Böhmermann, Chefket und Co.: A wie judenfeindlich? Oder A wie abgesagt?
Hat die deutsche Kultur ein Problem mit Antisemitismus oder mit Absagen? Was die Debatte um das von Jan Böhmermann organisierte Konzert des Rappers Chefket bedeutet – und was Kulturstaatsminister Wolfram Weimer damit zu tun hat
Müsste man die deutsche Kulturbranche in den Jahren 2023 bis 2025 mit einem Wort zusammenfassen, dann würde dieses Wort mit „a“ beginnen. Nein, „antisemitisch“ ist es nicht, dafür sind die tatsächlich judenfeindlichen Vorfälle auf Bühnen, Leinwänden und in Ausstellungen doch zu vereinzelt gewesen.
Vielleicht wäre es aber: abgesagt. Vorträge wurden abgesagt. Konzerte wurden abgesagt. Preise wurden zurückgezogen. Künstler*innen zogen sich selbst zurück. Der Positionierungszwang in puncto Israel und Palästina ist groß, weil die Vorwürfe groß sind: Niemand will ein Antisemit sein, und auch kein Genozid-Unterstützer. Ob an den Vorwürfen etwas dran ist, ist erst mal zweitrangig. Eine Schlagzeile, ein Foto, ein Social-Media-Post genügt, um das Image dauerhaft zu beschädigen.
Aus diesem Grund steht auch im Programm einer Ausstellung, die aktuell noch im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) zu sehen ist, nun sehr oft: abgesagt. Die Möglichkeit der Unvernunft heißt die Schau, die TV-Moderator und Satiriker Jan Böhmermann zusammen mit einem Team seiner Sendung ZDF Magazin Royale kuratiert hat und die am 27. September unter Beteiligung des Bundeskultur- und Medienbeauftragten Wolfram Weimer von der CDU eröffnet wurde.
Jan Böhmermann wollte „persönlich von der Bühne boxen“, wer das Existenzrecht Israels leugnete
Zu sehen gibt’s unter anderem Exponate aus der mittlerweile langjährigen Geschichte der satirisch-investigativen Sendung, wie etwa die ausgedruckten Polizeiakten über den sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund (NSU). Zu hören hätte es auch eine Menge geben sollen. Aber weder die Band Blumengarten noch die Rapperin Domiziana werden auftreten, auch die Künstler*innen Wa22ermann, Drunken Masters, Tape Head, NONI und Mine haben allesamt ihre geplanten Auftritte zurückgezogen.
Ins Rollen kam die Absagewelle wegen eines gefährlichen Textils: Irgendwer hat den Großen Beauftragten Weimer darauf hingewiesen, dass ein Bild existiert, auf dem der Rapper Chefket ein Trikot mit der Landkarte Israels inklusive des Schriftzuges „Palestine“ trägt. Es handelt sich um ein Palästina-Benefiz-Trikot, das auch schon andere prominente Personen – unter anderem der Kapitän des FC St. Pauli, Jackson Irvine – öffentlichkeitswirksam getragen haben. Für Weimer leugnet die Symbolik das Existenzrecht Israels.
Das allein hätte ihm wohl schon genügt, um eine Absage des Auftritts nahezulegen. Unglücklicherweise sollte das Konzert aber auch am 7. Oktober stattfinden, jenem Tag, an dem sich das Massaker der Hamas in Israel zum zweiten Mal jährt. Böhmermann betonte zwar noch gewohnt überspitzt, er werde jeden „persönlich von der Bühne boxen“, der das Existenzrecht Israels leugne, aber es war zu spät. Weimer, immerhin qua Amt Aufsichtsratsvorsitzender des HKW, wollte Chefket nicht. Auch eine jüdische Gemeinde hatte sich unterdessen beschwert. Chefket spielte nicht – und alle anderen sagten aus Solidarität ab.
Nun entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet Weimer zu seinem Amtsantritt großspurig verkündet hatte, er werde „die Korridore des Sagbaren, Erkundbaren und Darstellbaren“ weiten. Jeder, der die Biografie dieses Kulturstaatsministers kennt – immerhin war er einst Chefredakteur der Zeitungen Welt und Cicero –, ahnte da schon, in welche politische Richtung da geweitet werden soll.
Böhmermann hat sich in der Vergangenheit des Öfteren über Weimer echauffiert. Für einen Moment sah es nun so aus, als würde aus der Möglichkeit der Unvernunft, an deren letztem Ausstellungstag immerhin ein Podiumsgespräch mit Böhmermann und Weimer stattfinden soll, eine meinungsfreiheitsfreundliche Handreichung.
Zumindest das Gespräch wurde noch nicht abgesagt.