Doku „Stolz & Eigensinn“: Frauen jener Ostdeutschland-Schwerindustrie blicken zurück
Gerd Kroske holt ehemalige Arbeiterinnen der DDR-Schwerindustrie vor die Kamera. Die Frauen erzählen unsentimental von dem, was sie bewegt hat – und was die Privatisierungs- und Entlassungswelle der 90er Jahre mit ihnen machte
Foto: Presse
Mit dem Stolz ist es so eine Sache, aber der Eigensinn ist ganz sicher eine bislang unterbelichtete Kategorie der Geschichte. Die Frauen, die Gerd Kroske für seinen Dokumentarfilm aufsuchte, haben von beidem in Fülle: Sie sind stolz darauf, als Frauen in der Schwerindustrie gearbeitet zu haben, in Berufen, die vorwiegend Männerdomäne waren.
Aber es ist der sich in ihren Gesten, Formulierungen und Tonlagen ausdrückende Eigensinn, der Kroskes Film zu einem Juwel unter den „Ost-Dokumentationen“ macht. In ihm offenbart sich ein derartiger Reichtum von Aspekten, dass man kaum weiß, wo man mit der Beschreibung anfangen soll.
Kroske selbst beginnt mit einem Archivfund, nämlich Bändern des Leipziger Piratensenders Kanal X aus den frühen 1990ern. Der Sender, der entgegen den Auflagen der Behörden des schließlich vereinigten Deutschlands noch bis Mitte der 90er sendete, böte für sich schon Stoff für einen Dokumentarfilm.
Aber Kroske fokussiert sich schnell auf eine Aufnahme-Reihe, die der Sender seinerzeit mit Arbeiterinnen in der Schwerindustrie machte. Dass Frauen als Brückenfahrer im Braunkohleabbau arbeiteten, hatte es in Westdeutschland nicht gegeben. Dass sie nicht nur „Männerberufe“ ausübten, sondern dafür auch exakt den gleichen Lohn wie ihre Kollegen bekamen, auch nicht.
Diese „Beschäftigungsgleichberechtigung“ spielt bis heute eine Rolle, wenn es um die Abgrenzung von Ost- und Westidentität geht. Kroske jedenfalls hat die Aufnahmen von damals zum Anlass genommen, die darin zu Wort kommenden Frauen zu kontaktieren. Nicht alle haben zugesagt, aber zehn von ihnen konnte er erneut vor die Kamera holen. Er filmt sie, wie sie ihre jüngeren Ichs von damals betrachten und befragt sie zurückhaltend nach ihren Erfahrungen und Gedanken.
Eine gewisse Taffness
Die Lokführerin aus Spreetal, die Diplomchemikerin aus Leuna, die Brückenfahrerin aus Welzow-Süd, die Industriemeisterin aus Großzössen, die Schuhfacharbeiterin aus Weißenfels – sie offenbaren viel Gemeinsames. Eine gewisse Taffness natürlich, empfindlich durfte man sicher nicht sein, wenn man die schweren Maschinen des Braunkohleabbaus betreuen oder beim Gleisbau mit anpacken sollte.
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Das geht einher mit einem entschieden unsentimentalen Blick auf die Dinge. Keine von ihnen wünscht sich im Nachhinein, etwas anderes gelernt oder gemacht zu haben. In ihren Beschreibungen der DDR-Industrieanlagen mit ihren Altlasten gibt es aber auch keine Beschönigungen. Die Arbeit war oft hart, ihre Leben auch. Die „man“-Formulierungen dominieren. Man musste mit anfassen. Man musste tun, was einem gesagt wurde, was notwendig war.
Über die Zeit in den VEB-Betrieben sprechen sie ohne Bitterkeit. Stolz auf sich, auf die eigene Durchsetzungskraft. Bei einigen blitzen Details von schweren Kindheiten und autoritären Eltern hervor, aber auch wohlwollendes Erinnern an kooperierende und unterstützende Ehemänner. Trotz deklarierter Gleichberechtigung von Mann und Frau waren Leitungspositionen ab einer gewissen Stufe eben doch Männern vorbehalten. Aber die einmal errungene Anerkennung konnte ihnen niemand mehr nehmen.
Bittere Untertöne hört man allenfalls heraus, wenn es um dieErfahrung geht, wie die DDR-Betriebe in den neunziger Jahren privatisiert, geschrumpft und aufgegeben wurden. Gegen die Entwertung der eigenen Arbeitsleistung, die in den Massenentlassungen und dem Drängen zur Frührente zum Ausdruck kam, mussten sie sich schließlich mehr zu Wehr setzen, als früher gegen Vorurteile von Kollegen. Dass sie zur Teilnahme an Kroskes Film bereit waren, ist auch ein Ausweis ihrer Kraft zur Selbstbehauptung.
Im Kapitalismus
So geht es in den Erzählungen der Frauen oft um zwei Dinge zugleich: Um die Arbeit, die sie in den VEB-Betrieben erlernten und ausübten, und um das, was „im Kapitalismus“ daraus in den 90er Jahren wurde. Sie hätten sich keine Illusionen gemacht, erzählt eine, sie hätten gewusst, was kommt. Die meisten fügen irgendwann ein schnelles „Wir haben es überlebt“ ein, das gerade in seiner Beiläufigkeit verrät, wie tief die Verwürfnisse waren, die sie bestehen mussten.
„In den 1990er Jahren wurden in drei großen Entlassungswellen mehrere Hunderttausend Frauen aus den ehemals volkseigenen Industriebetrieben der Ex-DDR entlassen. Ihre Verluste an der einst erstrittenen Souveränität und ökonomischen Unabhängigkeit lassen sich nicht beziffern.“ Diese Sätze setzt Kroske an das Ende seines Dokumentarfilms. Und man kann nur hoffen, dass sein großartiger, kleiner Film nicht der einzige zum Thema bleiben wird.
Stolz & Eigensinn Gerd Kroske Deutschland 2025, 113 Min.