Statt Börsengang: ABB verkauft sein Robotergeschäft – für jedes 5,4 Milliarden Dollar

Der Schweizer Elektrotechnikkonzern ABB verkauft seine Robotiksparte für 5,4 Milliarden Dollar an den japanischen Technologieriesen Softbank. Die Trennung war erwartet worden – allerdings nicht in dieser Form. ABB hatte im April angekündigt, sein Geschäft mit Industrierobotern abzuspalten und 2026 an die Börse zu bringen. Damit hätte man den gleichen Weg beschritten wie im Fall der Turboladersparte, die im Jahr 2022 unter dem Namen Accelleron abgespalten worden war und seither an der Börse notiert ist. Für die ABB-Aktionäre war das eine feine Sache: Der Kurs der ihnen automatisch zugeteilten Accelleron-Aktien hat sich seit der Erstnotiz mehr als verdreifacht.
Dass ABB bei der Trennung vom Robotergeschäft nun überraschend anders vorgeht, dürfte mit dem hohen Preis zusammenhängen, den Softbank bietet. Dieser liegt deutlich oberhalb dessen, was am Markt erwartet worden war. Die Analysten der Zürcher Kantonalbank schätzten den Wert einer börsennotierten Robotiksparte auf weniger als vier Milliarden Dollar. Denn in diesem Geschäft lief es zuletzt nicht mehr richtig rund. Dies lag unter anderem daran, dass die krisengeplagten Autohersteller zu den größten Kunden zählen.
In schlechten Zeiten halten sich Unternehmen mit Investitionen in der Produktion zurück. Im vergangenen Jahr erzielte die ABB-Sparte mit rund 7000 Beschäftigten einen Umsatz von 2,3 Milliarden Dollar. Das war sieben Prozent des Konzernumsatzes. Die operative Umsatzrendite (Ebita-Marge) lag mit 12,1 Prozent deutlich unterhalb des Gruppendurchschnitts von 18,1 Prozent.
Synergien zu anderen Geschäftsfeldern zu klein
Als weiteres Argument für die Abgabe der Industrierobotik führte der Vorstand an, dass die Synergien zu den übrigen Geschäftsfeldern von ABB zu klein seien. Nachdem sich der Konzern unter dem Druck der Investoren 2019 schon vom Geschäft mit Hochspannungsnetzen getrennt hatte (dieses ging für zehn Milliarden Dollar an Hitachi ), konzentriert man sich fortan also nur noch auf drei Geschäftsfelder: Elektrifizierung, Prozessautomation und Antriebstechnik.
Der Verkauf der Robotiksparte, der spätestens bis Ende 2026 abgeschlossen sein soll, beschert ABB nach Abzug der Transaktionskosten Barerlöse von 5,3 Milliarden Dollar sowie einen Buchgewinn vor Steuern von rund 2,4 Milliarden Dollar. Analysten spekulieren darauf, dass ein großer Teil der zufließenden Mittel für den Rückkauf eigener Aktien eingesetzt wird. Diese sind bei Investoren beliebt, weil sich dadurch der Unternehmensgewinn auf weniger Aktien verteilt. Der ABB-Aktienkurs stieg im Verlauf des Mittwochs um zwei Prozent auf 59,30 Franken; seit Jahresbeginn hat er gut 20 Prozent zugelegt.
Ein Teil der Verkaufserlöse könnte allerdings auch in Übernahmen fließen: „Wir haben die Feuerkraft, auch größere Akquisitionen zu tätigen, wir schließen also größere Deals nicht aus“, sagte der ABB-Vorstandsvorsitzende Morten Wierod der Nachrichtenagentur Reuters. Angesichts des guten Marktwachstums wolle man in die Bereiche Elektrifizierung und Automatisierung investieren und sowohl organisch als auch durch Zukäufe wachsen.
Mit der Übernahme schnappt sich Softbank den nach der japanischen Fanuc zweitgrößten Hersteller von Industrierobotern der Welt. Weitere große Anbieter sind die Augsburger Kuka AG, die sich in chinesischem Besitz befindet, und die japanische Yaskawa . Die Robotiksparte von ABB betreibt Produktionszentren in China, den USA und Schweden, wo sie ursprünglich gegründet wurde. Infolge des Verkaufs verlässt Sami Atiya den Konzern zum Ende dieses Jahres. Der deutsche Manager war im ABB-Vorstand für den Geschäftsbereich Robotik und Fertigungsautomation verantwortlich.
Nach Aussage von Softbank-Chef Masayoshi Son soll die ABB-Sparte dabei helfen, künstliche Superintelligenz und Robotik zu verschmelzen – „und damit eine bahnbrechende Entwicklung vorantreiben, die die Menschheit voranbringen wird“. Softbank erwägt laut Bloomberg den Bau eines groß angelegten industriellen Fertigungszentrums in den USA, das Produktionslinien für KI-gestützte Industrieroboter umfassen könnte. Das japanische Unternehmen hat kürzlich eine neue Holdinggesellschaft namens Robo HD gegründet, in der es seine Robotikgeschäfte zusammenfasst. Mehr als ein Dutzend Portfoliounternehmen, darunter Berkshire Grey Inc., Agile Robots SE und Skild AI, ein Entwickler von Modellen Künstlicher Intelligenz (KI) für Roboter, wurden in die neue Einheit übertragen.
Nach Angaben des Internationalen Robotik-Verbandes wurden im vergangenen Jahr rund um den Globus 542.000 Industrieroboter neu in Betrieb genommen. Davon wurden 74 Prozent in Asien installiert. Der größte Robotermarkt der Welt ist China mit zwei Millionen installierten Industrierobotern.