Regierungswechsel in Japan: Regierungswechsel in Japan: Anleger erwarten eine Rückkehr dieser Abenomics

Die Aussicht, dass die konservative Politikerin Sanae Takaichi erste japanische Ministerpräsidentin wird, hat am Montag die Finanzmärkte stark bewegt. An der Börse in Tokio schnellten die Kurse vieler japanischer Aktien nach oben. Der Leitindex Nikkei 225 öffnete am Morgen mit einem Plus von 1,9 Prozent gegenüber der Vorwoche. Im Tagesverlauf stieg das Plus auf bis zu 5 Prozent. Erstmals überstieg das wichtigste japanische Börsenbarometer die Marke von 48.000 Punkten.

Takaichi hatte unmittelbar nach ihrer Wahl zur Vorsitzenden der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) den Kampf gegen steigende Preise als oberste Priorität genannt. Sie will dafür unter anderem die Benzinsteuer abschaffen. Im parteiinternen Wahlkampf hatte Takaichi zudem weitere staatliche Hilfsprogramme in Aussicht gestellt, um die Konjunktur in Japan anzuschieben. Die Politikerin bezeichnete deren Finanzierung über Schulden als probates Mittel. Der Wechselkurs des Yen zum Dollar und zum Euro sowie die Kurse langfristiger Anleihen fielen daher am Montag weiter.

Ausgabefreudige Finanzpolitik erwartet

Takaichi war am Samstag als Nachfolgerin des zurückgetretenen Ministerpräsidenten Shigeru Ishiba an die Spitze der LDP gewählt worden. Es gilt als sicher, dass sie Ishiba auch an der Regierungsspitze in Tokio nachfolgen wird. An den Märkten erwarten viele, dass die politische Ziehtochter des früheren Ministerpräsidenten Shinzo Abe auch dessen Wirtschaftspolitik übernehmen werde. Wichtigster Teil der Abenomics war eine ausgabefreudige Finanzpolitik auf Pump, die von der Bank von Japan mit niedrigen Zinsen und dem Ankauf von Staatsanleihen flankiert wurde.

„Der weltweite Trend geht weg von einer übermäßig strengen Haushaltskonsolidierung“, hatte Takaichi in einer Wahlkampfdebatte gesagt. Vielmehr solle eine „aktive Fiskalpolitik“ Investitionen fördern und soziale Probleme lösen. Zur Rolle der Zentralbank sagte sie nach ihrer Wahl zur LDP-Vorsitzenden, dass sie die Unabhängigkeit der Bank von Japan respektiere. Takaichi sagte aber auch, dass die Regierung für Fiskal- und auch für Geldpolitik verantwortlich sei.

An den Anleihe- und Devisenmärkten kommt Takaichis wirtschaftspolitischer Kurs nicht gut an. Der Yen verlor 1,9 Prozent gegenüber dem Dollar. Gegenüber dem Euro war er mit 175,49 Yen so günstig wie noch nie. Langfristige Anleihen gaben nach. Die Rendite der Anleihen mit 40 Jahren Laufzeit stieg um bis zu 17 Basispunkte auf 3,55 Prozent. Dagegen sank die Rendite japanischer Anleihen mit zwei Jahren Laufzeit um 3,5 Basispunkte auf 0,905 Prozent.

Schon jetzt hat Japan mit 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts die mit Abstand größten Schulden unter den großen Industrienationen. Lange Zeit machten die niedrigen Zinsen die Finanzpolitik auf Pump erschwinglich. Doch im vergangenen Jahr hatte die Bank von Japan erstmals seit 17 Jahren die Zinsen wieder angehoben, was den hohen Schuldendienst weiter verteuert.

Warnungen vor Verwerfungen

Einige Analysten warnten, dass Takaichis erwarteter Kurs zu Verwerfungen an den Finanzmärkten führen könnte. Mark Dowding von der britischen Anlagegesellschaft RBC BlueBay sagte der japanischen Wirtschaftszeitung „Nikkei“, dass Takaichi mit einer Mischung aus expansiver Geld- und Fiskalpolitik die Inflation noch antreiben könnte, die sie eigentlich bekämpfen wolle. Takaichi nennt als politisches Vorbild die britische Reformerin Margaret Thatcher. Sie könnte nach Dowdings Vermutung aber eher enden wie Liz Truss, die in ihrer kurzen Amtszeit als britische Premierministerin 2022 mit nicht gegenfinanzierten Steuererleichterungen die Finanzmärkte in Chaos versetzt hatte.

An den Aktienmärkten waren am Montag besonders heftig die Kursbewegungen in der Energiebranche. Takaichi gilt als starke Befürworterin einer Rückbesinnung auf die Atomkraft. Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 hatte das Land viele seiner Atomkraftwerke vom Netz genommen und seither nur wenige wieder hochgefahren. Am Montag zählten Aktien mit Bezug zur Atomkraft zu den größten Gewinnern: Titel des Kraftwerkbauers Mitsubishi Heavy Industries stiegen um 11 Prozent. Der Stromkonzern Kansai Electric Power Co., der gerade den Bau eines neuen Reaktors erwägt, zog um bis zu 5,8 Prozent an. Die Aktien von Tokyo Electric Power Co., das schon seit Langem daran arbeitet, Japans größtes Kernkraftwerk wieder in Betrieb zu nehmen, legten um bis zu 6,5 Prozent zu.

Ganz anders sah es für Unternehmen der Erneuerbaren Energien aus. Aktien von Renova fielen um bis zu 15 Prozent. West Holdings Corporation , das Solarkraftwerke entwickelt, gab um bis zu 14 Prozent nach. Takaichi hatte im Wahlkampf geäußert, dass sie dagegen sei, „unser schönes Land weiterhin mit im Ausland hergestellten Solarmodulen zu überziehen“. Subventionsprogramme, die diese Form der erneuerbaren Energie förderten, werde sie reformieren.

Source: faz.net