Schauspieler von jener Groeben: Man darf die Rolle nie verraten

Ist es Fluch oder Segen, dass viele Menschen mit Ihnen die Rolle des Daniel „Danger“ Becker in der großen Schulkomödie „Fack ju Göhte“ verbinden?

Stimmt. Ich werde heute von Zwölfjährigen auf der Straße auf „Danger“ angesprochen. Das freut mich und hilft mir in meiner öffentlichen Wahrnehmung. Zu zeigen, dass ich nicht nur der „Danger“ bin, habe ich all die Jahre ganz gut hinbekommen – auch weil ich bewusst dagegen angegangen bin. Ähnliche Komödien habe ich reihenweise abgesagt.

Das muss man erst mal hinbekommen.

Richtig. Wir wissen alle, dass die Schauspielerei kein Job ist, bei dem du am Ende des Monats deinen Gehaltscheck bekommst. Die Karriere ist ein Marathon und kein Sprint, und trotz des Grafen im Namen sind da keine Schätze vorhanden.

Was ist dann das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Hm. Vielleicht Zuversicht ins Leben, und ich glaube, dass ich ein fleißiger Typ bin. Das zahlt sich auch irgendwann aus. Die Goldene Kamera habe ich für dramatische Rollen bekommen. Das war nie ein komplett fremdes Terrain für mich. Deswegen habe ich ja auch in „Lindenberg“ oder der „Mittagsfrau“ mitgespielt.

Trotzdem haben Sie auch wieder in dem „Fack ju Göhte“-Nachfolger „Chantal im Märchenland“ mitgemacht.

Na klar, ich sehe meinen Beruf so, dass ich publikumswirksame Komödien und gleichzeitig politisch bedeutsame Formate drehen kann wie jetzt „Die Nichte des Polizisten“. Das ist so, wie ich den Beruf im besten Fall verstehe.

Haben Sie sich vorher schon Gedanken über diese Morde gemacht, die in „Die Nichte des Polizisten“ verhandelt werden?

Dieser Film ist angelehnt an den Mord an Michèle Kiesewetter, aber fiktiv erzählt. 2007, als das Verbrechen geschah, war ich 15, der Fall und der Name waren ein Mysterium für mich. Ich habe mich im Zuge des Films erst näher damit beschäftigt. Wir waren sehr gut beraten, vor allem weil Gabriela Sperl ein großes Hintergrundwissen hat, aber auch der Regisseur konnte uns an die Hand nehmen.

Gibt es Vorbilder, an denen Sie sich in Ihrem Spiel orientieren?

Meine Arbeit war recht klassisch. Mein Charakter ist diesem Film ist ja frei erfunden. Leonardo DiCaprio in „Departed“ gehörte zur Vorbereitung. „Characterbuilding“ heißt ja: Woher kommt meine Rolle, wie tickt er, was treibt ihn an?

Was lernt man mit der Zeit?

Durch die Erfahrung kennt man die Abläufe: Was brauche ich, was will ich. Und hat am Set den Mut, den Regisseur zu bitten – selbst wenn der die Szene gekauft hat: Ich würde gern noch einmal etwas versuchen. Also auch einzufordern, was man vom Regisseur will und braucht.

Wie bereiten Sie sich auf eine Rolle vor?

Mein Ansatz ist strukturiert. Zunächst ist das Schreibtischarbeit. Ich lese mehrfach das Drehbuch, schreibe mir alles Mögliche zur Rolle raus. Ich habe mir überlegt: Woher kommt der? Ich schau mir die Szenen an, wo sind da Brüche? Was will der ei­gentlich sagen, wenn er dieses oder jenes sagt?

Wie ist Ihre Einstellung zur Polizei?

