dastehen lassen: Der Status quo ist nicht mehr attraktiv, für ihn zu werben, bestätigt seine Gegner nur.

Der Grund: Der liberale Kapitalismus hat seit den 1970ern stetig an Integrationskraft eingebüßt. Aufstieg ist schwierig, Polykrisen befeuern Abstiegsängste. Weil gleichzeitig integrative Elemente wie Gewerkschaften oder Kirchen an Einfluss verloren haben, bleibt ein atomisiertes Subjekt zurück, das gesellschaftlich nur noch als Konsument existiert.

Der Aufstand der wütenden Kunden richtet sich daher nicht gegen die Herrschenden oder die Kapitalisten, sondern gegen die sogenannte „professional-managerial class“ (PMC), jenen Teil der Mittelschicht, der als Sozialarbeiter und Lehrer, als Professor und Behördenmitarbeiter das konkrete Verhalten der Bürger reguliert. Das sind „die da oben“. An den Erkenntnissen dieses Buches müsste ein zeitgemäßer Antifaschismus anknüpfen.

Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey Suhrkamp 2025, 453 S., 30 €