Ich wollte als Kind Feuerwehrmann werden, weil ich die Sendung „Grisu, der kleine Drache“ sehr geliebt habe. Die Szenen in diesem Film haben mir noch einmal großen Respekt vor dem Beruf des Polizisten eingeflößt. Das ist ein sehr physischer Film. Wir trainierten, mit schwerer Ausrüstung zu laufen. Dazu siehst du alles um dich herum nur durch kleine Sehscheiben. Ich bin dankbar, dass Leute den Job ausüben und im Idealfall unser Leben sicherer machen.

Sind Sie selbst mit dem Gesetz schon in Konflikt gekommen?

Nein. Ich hab nur ein paar Punkte in Flensburg für zügiges Fahren erhalten.

Wie steht es um Ihre körperliche Fitness?

Ich liebe es, wenn ich mich für meine Rollen physisch vorbereiten darf. Das hilft mir, die Rolle zu finden. Ich habe für diesen Film bewusst trainiert nach einem Trainingsplan, den uns ein Coach geschrieben hat. Ich habe relativ lange Judo gemacht auf ambitioniertem Level. Hier mussten wir mit Rüstung Weinberge hochlaufen. Beim Film macht man diese Dinge nicht nur einmal, sondern mehrmals. Da ist Fitness Voraussetzung.

Mir hat zuletzt eine Regisseurin erzählt, dass sie sich nach jedem Film Dinge aufschreibt, die sie nicht kann. Gibt es das auch bei Ihnen?

Es gibt hundert Sachen, die ich nicht kann. Man wächst mit den Herausfor­derungen. Ich mag es gern strukturiert, muss aber damit leben, wenn improvisiert wird. Als Kölner sage ich: Et kütt wie et kütt.

DSGVO Platzhalter

Schauen Sie gern Filme und, wenn ja, welche?

Ich habe eine sehr große Filmliste. Da stehen zum Beispiel die Filme von Akira Kurosawa drauf, ich lerne da sehr viel für die Rollen, die ich spiele. Ich versuche mich so weiterzubilden. Das ist mein Beruf: Filmen. Ich habe einen relativ großen Fernseher daheim. Zuletzt liefen da von Oliver Stone „Platoon“, „Wall Street“ und „Born on the 4th of July“ – einfach um ein Gefühl für seinen Stil zu bekommen.

Eine Kollegin von mir merkte zu Ihnen an, sie spielten so häufig eklige Rollen. Stimmt das? Und ist das Absicht?

Ich bin privat ein sehr höflicher Mensch. So wurde ich erzogen. Eklige Rollen ziehen mich mehr an als der nette Typ von nebenan. Crazy, böse – das Verrückte macht etwas in mir auf. Ich bin ja gar nicht so wie Wilhelm aus der „Mittagsfrau“ oder wie Christoph Laurin in „Die Nichte des Polizisten“. Wichtig ist, dass man die Rollen versteht, warum die so handeln. Man darf die Rolle nie verraten. Da kann ich drin aufgehen.

Sie sprachen gerade die Erziehung an. Ihre Mutter Ulrike hat als Moderatorin jahrzehntelang die Nachrichten von RTL geprägt. Ihr Vater Alexander war ein erfolgreicher Judoka und Sportreporter. Und dann gibt ja noch eigene Regeln für die adlige Jugend.

„Adel verpflichtet“? (lacht) Meine Eltern sind schon Vorbilder: fleißig und erfolgreich. Wahrscheinlich wäre das aber ähnlich als Schmitz oder Müller. Ich kann in Rollen sein, wie ich privat niemals wäre. Alles, was ich spiele, hole ich aus mir selbst.

Was war das Überraschendste, das die Filmarbeit in Ihnen freigelegt hat?

Ich glaube, dass man generell viel über sich lernt, über den Antrieb, woher was kommt. Meine Rollen haben eine gewisse Gemeinsamkeit.

Und die wäre?

Kämpfertypen – das kann man schon in vielen Rollen sehen. Ein Kern ist immer da. Das bin ich. Wenn man sich vermeintlich mit der Rolle beschäftigt, lernt man auch viel über sich selbst.

Source: faz.net